Zur Flüchtlingskrise

Ein paar Gedanken.

1. Warum hat sich im vergangenen Jahr gerade die Generation meiner Eltern so sehr für die Flüchtlinge engagiert? Kann das eine Kompensationshandlung sein, getrieben vom schlechten Gewissen jener ersten Generation, die es nicht geschafft hat, sich zu reproduzieren, und die nun statt der fehlenden Nachkommen Flüchtlinge quasi adoptiert?

Die damit gleichzeitig ihre eigenen Interessen bedient, nämlich die durch ihr eigenes Verschulden zu geringe Zahl der Rentenzahler und Pflegekräfte aufzubessern? Die letztlich also die Entvölkerung von kriegsgeplagten Ländern wie Syrien betreibt, um ihre eigenen Defizite auszugleichen? Es wäre nicht das erste Mal, dass diese Generation – die 68er gehören auch dazu – ihre eigenen Interessen rücksichtslos durchsetzt. Nach ihnen die Sintflut!

Diese These erklärt wenigstens das höchst irrationale Element der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik. Offensichtlich kann Deutschland nicht alle Menschen aufnehmen, die das wünschen. Denn diesen Wunsch haben nicht nur diejenigen, die es derzeit über die deutsche Grenze schaffen. Doch gerade ein rationaler Umgang mit dem Flüchtlingszustrom – dazu gehört eine Entscheidung darüber, wer kommen darf und wer nicht – scheint gegen das kollektive schlechte Gewissen nicht durchsetzbar zu sein.

2. Nächstenliebe ist immer konkret. Sie richtet sich an genau einen Nächsten, nicht an eine mehr oder weniger große Gruppe. Papst Franziskus hat vor einigen Wochen alle katholischen Gemeinden und Gemeinschaften dazu aufgerufen, jeweils genau eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Das ist ein gutes Beispiel für eine sehr konkrete und zugleich relativ einfach umsetzbare Hilfe. Würden alle, die er damit angesprochen hat, dieser Aufforderung folgen, dann wäre schon viel gewonnen.

Aber längst nicht alle Probleme gelöst. Insbesondere hat Papst Franziskus nicht gefordert, einfach pauschal alle aufzunehmen, die kommen mögen. Denn dies würde die Gemeinden überfordern, es wäre nicht umsetzbar und damit letzlich auch keine Hilfe. Es bliebe auf der Ebene abstrakter, wohlmeinender Desiderate ohne konkrete Handlungsperspektive.

Zur christlichen Nächstenliebe gehört untrennbar die Liebe zu sich selbst („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”) wie auch zu Gott. Nächstenliebe bewegt sich daher stets im Rahmen des jeweils Möglichen und trachtet danach, diesen zu erweitern.

3. Die päpstliche Aufforderung zeigt auch, in welche Richtung Lösungsansätze für die gegenwärtige Krise gehen können. Man beginne ganz am Ende der Kette bei den aufnehmenden Gemeinden, Kommunen und Gemeinschaften. Dort sollten Aufnahmekapazitäten für Flüchtlinge bestimmt werden.

Die Leitfrage wäre dann: Gibt es freie Wohnungen, in die Flüchtlinge einziehen können? Welche Familien, Gruppen, Vereine, Initiativen, Organisationen, Gemeinden können sich um sie kümmern? Welche Zahl ist verkraftbar?

Das gegenwärtige System würde so vom Kopf auf die Füße gestellt. Statt einfach jeden aufzunehmen, der die deutsche Grenze überschreitet, ohne Rücksicht auf geltendes Recht, würden Flüchtlingskontingente definiert – und für diese dann sichere Reisewege geschaffen.

Denn auch dieser Aspekt gehört zur Flüchtlingskrise – das derzeitige System begünstigt Schleuser, die den Flüchtlingen das Geld aus den Taschen ziehen und sie dafür unter Lebensgefahr über die EU-Grenzen bringen. Sinnvoll oder gar humanitär ist das nicht, sondern kriminell.

Dieser Lösungsansatz steht und fällt indes mit der Bereitschaft, das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand zu nehmen und insbesondere selbst zu entscheiden, wen unser Land aufnehmen will und kann – und wen nicht. Diese Entscheidung sollte nicht Leuten wie Erdogan oder den Schleusern überlassen werden.

Weihnachten 2015

Im Sommer 1989 war ich mit drei Freunden, Zelt und Rucksack in Ungarn unterwegs. An diese Reise musste ich in diesem Jahr mehr als einmal denken. Zuerst, als wir uns kurz nach Ostern von einem dieser Freunde verabschieden mussten, der an Krebs gestorben war. Die Trauerfeier war sehr von Dankbarkeit geprägt für alles Gute, das war. Ein großer Trost, so erschien es mir.

Und dann, als im Spätsommer die Bilder von Flüchtlingen zu sehen waren, die über Ungarn nach Deutschland kamen. Das ungarische Loch im Eisernen Vorhang war 1989 der Anfang vom Ende der DDR. Diesmal liegen die Dinge komplizierter. Der Unterschied entspricht etwa dem zwischen einem Deichbruch im Binnenland und einem an der Nordsee. Im Binnenland ist die nachfließende Wassermenge begrenzt, an der Nordsee quasi unbegrenzt.

„Keen nich will dieken, de mutt wieken“, sagt man hier im Norden. Wer nicht will deichen, der muss weichen. Mit der Mauer gab die DDR im November 1989 ihre Staatlichkeit auf. Hoffen wir, dass der Zusammenbruch der europäischen Grenzen in diesem Jahr sich wie damals zum Guten wenden lässt.

Dabei ist unsere christliche Berufung, den Menschen, die zu uns kommen, mit Barmherzigkeit zu begegnen und alles zu tun, was in unserer Macht steht, um ihre Not zu lindern. Dies scheint mir, wie so vieles, ein echter Kraftakt zu werden.

Was sollen wir also tun? Diese Frage stellen die Leute an Johannes den Täufer. „Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ (Lk 3, 11)

Nächstenliebe ist immer konkret. Sie richtet sich an genau einen Nächsten, nicht an eine mehr oder weniger große Gruppe. Papst Franziskus hat in diesem Jahr alle katholischen Gemeinden und Gemeinschaften dazu aufgerufen, jeweils genau eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Das ist ein gutes Beispiel für eine sehr konkrete und zugleich relativ einfach umsetzbare Hilfe. Würden alle, die er damit angesprochen hat, dieser Aufforderung folgen, dann wäre schon viel gewonnen.

Viel Kraft hat uns auch in diesem Jahr die Sorge um meine Schwiegermutter gekostet. Es ist nicht leicht, ihr dabei zusehen zu müssen, wie sie die nötige Hilfe anzunehmen verweigert. So schränkt sie ihr Leben unnötigerweise immer weiter ein. Dabei steht so vieles bereit, was helfen könnte. Eine Depression ist eine teuflische Krankheit. Uns als Angehörigen bleibt nichts anderes übrig als uns abzugrenzen, um nicht selbst Schaden zu nehmen.

Unser Jüngster hat in diesem Sommer die Schule gewechselt. Sein Ziel bleibt das Abitur. Nach der dritten Frühjahrskrise in Folge hat er zwar wieder die Versetzung geschafft und ist nun in der neunten Klasse. Doch waren wir uns einig, dass eine Veränderung nötig war. Er hat einen guten Start in der neuen Schule erwischt, allerdings sind mit dem Wechsel auch nicht alle Schulprobleme auf einen Schlag gelöst.

Unser Großer geht mit großen Schritten auf sein Abitur zu, das er im kommenden Jahr ablegen wird. Die ersten sechsstündigen Klausuren hat er bereits geschrieben. Derzeit bewirbt er sich um ein Freiwilliges Soziales Jahr für die Zeit nach dem Abi. Im Januar bereits hatte er seine Führerscheinprüfung bestanden und durfte seitdem in Begleitung seiner Eltern fahren. Seit seinem 18. Geburtstag im Oktober fährt er nun auch alleine.

Beruflich hat mich in diesem Jahr die Neuausrichtung meines Aufgabengebietes beschäftigt. Dieser Prozess war eine echte Herausforderung, blieb aber nicht ohne Erfolg, was mich nun einigermaßen positiv in die Zukunft blicken lässt – auch wenn es momentan gerade mal wieder nicht so rund läuft.

Im Sommer waren wir zum zweiten Mal hintereinander in Südtirol, in der gleichen Ferienwohnung wie vor einem Jahr. Diesmal war ein Freund unseres Ältesten dabei, was die Gruppendynamik etwas belebt hat. Südtirol hat uns wieder sehr begeistert. Es war sicher nicht der letzte Urlaub dort, auch wenn wir für nächstes Jahr ein anderes Reiseziel suchen.

Im Oktober durfte ich bei der Diakonenweihe meines ehemaligen Kurses das Kreuz in den Hildesheimer Dom tragen. Ein großes Zeichen – es ist Christus am Kreuz, um den es hier geht. Der Diakon wendet sich Christus zu, den er besonders in den Armen und Hilfsbedürftigen erkennt. Es war ein goldener Herbsttag, der mich mit großer Freude erfüllt hat. Als fast alle beteiligten Personen rund um den Altar im Dom standen, war für mich auch noch einmal klar zu sehen, dass es in dieser Konstellation keinen gangbaren Weg gab.

Im November haben wir den 75. Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Wir können froh und dankbar sein, dass es ihr und auch meinem Vater, bei allen altersbedingten Einschränkungen, nach wie vor gut geht.

Zu Weihnachten werden wir nun wieder zu meinen Eltern fahren und ein paar Tage dort sein. Am zweiten Weihnachtstag trifft sich die Familie.

Frohe, gesegnete Weihnachten und ein glückliches Jahr 2016!

Gott finden – Gedanken zum 23. Sonntag im Jahreskreis B

In einer Firmkatechetenrunde stellte der Pfarrer vor einigen Monaten die Frage, was wir eigentlich Gott fragen würden, wenn wir mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen könnten. Da gab es die unterschiedlichsten Fragen aus der Runde.

Nun können wir Menschen zwar nicht direkt mit Gott sprechen. Aber wir können auf Gott hören, wir können uns für Gott öffnen und wir können Gottes Gegenwart spüren. Doch was heißt das konkret?

Erstens: Auf Gott hören. Wir hören das Wort Gottes in den Lesungen, im Psalm und im Evangelium. Doch das Wort Gottes ist mehr und ist anders als andere Worte. Das Wort Gottes ist Jesus Christus selbst.

Im Anfang war das Wort, heißt es im Prolog des Johannesevangeliums. Das ist einer der großartigsten Texte der Bibel und der gesamten Weltliteratur. Das Wort Gottes ist eine Person, das Wort Gottes ist Gott selbst.

Auf Gott hören heißt, dass wir uns unseren Glauben nicht nach unseren eigenen Ideen und Wünschen zurechtbasteln, sondern uns ganz an Gottes Wort ausrichten. Das ist ein Beziehungsgeschehen – wir treten in Beziehung zu Gott. Wir öffnen uns für Gott.

Zweitens: Uns für Gott öffnen. Christus selbst öffnet uns in der Taufe Mund und Ohren. Beim Effata-Ritus berührt der Priester Mund und Ohren des Täuflings mit dem Ruf Effata, das heißt: Öffne dich. Im Evangelium hören wir heute, wie Jesus mit diesem Ruf einen Taubstummen heilt.

Christus selbst öffnet uns in der Taufe Mund und Ohren. Das Öffnen hat zwei Dimensionen: das Hören – darüber sprachen wir gerade – und das Sprechen. Den Mund aufmachen. Das ist nicht einfach. Wir tun uns schwer damit, über unseren Glauben zu sprechen. Es fällt uns nicht leicht, uns zu unserem Glauben zu bekennen.

In der Öffentlichkeit oder auch am Arbeitsplatz, vielleicht sogar im Freundeskreis oder in der Familie werden wir schnell angefeindet, wenn wir uns zu christlichen oder gar katholischen Positionen bekennen. Ja, selbst in einer katholischen Gemeinde gibt es heftigen Gegenwind für Aussagen, die nichts anderes als katholische Lehre sind, wie sie eigentlich selbstverständlich sein müsste.

Uns für Gott zu öffnen ist also mit einem Risiko verbunden. Wir leben nicht mehr in einer Kultur und einer Gesellschaft, die vom Christentum durchdrungen ist und auf christlichen Grundsätzen beruht. Als Christen kommen wir heute schnell in einen Gegensatz zu unserer Umgebung.

Die Kinder, die jetzt gerade eingeschult wurden, werden das auch in der Schule erleben. Manch eines von ihnen wird das einzige katholische Kind in der Klasse sein. Vielleicht werden sie sogar von ihren Lehrern, im schlimmsten Fall sogar von Religionslehrern, dumme Sprüche zu hören bekommen. Lasst Euch dadurch nicht verunsichern, sondern haltet durch in Eurem jungen Glauben und bleibt in Verbindung mit Eurer Gemeinde.

Drittens: Die Gegenwart Gottes spüren. Wenn Ihr in eine Kirche kommt, dann könnt Ihr dort spüren, dass Gott da ist. Achtet einmal auf dieses Gefühl. Das ewige Licht neben dem Tabernakel ist ein Zeichen dafür. Jesus ist da, Ihr könnt ihn anschauen und er schaut Euch an.

Warum ist das wichtig? Weil es unsere Berufung als Kinder Gottes ist, in seiner Gegenwart zu leben – mitten in unserem Alltag, in der Schule, auf der Arbeit, in der Freizeit. In der Gegenwart Gottes zu leben ist nicht nur die Aufgabe der Priester und der Ordensleute, sondern das geht uns alle an. Wie können wir das tun?

“Wie schön ist es, dem Herrn zu danken, deinem Namen, du Höchster, zu singen, am Morgen deine Huld zu verkünden und in den Nächten deine Treue”, singt der Psalm 92. In der lateinischen Übersetzung heißt der zweite Teil: “Ad annuntiandum mane misericordiam tuam, et veritatem tuam per noctem.” Misericordia ist die Barmherzigkeit, und Veritas die Wahrheit. Also können wir den Vers auch so übersetzen: “am Morgen deine Barmherzigkeit zu verkünden und in den Nächten deine Wahrheit”.

Barmherzigkeit und Wahrheit gehören zusammen. Wir leben in der Wahrheit, die Christus selbst ist, der von sich gesagt hat: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und wir verkünden seine Barmherzigkeit. Das können wir tun, wenn wir auf Christus hören, uns für ihn öffnen und seine Gegenwart spüren.

Jesus Christus will durch uns in der Welt handeln. Wir sind seine Werkzeuge, mit denen er in der Welt handelt. Im Antwortpsalm des heutigen Sonntags heißt es:

Recht verschafft er den Unterdrückten,
den Hungernden gibt er Brot;
der Herr befreit die Gefangenen.
Der Herr öffnet den Blinden die Augen,
er richtet die Gebeugten auf.

Der Herr ist es, der handelt. Aber durch wen handelt er? Durch uns Menschen. Und an wem handeln wir? An Christus, den wir im Unterdrückten, im Hungernden, im Gefangenen, im Flüchtling erkennen können. Wir sind oft selber blind für Christus und für unsere Mitmenschen. Wir sind gebeugt unter der Last des Alltags. Christus öffnet uns die Augen und richtet uns auf.

Wo finden wir also Gott? Zunächst in seinem Wort, und dann in unserem Nächsten.

Weihnachten 2013

Denke ich an das zurückliegende Jahr, dann fällt mir vor allem unser wunderbarer Sommerurlaub in Schweden ein: ein traumhaftes Ferienhaus, für skandinavische Verhältnisse phantastisches Sommerwetter und die herrliche Landschaft von Värmland und Dalarna. Schweden wirkte auf uns wie ein friedliches, weites Land, bestens zur Erholung geeignet.

Unser Ferienhaus lag nur gute 100 Kilometer von jenem Ort entfernt, wo meine Tante und mein Cousin mit seiner Familie wohnen. Das gab uns die Gelegenheit zu einem Besuch dort. Und auf der Rückfahrt zur Fähre von Göteborg nach Kiel konnten wir einen Zwischenstopp in Hammarö bei Karlstad einlegen, wo ein weiterer Cousin mit Frau und Tochter direkt am Vänern wohnt.

Unser Ältester bekommt viel Lob für sein Schreibtalent, das er regelmäßig für die Jugendseite im Tageblatt einsetzt. Er hat in diesem Jahr seinen Gruppenleiterkurs gemacht. Dafür war er zweimal, in den Oster- und den Herbstferien, für einige Tage unterwegs. Am zweiten Adventswochenende schließlich fand der Praxisteil mit über 30 Kindern statt.

Während er im Gymnasium überwiegend gute und sehr gute Noten bekommt, hat unser Jüngster mehr mit der Schule zu kämpfen. Ich denke aber, dass er sich durchbeißen wird. Nach gut zwei Jahren in der Musikklasse bekommt er nun sein eigenes Tenorhorn, das bisher geliehene Instrument wird zurückgegeben. Sein Lehrer sagt, dass er mit viel Spaß bei der Sache sei.

Meine Frau hat in diesem Herbst ein kleines Bauprojekt initiiert: einen neuen Gartenschuppen. Er ist zwar noch nicht ganz fertig, aber bietet schon Platz für Fahrräder, Gartenmöbel und allerlei Dinge, die bis jetzt in irgendwelchen Ecken standen. Dafür musste das alte Spielhaus weichen, das schon länger baufällig war und aus dem die Kinder herausgewachsen waren.

Für mich endete in diesem Jahr durch eine Entscheidung des zuständigen Weihbischofs vorzeitig meine Ausbildung zum Diakon. Das war ein im Wortsinne schmerzlicher Prozess, der auch noch nicht abgeschlossen ist. Über die Gründe gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Einigkeit besteht nur darin, dass es einfach nicht mehr ging.

Wie alles im Leben hat auch dies seine gute Seite. Ich hatte eine Urlaubswoche für die Ausbildung reserviert, die ich nicht mehr brauchte. So konnte ich November einige Tage im Kloster Nütschau verbringen. Dort habe ich mich auch mit dem Leben meines Namenspatrons befasst, des heiligen Martin von Tours, dessen Fest wir am 11. November feiern. Dabei sind mir drei Dinge aufgefallen.

I.
Martin von Tours hat nie ein geistliches Amt angestrebt. Als der Bischof der Stadt Poitiers, der heilige Hilarius, versuchte, ihm das Amt des Diakons aufzubürden, um ihn dadurch enger an sich zu binden und an den Dienst Gottes zu ketten, weigerte er sich immer wieder und gab vor, er sei unwürdig. Bischof von Tours wurde er schließlich gegen seinen eigenen Willen.

II.
Auch ohne dass es ihn nach einem geistlichen Amt drängte, ging Martin dahin, wohin der Herr ihn rief. Dabei hatte er häufig mit dem Widersacher zu kämpfen. So berichtet sein Biograph Sulpicius Severus:

Martinus zog also seines Weges, und als er durch Mailand gekommen war, trat ihm der Teufel in menschlicher Gestalt entgegen und fragte ihn, wohin er gehe. Und als er den Martinus antworten hörte, er gehe dahin, wohin der Herr ihn rufe, sprach er: “Wohin du auch gehen und was du auch unternehmen magst, der Teufel wird dir widerstehen.” Da antwortete ihm Martinus mit den Worten des Propheten: “Der Herr ist meine Hilfe; ich werde mich vor dem nicht fürchten, was der Mensch mir tun kann.” Und sogleich verschwand der Feind vor seinem Angesicht.

III.
Martins Haltung am Ende seines Lebens kommt am schönsten in einer der Antiphonen zum Ausdruck, die das Römische Brevier zu seinem Fest bereithält:

Domine, * si adhuc populo tuo sum necessarius, non recuso laborem: fiat voluntas tua.
Herr, wenn dein Volk mich noch braucht, dann will ich mich der Mühsal nicht verweigern. Dein Wille geschehe!

Dieses fiat gehört zum Vater unser, dem Gebet des Herrn. Doch es erinnert auch an das fiat der Maria, die vom Engel die Botschaft erhält, dass sie den Erlöser empfangen soll: Fiat mihi secundum verbum tuum. Mir geschehe nach deinem Wort. Damit beginnt, was wir in diesen Tagen feiern: Gott wird Mensch, in Jesus Christus, durch das Ja der Maria.

Frohe, gesegnete Weihnachten und ein glückliches Jahr 2014!

Der Liebe Raum schaffen selbst durch den Kampf

In tätiger Liebe aufbrechen zu Christus und der Liebe Raum schaffen selbst durch den Kampf, in beidem aber demütig offen sein für die Impulse des Geistes Gottes, das macht die Heiligkeit des Martinus aus.
Ludwig A. Winterswyl in der Einleitung zu „Das Leben des Heiligen Martin, Bischofs und Bekenners, berichtet von Sulpicius Severus. Freiburg im Breisgau 1940.“

Theologische Tugenden und Grundvollzüge

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Franziskus, unser neuer Papst, ist ein völlig anderer Typ als Benedikt XVI., der wiederum ein völlig anderer Typ ist als es Johannes Paul II. war. Diese Reihe ließe sich vermutlich fortsetzen. An Johannes Paul I. und Paul VI. kann ich mich noch erinnern, Johannes XXIII. starb schon deutlich vor meiner Geburt.

Das Bild oben zeigt, wie sich die letzten drei Päpste den theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zuordnen lassen. Das ist ziemlich vereinfacht, man denke nur an Deus Caritas est und Spes Salvi. Aber dennoch trifft es den jeweiligen Akzent, wenngleich wir für Franziskus noch eher auf Mutmaßungen angewiesen sind.

Mir kamen spontan die drei Grundvollzüge Martyria, Leiturgia und Diakonia in den Sinn, die ich in genau dieser Reihenfolge den Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus zuordnen möchte.

Liturgie ist, im krassen Unterschied zu seinem Vorgänger, erkennbar nicht das Kernanliegen des neuen Papstes. Ob wir ihn noch singen hören werden? Möglicherweise erlaubt ihm sein Lungenleiden keinen Gesang.

Hingegen Diakonie! Das scheint ihm ein zentrales Thema seines Lebens zu sein. Die Bilder, die ihn bei der Fußwaschung an Kranken zeigen, seine Aufforderung an argentinische Landsleute zu Spenden statt Transatlantikreisen zu seiner Amtseinführung – nur zwei Beispiele, denen weitere folgen werden.

Haben wir einen diakonischen Papst? Das ist eine wirkliche Überraschung, wie auch der von ihm gewählte Name und die weitere Novität, ein Jesuit auf dem Stuhl Petri zu sein. Unbefangen und unkompliziert wie seine ersten Auftritte wird wohl auch sein Umgang mit dem Vorgänger sein. Gerade weil er ein völlig anderer Typ mit eigenen Schwerpunkten ist, dürfte er über jeden Verdacht erhaben sein, im Schatten und unter ungebührlichem Einfluss seines Vorgängers zu stehen.

Möglich ist sogar, dass er zu einem großen Versöhner im Papstamt wird. Er erhält Zuspruch aus unerwarteten Ecken, quer durch das Spektrum kirchenpolitischer Lager. Zu seiner Amtseinführung wird der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel nach Rom kommen, auch das ein Novum. Selbst die Piusbruderschaft könnte er noch in die volle Einheit zurückführen. Den nötigen Pragmatismus scheint er zu haben.

Weihnachten 2012

2012 war ein Jahr, auf das ich mit einer gewissen Zufriedenheit zurückblicken kann. Ich denke an einen wunderbaren Sommerurlaub im Allgäu, der uns viel schönes Wetter, eine entspannte Zeit und eindrucksvolle Berge gebracht hat.

Der Höhepunkt war der Aufstieg auf den Hochgrat, den höchsten Berg des Allgäuer Voralpenlandes. Wir haben immerhin rund 1.000 Meter Höhenunterschied (netto) überwunden, den Abstieg nicht gerechnet. Für uns Flachlandbewohner ist das schon eine ganze Menge.

Mein Vater hat im März seinen 80. Geburtstag gefeiert. Ich bin froh und dankbar, dass er bei guter Gesundheit ist, nach wie vor ein aktives Leben führen und seine Enkelkinder aufwachsen sehen kann.

Unser Jüngster hat in seinem zweiten Gymnasialjahr schon mehr zu kämpfen als bisher. Es scheint aber, dass es mehr die Nerven seiner Eltern als seine eigenen sind, die er damit strapaziert. Mit seinem Tenorhorn macht er gute Fortschritte. Im Bläserchor hier an der Lühe spielt er jetzt auch schon mal bei den Erwachsenen mit.

Im Sommer bin ich in die Ausbildung zum Diakon aufgenommen worden, ein weiterer Schritt ist damit getan. Diese Ausbildung wird bis 2015 dauern, was noch weit entfernt klingt, aber bei genauerer Betrachtung doch schon recht bald ist.

Es wird nun bereits konkreter. Wir haben uns zum Beispiel mit der Seelsorge für Alte, Kranke und Zuwanderer befasst und im Herbst eine Woche lang intensiv das seelsorgliche Gespräch geübt. Ich merke, wie ich neu gefordert bin. Und zugleich nehme ich etwas für meinen Beruf mit.

Es wird sich um eine nebenberufliche und ehrenamtliche Aufgabe handeln, auf die ich mich vorbereite. Einerseits. Andererseits lautet die Bezeichnung: Diakon im Zivilberuf. Was schon andeutet, dass sich auch im Beruf das eine oder andere ändern wird.

Vor einigen Tagen, am 12. Dezember, hat Papst Benedikt (@Pontifex) zu twittern begonnen. Einer seiner ersten Tweets lautete:

Das ist, in aller Einfachheit, ein diakonisches Programm. Zuerst kommt das Gebet und damit die persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Dann folgt das Evangelium, die Heilige Schrift, in der Gott uns anredet. Und schließlich als Antwort darauf die Zuwendung zu den Notleidenden, in denen wir Christus sehen können.

All das steht in enger Beziehung zueinander. Die Sorge um die Armen und Leidenden bleibt an der materiellen Oberfläche, wenn sie nicht aus der frohen Botschaft heraus geschieht. Und das Hören auf das Evangelium bleibt folgenlos, wenn es nicht in Gebet und Gottesbeziehung gründet. In einer Beziehung, die sich am Nächsten konkretisiert. Wer sich so dem Nächsten zuwendet, wendet sich Christus zu.

Nun feiern wir seine Geburt. Jesus ist selbst als Notleidender geboren worden, nicht im Palast, sondern im Stall. In der Herberge war kein Platz. Joseph Ratzinger schreibt im Prolog, seinem jüngsten Band über Jesus von Nazareth:

Von Geburt an gehört er nicht dem Bereich dessen zu, was weltlich wichtig und mächtig ist. Aber gerade dieser Unwichtige und Ohnmächtige erweist sich als der wahrhaft Mächtige, als der, auf den letztlich alles ankommt. So gehört zur Christwerdung das Hinausgehen aus dem, was alle denken und wollen, aus den herrschenden Maßstäben, um ins Licht der Wahrheit unseres Seins zu finden und mit ihm auf den rechten Weg zu kommen.

Christ sein heißt, mit den herrschenden Maßstäben nicht einverstanden zu sein, wenn sie nicht an Christus Maß nehmen. Weihnachten ist also alles andere als ein harmloses Fest, das allenfalls zu Übergewicht führen kann. Weihnachten ist radikal.

Frohe, gesegnete Weihnachten und ein glückliches Jahr 2013!