in Ecclesia

Das Produkt der Kirche

Bei den folgenden Gedanken handelt es sich um leicht bearbeitete Auszüge aus einer längeren Diskussion auf Facebook.

Die passive Kirchenmitgliedschaft ist zunächst die Voraussetzung, um daraus mehr zu machen. Wir haben ja eine flächendeckende Mitgliederdatei mit Adressen und persönlichen Daten. Daraus lässt sich auch viel mehr machen als derzeit so gemacht wird, also weit über gelegentliche Bettelbriefe und Anschreiben von Kommunionkinderjahrgängen hinaus.

Retention-Kampagnen sind schon ok. Wer erst mal weg ist, den bekommt man nicht so schnell wieder.

Heute ist es empirisch so, dass die meisten kirchlichen Produkte mehr oder weniger schwach nachgefragt werden. Trotzdem entwickeln wir kaum neue Produkte oder verbessern signifikant die bestehenden. Nehmen wir mal als unverfängliches Beispiel das äußere Outfit der meisten Gemeinderäume – eine Zeitreise in die 60er oder 70er Jahre… Als Insider gewöhnt man sich irgendwann vielleicht daran.

Beim Thema Spendensammeln funktioniert das Direktmarketing ja heute schon blendend. Spende einmal online für die Sternsinger oder die Caritas, und es kommen kontinuierlich professionell gestaltete Mailings.

Erst einmal haben wir ja nur Postadressen. Mailadressen zu generieren wäre mal ein sinnvoller Schritt. Lässt sich aber alles machen.

Die üblichen Kommunikationskanäle der Durchschnittspfarrei (Vermeldungen und Pfarrbrief) brechen gerade zusammen, weil sie nur noch eine zu kleine Minderheit der Gemeindemitglieder erreichen.

Das ganze Thema Fundraising wirkt auf mich schon ziemlich professionell. Es ist aber auch einfach, da es sich praktisch selbst refinanziert.

Für innovative Projekte auf lokaler Ebene scheitert das Fundraising wahrscheinlich gern am fehlenden Zugriff auf die Verteiler (da könnte ja jeder kommen…) oder an der Vorfinanzierung für das Porto (5.000 Briefe kosten halt mit Dialogpost mindestens 1.400 EUR).

Wenn die heutigen kirchlichen Produkte kaum noch nachgefragt werden, zu ihrer Produktion aber die via Kirchensteuer beschafften Ressourcen nötig sind, dann befinden wir uns in einer dauerhaften Abwärtsspirale. Das kann man sicher als gegeben hinnehmen, aber Evangelii Gaudium oder auch Evangelii Nuntiandi sagen da etwas anderes.

Das Produkt der Kirche ist nicht Christus. Höchstens insofern, als die Kirche der Leib Christi ist. Das Produkt ist unser Dienst an den Menschen, in Diakonie, Liturgie, Verkündigung und Gemeinschaft. Dieser Dienst muss immer wieder neu ausgestaltet (=Design) werden.

Diakonie muss sich den Armen und Bedürftigen der jeweiligen Zeit zuwenden, da sind stetige Änderungen erforderlich. Liturgie entwickelt sich weiter (siehe Ratzinger, Der Geist der Liturgie), Verkündigung muss das Evangelium jeweils in die Sprache der Zeit übersetzen, und auch Gemeinschaft verändert sich. Was vor zwanzig Jahren vielleicht noch ganz schnafte war, lockt heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Das alles ist kirchliche Produktentwicklung.

Frag doch zur Abwechslung mal die 95 Prozent der zahlenden Kirchenmitglieder, die nicht da sind… Klar, die wollen wahrscheinlich auch, das alles bleibt, wie es ist. Ich will so bleiben, wie ich bin… Komisch, das Evangelium predigt Metanoia, aber alles soll so bleiben, wie es ist… Bei Design geht es nicht um bunte Bilder. Sondern um Produktdesign bzw. Service Design, um veränderte Nutzererwartungen, verändertes Nutzerverhalten und am Ende auch veränderte Geschäftsmodelle, da das Modell Kirchensteuer ja ein Auslaufmodell ist. Deshalb Fundraising, weil neue Produkte auch neue Finanzierungsquellen brauchen. So sind ja auch viele tätige Frauenorden entstanden, um mal ein Beispiel zu nennen.

Ja, Abkehr von der Sünde ist gemeint. Und genau deshalb kann nicht alles bleiben, wie es ist. Auch wenn das viele gern so hätten.

Die nötige Veränderung ist häufig ausgesprochen strittig. Allein schon der Perspektivwechsel, sich von denen, die (schon oder noch) da sind, hinzuwenden zu denen, die noch nicht oder nicht mehr da sind.

Wieso? Kann doch jeder kommen, wir sind doch eine offene Gemeinde…

Die Gemeinden sündigen, wenn sie den 99 verlorenen Schafen nicht nachgehen, weil das eine verbliebene Schaf es gern weiterhin kuschelig hätte.

De facto gehen wir den verlorenen Schafen nicht nach, und das ist Sünde.

Die Sonntagsmesse unterliegt seit Jahrzehnten einem Abwärtstrend, der uns normalerweise sehr stark beunruhigen müsste. Dieses Produkt verkauft sich schlecht. Es ist auch kein Einsteigerprodukt (mehr), sondern ein Premiumprodukt, das nur noch über Upselling verkauft werden kann. Uns fehlen aber mittlerweile geeignete Basisprodukte, denn die Kasualien allein plus Heiligabend mit Stille Nacht, Erstkommunion und vielleicht noch Firmung reichen offensichtlich nicht. Der ganze Unterbau wackelt und ist zu großen Teilen zusammengebrochen. Da ist Neubau angesagt.

Man kann sich die Situation auch irgendwie schön definieren. Dann brauchen wir nicht weiter nachdenken.

Ansonsten ist es sicher so, dass Produktentwicklung erst einmal gewollt sein muss. Dazu gehört der Gedanke, dass sich Nutzererwartungen, Nutzerverhalten und Geschäftsmodelle ändern sollen.

Heute ist es ja in etwa so: Das Geschäftsmodell ist die Kirchensteuer, die Nutzererwartungen sind nicht besonders hoch, und das Nutzerverhalten der großen Mehrheit der zahlenden Kunden eher sporadisch. Das alles ist nicht nachhaltig und befindet sich in einer Abwärtsspirale.

Wo Produktentwicklung gewollt ist, da ist eine der ersten Fragen die nach den Ressourcen. Produktentwicklung geht nicht aus dem Nichts und auch nicht irgendwie nebenbei, sondern da muss investiert werden. Und was dort an Geld, Zeit, Personal und Engagement investiert wird, kann nicht anderweitig investiert oder konsumiert werden.

Mit dem fehlenden Unterbau meine ich nicht das Fundament, das in Christus gelegt ist, sondern das, was wir darauf bauen müssen. Da sind nur noch einzelne Elemente übrig, die aber kein stimmiges Ganzes mehr ergeben. So bleibt die Initiation mit Taufe, Erstkommunion und Firmung in den meisten Fällen unvollständig, selbst wenn sie noch vollständig durchlaufen wird, weil das dementsprechende Glaubensleben nicht entwickelt wird.

Ein System funktioniert nur dann, wenn es sich selbst reproduzieren kann. Das ist heute nicht mehr gegeben, deshalb leben wir von der Substanz. Und die ist irgendwann aufgebraucht.

Wir können durchaus von den amerikanischen Megachurches lernen, zum Beispiel von Pastor Rick Warren und Saddleback, oder von Rebuilt Parish. Es geht mehr als oft gedacht.

Photo by Rob Bates on Unsplash

Lichtteilchen aus dem Kirchenlabor

Ein paar wirre Notizen und Links zum Ekklesiolab und darüber hinaus.

Die Lichtteilchen-Liturgie in der Seminarkirche, und in der Kapelle die trockenen Laudes sowie die Heilige Messe mit den Priestern des Hauses und den beiden Hartkeksen. Die CA7-Kirche. Die Kirche im Singular und mit bestimmtem Artikel. Die Einsicht, dass ich exegetisch nicht hinter „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ (1993) zurück möchte.

Der Film „Imagine“ (2012). Podcasts von The little web service bis The Liturgists, Michael Gungor („Beautiful Things“) und Rob Bell. Freakstock und MEHR. Eine Literaturempfehlung zum Lutherjahr, ach was, zur Lutherdekade. The Young Pope.

Ein therapeutischer Aufenthalt in einem Haus, mit dem eine schmerzliche biografische Katastrophe Niederlage Episode Geschichte verbunden ist. Ein Buch, das mich nun schon mit zwei Veranstaltungen verbindet. Eine wunderbare Wander- und Laborgemeinschaft. Biene’s Holzwurm und der Barmissionar mit Thekenkompetenz. Wasser vom Himmel, die Innerste gefüllt bis zum Rand, Blaulicht und Martinshorn rund um die Uhr.

Eine Woche voller Leben, Licht, Wasser, Wort und Geist. Deo gratias!

Achtung, Theologieverdacht!

Notizen aus dem Ekklesiolab, dritte Lieferung

Theologie, die Rede von Gott, manifestiert sich offensichtlich im gesprochenen und geschriebenen Wort. Wo Christliche Theologie sich im Wort manifestiert, ist sie notwendigerweise reflexiv, soweit sich dieses Wort auf den Logos bezieht, der im Anfang war (Joh 1,1). Vermutlich liegt jedoch der größte Teil der real existierenden Theologie gar nicht im expliziten Wort vor, sondern manifestiert sich implizit in Strukturen, Räumen, Gebäuden, Gemeinschaften, Zeiten, Sprache, Bildern, Kunst, Musik etc. – das ist der Verdacht. Widmen wir uns also der Beweisaufnahme.

Beweismittel No. 1: Struktur

Die kirchliche Hierarchie ist strukturgewordene Theologie. Sie bildet das Rückgrat des Leibes Christi, der die Kirche ist. Darin, wie die Hierarchie lebt und gelebt wird, manifestiert und verändert sich ein Stück Theologie.

Beweismittel No. 2: Raum

Die Beziehung von Kirche und Raum ist raumgewordene Theologie. Bistümer, Landeskirchen, Dekanate, Kirchenkreise, Sprengel und Pfarreien sind nicht nur Verwaltungseinheiten, sondern Beziehungsräume. Ob sie nach dem Vorbild der Lehnsherrschaft, der Bürokratie oder der Dienstleistung funktionieren, ist ein theologisch schwerwiegender Unterschied. Es ist theologisch gerade nicht egal, ob zwischen Pfarrei (Territorium) und Gemeinde (Versammlung) unterschieden wird oder nicht, ob es Kirchort heißt oder Gemeinde. Wortungeheuer wie „Seelsorgeeinheit“ transportieren eine (schlechte und wahrscheinlich unreflektierte) Theologie.

Beweismittel No. 3: Gebäude

Kirchen (als Gebäude) sind gebaute Theologie. In ihnen manifestiert sich neben Zeitgeist und Mode immer auch Theologie. Zunächst die Theologie der jeweiligen Bauzeit, deren Ausdruck der Baukörper selbst und die Erstausstattung sind. Und dann die unterschiedlichen Theologien, die mit jeder Ergänzung der Ausstattung, jeder Renovierung und jedem Umbau einhergehen. Die Hildesheimer Seminarkirche ist dafür ein starkes Exponat.

Beweismittel No. 4: Gemeinschaft

Gemeinschaften sind Kommunikation und Beziehung gewordene Theologie. Egal ob sie einer expliziten Regel (Ordensregel, Geschäftsordnung) folgen oder implizite Kommunikations- und Beziehungsregeln haben, steckt darin immer eine bestimmte Theologie. Dies gilt für jede Gemeinschaft, denn auch eine esoterische oder eine atheistische Theologie ist eine solche. In diesen Fällen ist der theós eben ein esoterischer theós, oder es handelt sich um die Ablehnung des theós und der Rede davon.

Beweismittel No. 5: Zeit

Die Unterscheidung heiliger Zeiten von profanen Zeiten ist eine Theologie auf der Zeitachse. Wie Räume aus dem profanen Bereich herausgenommen und sakralisiert werden können, so auch bestimmte Zeiten. Gebetszeiten am Tag, der Sonntag als erster Tag der Woche, heilige Festtage, geprägte Zeiten wie Fastenzeit und Osterzeit, aber auch die Abwesenheit solcher Zeiten sind Theologie. Die Aufhebung der Trennung zwischen sakralen und profanen Zeiten ist Theologie.

Beweismittel No. 6: Sprache

Sprache selbst ist Theologie, auch wenn sie sich nicht explizit auf Gott bezieht. In Sprache sind Annahmen enthalten und Vorentscheidungen getroffen, die enorme theologische Konsequenzen haben. Sprachliche Strukturen spannen einen Raum auf für die Rede von Gott und präformieren sie.

Beweismittel No. 7: Bild

Lange vor dem iconic turn hat Theologie in Bildern gesprochen. Biblische Bilder und Gleichnisse stehen schon am Anfang aller christlichen Theologie, bildliche Darstellungen des Glaubens gehören zu den frühesten Zeugnissen theologischer Reflexion. Bilder sind wahrscheinlich die einfachste und grundlegendste Form der Theologie.

Beweismittel No. 8: Kunst

Die Rede von Gott hat zu allen Zeiten größte Kunst hervorgebracht. Lange bevor der Kunst das Museum als eigener Ort angewiesen wurde, waren Kirchengebäude Fokuspunkte für das Kunstschaffen der sie tragenden Gemeinschaften. Hier stand Kunst den Menschen aller Schichten offen, selbst wenn sie nicht getauft waren. Kunst in der Kirche war nicht exklusiv den Reichen vorbehalten.

Beweismittel No. 9: Musik

Geistliche Musik gleicht einem Gottesbeweis. Der Gregorianische Choral, die H-Moll-Messe von Bach oder die Gesänge von Jacques Berthier sprechen auf eine Weise von Gott, wie sie sonst vielleicht nur noch in Kunst und Bild möglich ist – durch ihre pure Existenz.

Fazit der Beweisaufnahme:

Die implizite Theologie ist viel umfangreicher als die explizite Theologie. Das Verhältnis zwischen beiden gleicht dem Verhältnis zwischen Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpf, wie im Jahre 1215 das Vierte Laterankonzil formuliert hat:

„Denn von Schöpfer und Geschöpf kann keine Ähnlichkeit ausgesagt werden, ohne daß sie eine größere Unähnlichkeit zwischen beiden einschlösse.“

Kirchliche Räume und Resonanz

Notizen aus dem Ekklesiolab, zweite Lieferung

Nisi Dóminus ædificáverit domum, * in vanum laboravérunt qui ædíficant eam.
Ps 126(127),1

Wir kommen ja aus einer Zeit, in der kirchliche Räume vor allem durch Gebäude definiert waren, die wiederum den sie umgebenden Raum definiert haben. In der Gegend, in der ich wohne, heißen sogar Orte nach ihren Kirchen: Steinkirchen, dort ist die Kirche aus Stein. Neuenkirchen, dort steht die jüngste und kleinste Kirche. Mittelnkirchen, dort liegt die Mitte zwischen den anderen beiden Orten.

Auch wenn diese Kirchen heute nur noch recht sporadisch genutzt werden, die Identifikation der Bürger mit den Gebäuden ist nach wie vor hoch. Sie sind kulturelle Zeichen und ein Erbe, auf das zu verzichten nicht leicht fällt. Sie definieren auch noch den säkularen Raum, den Kulturraum. Ihre Kunstschätze und die zum Teil wertvollen Orgeln gehören zum Weltkulturerbe, wenn auch (noch) nicht zu dem der UNESCO.

In diesen Gebäuden findet ein geistliches Restprogramm statt, das in seiner räumlichen Umgebung nur noch schwache Resonanz findet. Es hat einen gewissen musealen Charakter, es belebt die Gebäude, die andernfalls tatsächlich zu Museen oder gar Gaststätten, Wohnungen und dergleichen umgenutzt würden. Die Signifikanz der Gebäude würde kaum leiden, falls dies eines wahrscheinlich nicht mehr allzu fernen Tages geschehen sollte.

Die Gebäude sind den Kirchen längst wertvolles Erbe und unerträgliche Altlast zugleich. Sie binden Ressourcen, Energie und Zeit, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Nutzung stehen. Sie machen uns zu Hütern eines Museums. Nicht zufällig greifen Kirchenrenovierungen derzeit häufig zu musealen Stilelementen. Je wichtiger das museale Erlebnis wird, desto mehr müssen die Gebäude daraufhin optimiert werden.

Und je mehr die Gebäude ihre geistliche und sakrale Signifikanz verlieren, desto schwieriger wird es, überhaupt geistliche und sakrale Signifikanz zu generieren. Die Ressourcen (Geld, Zeit, Personal, Engagement) sind in bestehenden Strukturen gebunden, die kaum noch eine Funktion haben, die über den reinen systemischen Selbsterhalt hinausgeht. Und selbst dieser wird zunehmend fraglich, denn nachhaltig ist anders.

Es ist hohe Zeit für kirchliche Neugründungen, die nicht von bestehenden Gebäuden ausgehen und sich dem Raum anders als durch die signifikante Kirche im Dorf öffnen. Die den Raum anders und neu bespielen und sich nicht scheuen, die Kommunikationsmittel der Gegenwart effektiv und effizient zu nutzen, um Resonanz zu erzeugen. Mit dem Buchdruck hat die Kirche das schließlich auch getan.

Was ist kirchliche Produktentwicklung?

Notizen aus dem Ekklesiolab

In den letzten Monaten habe ich meinem Chef geholfen, ein Buch über Transformationale Produkte zu publizieren. Einer der Kernthesen darin: Wer die Digitale Transformation beim Unternehmen beginnt, hat schon verloren. Erfolgreiche Transformation muss beim Produkt beginnen. Produktentwicklung wiederum beginnt beim Nutzer, bei seinen Erwartungen und seinem Verhalten, die durch erfolgreiche Produkte verändert werden und schließlich auch die Wertschöpfung verändern.

Meine These ist, dass sich das von Matthias Schrader entwickelte Modell zum einen aus dem digitalen Kontext lösen und somit verallgemeinern lässt. Zum anderen kann man es auch auf den kirchlichen Kontext anwenden. An dieser Stelle verzichte ich zunächst auf eine ausführliche Darstellung des Modells. Auf der #wewonder-Konferenz im Februar in Hannover sprach ich in einer Seilschaft mit Jonny Baker u.a. auch über Design Thinking, Service Design und Produktentwicklung im kirchlichen Kontext.

Mein Fazit: In aller Regel denkt im engeren kirchlichen Kontext niemand in Produktkategorien. Warum das so ist, ist eine interessante Frage, die zu untersuchen sich lohnen dürfte. Auch darauf verzichte ich an dieser Stelle. Hier will ich nur versuchen, in aller Kürze zu skizzieren, was kirchliche Produktentwicklung bedeuten würde.

1. Was sind kirchliche Produkte?

Die Liste ist lang und keineswegs vollständig: Gottesdienste, Predigten, Kirchenmusik, Sakramente, Seniorenkreise, Publikationen, Kirchenräume, Kindergärten, Altenheime, Seminare, Tagungen, Gemeindefeste, Krankenhäuser, Schulen, Klöster, Jugendgruppen etc. pp. Die Kirche bringt eine Vielzahl von Produkten auf ganz unterschiedliche Märkte, auf denen sie zum Großteil immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt ist. Alle diese Produkte kosten Geld, bringen aber auch welches ein, sodass sich der gesamte Apparat am Ende auf verschiedenen Wegen selbst finanziert.

2. Wie funktioniert kirchliche Produktentwicklung heute?

Je stärker die Konkurrenz und je weiter vom kirchlichen Kerngeschäft entfernt, desto professioneller das Produkt und die Produktentwicklung. Kirchliche Krankenhäuser, Schulen und Altenheime sind häufig besser als deren profane Konkurrenz. Hier liegt zweifelsohne ein gewaltiges Asset. Die Umkehrung gilt auch: Je geringer die Konkurrenz und je näher am kirchlichen Kerngeschäft, desto unprofessioneller das Produkt und die Produktentwicklung. Eine harte Aussage? Klar.

Aber bitte – wenn der sonntägliche Gottesdienst als eines der kirchlichen Kernprodukte nur noch von einer verschwindenden Minderheit der eigenen zahlenden Kundschaft wahrgenommen wird, dann ist das zuallererst eine gewaltige Ohrfeige für das Produkt. Irgendetwas läuft hier falsch. Vielleicht ist es gar kein Kernprodukt? Dann stellt sich die Frage nach dem angemessenen Ressourceneinsatz. Oder ist es doch ein Kernprodukt? Dann ist die Frage, warum es so wenig frequentiert wird.

Ein Wirtschaftsunternehmen jedenfalls würde ein Produkt mit solchen Kennzahlen normalerweise vom Markt nehmen. Und sich mindestens wünschen, bereits neue, attraktive Produkte entwickelt zu haben, bevor das Kernprodukt das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat. Sicher kann man es noch für eine Weile subventionieren, sei es aus sentimentalen Gründen, sei es aus Gründen der Markenbildung. Aber auf Dauer stellt sich die Frage nach der Zukunft.

3. Wie würde kirchliche Produktentwicklung besser funktionieren?

Sie beginnt zunächst mit der Frage der Nutzererwartungen. Was erwarten die Nutzer heutiger kirchlicher Produkte, und wie kann man das Nutzererlebnis zehnmal besser machen als heute? Also nicht einfach nur etwas besser, sondern wie kann man es auf eine neue Ebene heben? Wie sieht die Nutzerschnittstelle aus, das User Interface? Welchen Nutzwert hat es? Gibt es funktionale und mentale Lock-ins? Wie ändern sich Nutzungsgewohnheiten? Wie sieht die Vermarktung aus?

Das sind Fragen, auf die Produktentwicklung in iterativen Prozessen nach Antworten sucht, angefangen von kleinsten Prototypen und Minimalprodukten (Minimum Viable Products) bis hin zum erfolgreich getesteten Produkt, das dann weltweit ausgerollt werden kann. Ein wichtiger Punkt noch zum Schluss: Das Scheitern ist Programm. Es geht darum, frühzeitig zu scheitern, Irrwege rechtzeitig zu erkennen und möglichst schnell zu korrigieren. Es geht nicht um die eine geniale Produktidee am Anfang, sondern um einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess.

Wahljahr 2017: Alles läuft nach Merkels Plan

Es ist schon fast beängstigend, wie sehr das Wahljahr 2017 bis jetzt nach einem Drehbuch zu verlaufen scheint, das im Konrad-Adenauer-Haus geschrieben sein könnte. Ich frage mich schon länger, was eigentlich passieren müsste, damit die SPD die Bundestagswahl gewinnt. Mir fällt nichts ein.

Das beginnt schon damit, dass nicht einmal klar ist, wie eigentlich so ein SPD-Wahlsieg aussehen würde. Mehr Stimmen als die CDU? Das ist mittlerweile extrem unwahrscheinlich geworden. Eine Kanzlermehrheit für Rot-Rot-Grün? Die gibt es schon seit 2013, ohne dass dies der SPD irgendetwas genutzt hätte. Einmal davon abgesehen, dass inzwischen auch R2G weit von einer rechnerischen Mehrheit entfernt ist.

Woher soll eine Kanzlermehrheit für Martin Schulz kommen? Solange die SPD diese Frage nicht beantworten kann, muss sie auch keinen Kanzlerkandidaten aufstellen. Vages Geraune, dass zunächst die Wahl abzuwarten sei und sich danach schon Mehrheiten finden würden, genügt da nicht.

Das Wahljahr begann mit dem kongenialen Schachzug Sigmar Gabriels, auf sein nach einer absehbaren Wahlniederlage ohnehin verlorenes Amt als Parteivorsitzender zu verzichten und stattdessen mit Martin Schulz einen kurz vor der Rente stehenden Zählkandidaten auf den Schild zu heben. Das Modell hatte sich mit Peer Steinbrück bereits 2013 bewährt.

Diesmal hätte Gabriel als Parteivorsitzender selbst antreten müssen, die Wahl sicher verloren und anschließend auf irgendeinem Versorgungsposten ausharren müssen. Da nahm er lieber selbst das Heft in die Hand und sicherte sich mit dem Außenamt einen Ministersessel, auf dem er auch eine weitere Große Koalition überdauern könnte. Mittlerweile muss die Fortsetzung der Großen Koalition schon als Erfolg für die SPD gelten.

Niemand konnte ahnen, dass sich die SPD dermaßen an Schulzbegeisterung besaufen würde, wie sie es Anfang des Jahres tat, als sie ihn mit 100 Prozent der Stimmen ins Amt hievte. Schon damals war klar, dass diese Dramaturgie nicht zu einem erfolgreichen Wahlkampf passen würde. Denn vom Hype der 100 Prozent aus gesehen konnte es nur noch abwärts gehen.

Das Pulver war also schon im zeitigen Frühjahr verschossen. Die fehlende Machtperspektive schlug erstmals im Saarland vernichtend ins Kontor, als die Option R2G als Luftschloss entlarvt wurde. Die Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung der Linken schreckt SPD-Wähler ab, mobilisiert CDU-Wähler und treibt Wechselwähler in die Arme von Angela Merkel.

Es folgten die verlorenen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und NRW. Nun spätestens haftete Martin Schulz ein Verliererimage an, das er kaum wieder loswerden kann. Nach R2G zerstoben auch Rot-Grün (in NRW abgewählt) sowie die Ampelkoalition (die in Schleswig-Holstein nicht zu bilden gelang) als Machtperspektiven der SPD.

Was anschließend in Sachen „Ehe für alle“ geschah, hätte sich wahrscheinlich selbst Angela Merkel nicht träumen lassen. Zunächst legte Volker Beck den Grünen ein vergiftetes Abschiedsgeschenk ins Nest, als er diese an sich völlig unbedeutende Frage zur Koalitionsbedingung erklären ließ und damit zunächst die schwarz-grüne Option beschädigte.

Als FDP und schließlich die SPD nachzogen, schien endlich ein Wahlkampfthema gefunden, das Wähler gegen die CDU mobilisieren könnte, die als Blockierer dazustehen schien. Flugs erklärte Angela Merkel das Thema zur Gewissensfrage und entschärfte so diese Bombe. Trotzdem wäre das Thema im Wahlkampf auf der Agenda geblieben, wenn die SPD nicht wieder einmal Merkel in die Falle gegangen wäre.

So räumte die SPD nicht nur ein Wahlkampfthema ab, sie tat es auch noch auf die ungeschickteste Art, die denkbar war. In der letzten Sitzung vor der Sommerpause stimmte sie mit Linken und Grünen gegen die CDU, um das Thema auf die Tagesordnung setzen zu können, und bescherte so der Union unverhofft die Gelegenheit, im Wahlkampf glaubhaft vor R2G warnen zu können.

Auch im Bund ist damit ein Thema gefunden, das im Saarland bereits funktioniert hat: Wer nicht riskieren will, von den Linken regiert zu werden, der wählt besser nicht SPD oder Grüne. Beide Parteien werden damit effektiv auf ihre Stammwählerschaft reduziert. Dümmer geht es nicht.

Nun stochert Martin Schulz mit diversen Programmen im Sommerloch herum, ohne ein zündendes Thema für den Wahlkampf zu finden. Er ist längst selbst beschädigt, hat keine realistische Machtperspektive und kann nicht erklären, warum ein Machtwechsel angebracht sein sollte.

Und was heißt hier Machtwechsel? Die SPD war in den letzten 19 Jahren insgesamt 15 Jahre an der Regierung beteiligt. In den letzten vier Jahren konnte sie große Teile ihres Programms durchsetzen, auch ohne den Kanzler zu stellen. Warum daran etwas ändern?

Inzwischen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass es im Herbst für eine schwarzgelbe Koalition reichen könnte. Schwarz-Grün wäre dann vermutlich auch möglich, ist aber unwahrscheinlich – diese Chance haben die Grünen vor vier Jahren vertan. Es kann sogar sein, dass es am Ende zur absoluten Mehrheit für die CDU/CSU kommt.

Denn keine der vier kleinen Parteien (Linke, Grüne, FDP und AfD) ist wirklich sicher im nächsten Bundestag vertreten. Kämen nur zwei oder gar nur eine von ihnen ins Parlament, dann würden etwa 40 Prozent für die CDU zur absoluten Mehrheit genügen, da die SPD mit um die 24 Prozent weit genug entfernt ist. In 16 Prozentpunkten Abstand ist Platz für zwei kleine Parteien, auch ohne dass es eine Mehrheit gegen die CDU/CSU geben würde.

Allem Anschein nach genügt es, auf Fehler der SPD zu warten, um Wahlen zu gewinnen. Die Fehler der SPD allein im Jahr 2017 reichten wahrscheinlich, um mehrere Wahlen zu verlieren.

Lieben durch das Scheitern hindurch

Ansprache zur Goldenen Hochzeit

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wer kennt diesen Spruch nicht? Er enthält einen wahren Gedanken: Auch wenn es schrecklich sein mag, etwas zu beenden, so ist es immer noch nicht so schrecklich wie damit weiterzumachen.

Das Scheitern kann befreiend sein, auch wenn es schrecklich ist. Der einmalige Schmerz des Scheiterns ist nicht so groß wie der dauerhafte Schmerz des Weitermachens. Schwer ist nur, das Scheitern zu erkennen und sich einzugestehen, gescheitert zu sein.

Denn sich das Scheitern einzugestehen ist schmerzhaft. Wir neigen deshalb dazu, uns das Scheitern nicht einzugestehen und auch unter Schmerzen so lange weiterzumachen, bis es gar nicht mehr geht – bis der Schmerz des Weitermachens größer wird als der Schmerz des Scheiterns.

Das Scheitern hat keinen besonders guten Ruf. Wer gescheitert ist, dem ist das irgendwie unangenehm. Er spricht nicht gerne darüber. Es stellt sich sofort die Frage nach der Schuld. Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich besser machen müssen? Wie hätte ich das Scheitern vermeiden können?

Ich möchte heute über die positiven Seiten des Scheiterns sprechen. Scheitern setzt Energie und Zeit frei, die bis jetzt gebunden war. Es hat etwas Befreiendes, nicht länger ein totes Pferd zu reiten, sondern abzusteigen und sich nach neuen Transportmitteln umzusehen.

Scheitern ist geradezu die Voraussetzung für Veränderung. Scheitern schafft Raum für Neues. Im Scheitern kommt Gott ins Spiel. Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, sagt Paulus im zweiten Korintherbrief (2 Kor 12,10). Erst wenn wir gescheitert sind, kann Gott rettend eingreifen.

Gottes Gnade erweist ihre Kraft in der Schwachheit (2 Kor 12,9). Unsere Schwachheit schafft Platz für die Kraft Christi (2 Kor 12,9). Durch unser Scheitern sind wir zurückgeworfen auf uns selbst und auf Gott. Scheitern macht uns frei dafür, von Neuem auf Gottes Wort zu hören und nach dem Willen Gottes zu fragen.

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann scheitern wir dauernd in unserem Leben. Im Kleinen wie im Großen. Wie oft seid Ihr in den 50 Jahren Eurer Ehe gescheitert! Wie vieles ist misslungen, lief nicht nach Plan, kam ganz anders als gewünscht und gedacht!

Und doch sitzt Ihr heute hier, habt Euer Eheversprechen erneuert und könnt heute diesen großen Tag mit uns feiern. Ihr habt es bis hierhin geschafft, weil in jedem Scheitern ein Neubeginn steckt, weil Ihr immer wieder von vorn begonnen habt.

Schon die Feier Eurer Hochzeit vor 50 Jahren war überschattet vom Tod des Brautvaters nur wenige Tage zuvor. Die Feier Eurer Silberhochzeit vor 25 Jahren musste um drei Monate verschoben werden, weil der Silberbräutigam ins Krankenhaus musste.

Vor zehn Jahren starb Eure Tochter, unsere Schwester an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Der Tod ist das ultimative Scheitern unseres Lebens. Der Tod ist endgültig und nicht umkehrbar. Schauen wir auf das Kreuz. Jesus Christus ist am Kreuz gescheitert. Nach den Maßstäben der Welt ist er gescheitert.

Und doch glauben wir, dass er am Kreuz gesiegt hat. Er hat am Kreuz unser Scheitern besiegt. Und er hat in seiner Auferstehung den Tod besiegt. Dieses Paradox bringt Psalm 118 auf den Punkt: Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden. (Ps 118,22)

Die Bauleute in diesem Bild, das sind handfeste Leute, Maurer. Sie würden niemals einen Stein vermauern, der nicht ganz in Ordnung ist. Solche Steine werfen sie weg. Wie kann solch ein Stein, den kein Maurer verarbeiten würde, plötzlich zum Eckstein werden?

Psalm 118 liefert die Erklärung: Das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder. (Ps 118,23) Es ist ein Wunder. Es geschah vor unseren Augen. Und es war Gott der Herr, der an Jesus Christus dieses Wunder vollbracht hat. Er verwandelt das Scheitern in einen Sieg. Der weggeworfene Stein wird zum Eckstein, und damit auch zum Stein des Anstoßes für jene, die nicht glauben (1 Petr 2,7-8).

Das ist Ostern. Das ist die Auferstehung. Das ist der Kern des Glaubens. Das ist der Schlüssel zur Deutung der Schrift. In der Lesung, die wir gerade gehört haben, hieß es: Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit; such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade. (Spr 3,5-6)

Wenn wir auf Jesus Christus vertrauen, statt auf unsere eigene Klugheit zu bauen, wenn wir ihn zu erkennen suchen, dann macht er den Weg frei. Dann verwandelt er unser Scheitern in Gelingen. Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen, so hieß es in der Lesung (Spr 3,3). Liebe und Treue sind nicht begrenzt, weder zeitlich noch inhaltlich.

Die Liebe der Eheleute zueinander und die Liebe der Eltern zu den Kindern ist ein Bild der Liebe Gottes zu den Menschen. Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe, hören wir im Johannesevangelium (Joh 15,12). Liebe und Treue sind dauerhaft und an keine Bedingungen geknüpft. Sie sind bedingungslos.

Wo wir schwach sind, wo wir scheitern, da kommt Gott uns zu Hilfe. Die Liebe knüpft an unserer Schwachheit an. Wo Eheleute scheitern, da gilt es mutig voranzuschreiten – nicht dem Scheitern nachtrauern, sondern es in die Hände Gottes legen und neue Wege gehen.

Bleibt in meiner Liebe! So sagt es uns das Johannesevangelium (Joh 15,9). In der Liebe bleiben, auch im Scheitern und in der Schwachheit. Lieben durch das Scheitern hindurch. Das Scheitern und die Schwachheit in Liebe ertragen, und die durch das Scheitern freigewordene Kraft und Zeit in Liebe verwandeln.

Wir müssen also unsere Schwachheit, unser Versagen und unser Scheitern annehmen, damit Gott uns zu Hilfe kommen kann. Und dann bleiben wir nicht bei unserer Schwachheit, unserem Versagen und unserem Scheitern stehen, sondern Gott schenkt uns neue Kraft.

Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden. Das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder. Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen. (Ps 118,22-24)

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. (Phil 4,7)

Amen.

Mit Folklore ist keinem gedient

Ein Kommentar zu meiner jüngsten Notiz stellt die Vermutung auf, es ginge darum,

irgendeine noch undefinierte Form zu suchen, „diese Leute loszuwerden“.

Nichts liegt mir ferner. Nun ist es zwar so, dass diese Leute de facto schon verloren sind, und zwar je nach Lesart entweder als zukünftig noch Kirchensteuer zahlende Kunden oder auch als gläubige Christen und Katholiken. Niemand wird auf Dauer für eine Leistung teuer bezahlen, die er kaum oder gar nicht in Anspruch nimmt. Deshalb befindet sich der Kulturkatholizismus seit mindestens Jahrzehnten in einer langsamen, aber stetigen Abwärtsspirale. Doch dies betrifft nur die zeitliche Organisationsform, die immer im Wandel ist und sein muss.

Schwerer wiegen die Konsequenzen für das Seelenheil. Statt diesen Leuten wirklich zu dienen, geben wir ihnen häufig Steine statt Brot. Mit Folklore ist ihnen nämlich nicht gedient. Es ist und bleibt zwar richtig, dass die Sakramente ex opere operato wirken, doch was nützt eine bestenfalls sporadische Sakramentenpraxis ohne Kohärenz, und hier insbesondere ohne Beichte? Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. (1 Kor 11,27)

Die Kirche dient den Kulturkatholiken nicht, indem sie ein folkloristisches Beiwerk zu einem ansonsten gottlosen Leben liefert. Sie muss stattdessen das Wort verkünden und dafür eintreten, ob man es hören will oder nicht. Den Kirchensteuerzahlern nach dem Munde zu reden und ihnen, koste es was es wolle, ihre Wünsche zu erfüllen, ist keine Lösung. Es ist weder nachhaltig noch dient es dem Seelenheil.

Deshalb ist es kein Fehler, die derzeitige Praxis zu beenden, um die freiwerdenden Kräfte und Mittel anderweitig einzusetzen. Als Orientierung sollte dabei dienen, zu fördern, was wächst. Was schrumpft und zusammenbricht, muss nicht künstlich am Leben erhalten werden. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Kulturkatholizismus

Wie erklärt sich eigentlich, dass die große Mehrzahl der Katholiken nur sehr punktuell am kirchlichen Leben teilnimmt? Das beginnt schon mit der Taufe. Nicht alle Kinder katholischer Eltern werden getauft, aber doch erheblich mehr als nur die Kinder der regelmäßigen Kirchgänger. Nicht alle katholisch getauften Kinder gehen zur Erstkommunion, aber doch die meisten, auch wenn sie weder vorher noch nachher am Gemeindeleben teilnehmen. Viele von ihnen lassen sich als Jugendliche firmen, obwohl sie seit der Erstkommunion nur selten eine Kirche von innen gesehen haben. Und selbst der Wunsch nach einer kirchlichen Hochzeit, zwar generell rar geworden, führt immer noch Katholiken in die Kirche, die sonst höchstens zu Weihnachten und eventuell noch Ostern dort erscheinen.

Warum tun die das? Meine Vermutung ist, dass es sich hier um ein Phänomen handelt, das im angelsächsischen Raum als Cultural Catholicism beschrieben wird. Der kaum geläufige deutsche Begriff dafür lautet Kulturkatholizismus. Es handelt sich um katholisch getaufte und aufgewachsene Menschen, die ihren Glauben nicht oder nur eingeschränkt praktizieren, die zum Teil auch gar nicht mehr glauben, aber sich weiterhin als katholisch bezeichnen, in Deutschland in der Regel auch Kirchensteuer zahlen und zu verschiedenen Gelegenheiten kirchliche Dienstleistungen wie Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung oder den feierlichen Gottesdienst zu Weihnachten in Anspruch nehmen. Gemessen an der Differenz zwischen der Zahl regelmäßiger Kirchgänger und der Zahlen der Täuflinge, Erstkommunionkinder und Firmlinge, was selbstverständlich nur ein grobes Indiz sein kann, handelt es sich hier um einen großen Markt.

Mit anderen Worten: Der Kulturkatholizismus ist in Deutschland eigentlich die vorherrschende Strömung innerhalb des Katholizismus. Es handelt sich um den Rest der einstigen Volkskirche. Zu den Kerninhalten des katholischen Glaubens verhält sich der Kulturkatholizismus bestenfalls indifferent, häufig aber offen ablehnend. Anekdotischer Beweis: Es gibt Firmbewerber, die nicht an die Auferstehung Christi glauben. Das sind nicht einmal wenige. Der Kulturkatholizismus dürfte auch innerhalb der kirchlichen Apparate inzwischen die Mehrheit erreicht haben, was für viele Phänomene jedenfalls eine plausible Erklärung ist, die nicht auf bösen Willen rekurriert, sondern auf Unwissenheit und Indifferenz.

Der Kulturkatholizismus hat sich von der ihn umgebenden Mehrheitskultur absorbieren lassen und vom Katholizismus nur den folkloristischen Teil behalten. Wo die katholische Lehre im Konflikt zur Mehrheitskultur steht, da steht der Kulturkatholizismus sicher auf Seiten der Mehrheit. Der Fairness halber muss hinzugefügt werden, dass der Kulturkatholizismus auch unter regelmäßigen Kirchgängern weit verbreitet sein dürfte und umgekehrt auch unter Heiligabendchristen und anderen sporadischen Kirchenbesuchern noch gläubige Christen zu finden sind.

Diese Situation stellt die Kirche vor ein nahezu unlösbares Dilemma. Es ist klar, dass der Kulturkatholizismus mittel- und langfristig keine Zukunft hat, die über den Status folkloristischen Beiwerks zu einem ansonsten gottlosen Leben hinausgehen würde. Zudem überfordert die Anspruchshaltung der Kulturkatholiken schon heute die ausgedünnten und überalterten Kerngemeinden wie auch die hauptamtlichen Apparate. Eine schöne Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung oder Messe zu Weihnachten ist auf Ressourcen angewiesen, die der kirchensteuerfinanzierte Apparat nicht selbst herstellen kann. Die Qualität des Angebots lässt nach, und damit sinkt auch die Nachfrage. Auf der anderen Seite lässt sich der Riesentanker Kirche hier kaum umsteuern, ohne in schärfste Konflikte mit seinen Kirchensteuer zahlenden Kunden zu geraten.

Es wird schwer werden, dieses Phänomen auch nur offen zu diskutieren. Alle relevanten Kulturkatholiken, die also an entsprechenden Schaltstellen sitzen, werden die Diagnose auf das Schärfste zurückweisen und wie gewohnt ins Wolkige ausweichen, sobald es ans Eingemachte geht. Die gängigen Leerformeln sind seit Jahrzehnten gelernt und bestens bekannt. Im Kern heißt ihre Devise auch nur: Weiter so. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Dabei ist eine Rückwärtsbewegung ohnehin so gut wie ausgeschlossen. Es kann im Grunde nur um einen Neubau gehen. Ob der Kulturkatholizismus vorher erst zusammenbrechen muss oder ob auch schon früher mit dem Neubau begonnen werden kann, bleibt abzuwarten. Ein Umbau, eine echte Re-Formation, wäre nur um den Preis echter Umkehr zu haben.