Kirchliche Räume und Resonanz

Notizen aus dem Ekklesiolab, zweite Lieferung

Nisi Dóminus ædificáverit domum, * in vanum laboravérunt qui ædíficant eam.
Ps 126(127),1

Wir kommen ja aus einer Zeit, in der kirchliche Räume vor allem durch Gebäude definiert waren, die wiederum den sie umgebenden Raum definiert haben. In der Gegend, in der ich wohne, heißen sogar Orte nach ihren Kirchen: Steinkirchen, dort ist die Kirche aus Stein. Neuenkirchen, dort steht die jüngste und kleinste Kirche. Mittelnkirchen, dort liegt die Mitte zwischen den anderen beiden Orten.

Auch wenn diese Kirchen heute nur noch recht sporadisch genutzt werden, die Identifikation der Bürger mit den Gebäuden ist nach wie vor hoch. Sie sind kulturelle Zeichen und ein Erbe, auf das zu verzichten nicht leicht fällt. Sie definieren auch noch den säkularen Raum, den Kulturraum. Ihre Kunstschätze und die zum Teil wertvollen Orgeln gehören zum Weltkulturerbe, wenn auch (noch) nicht zu dem der UNESCO.

In diesen Gebäuden findet ein geistliches Restprogramm statt, das in seiner räumlichen Umgebung nur noch schwache Resonanz findet. Es hat einen gewissen musealen Charakter, es belebt die Gebäude, die andernfalls tatsächlich zu Museen oder gar Gaststätten, Wohnungen und dergleichen umgenutzt würden. Die Signifikanz der Gebäude würde kaum leiden, falls dies eines wahrscheinlich nicht mehr allzu fernen Tages geschehen sollte.

Die Gebäude sind den Kirchen längst wertvolles Erbe und unerträgliche Altlast zugleich. Sie binden Ressourcen, Energie und Zeit, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Nutzung stehen. Sie machen uns zu Hütern eines Museums. Nicht zufällig greifen Kirchenrenovierungen derzeit häufig zu musealen Stilelementen. Je wichtiger das museale Erlebnis wird, desto mehr müssen die Gebäude daraufhin optimiert werden.

Und je mehr die Gebäude ihre geistliche und sakrale Signifikanz verlieren, desto schwieriger wird es, überhaupt geistliche und sakrale Signifikanz zu generieren. Die Ressourcen (Geld, Zeit, Personal, Engagement) sind in bestehenden Strukturen gebunden, die kaum noch eine Funktion haben, die über den reinen systemischen Selbsterhalt hinausgeht. Und selbst dieser wird zunehmend fraglich, denn nachhaltig ist anders.

Es ist hohe Zeit für kirchliche Neugründungen, die nicht von bestehenden Gebäuden ausgehen und sich dem Raum anders als durch die signifikante Kirche im Dorf öffnen. Die den Raum anders und neu bespielen und sich nicht scheuen, die Kommunikationsmittel der Gegenwart effektiv und effizient zu nutzen, um Resonanz zu erzeugen. Mit dem Buchdruck hat die Kirche das schließlich auch getan.

Was ist kirchliche Produktentwicklung?

Notizen aus dem Ekklesiolab

In den letzten Monaten habe ich meinem Chef geholfen, ein Buch über Transformationale Produkte zu publizieren. Einer der Kernthesen darin: Wer die Digitale Transformation beim Unternehmen beginnt, hat schon verloren. Erfolgreiche Transformation muss beim Produkt beginnen. Produktentwicklung wiederum beginnt beim Nutzer, bei seinen Erwartungen und seinem Verhalten, die durch erfolgreiche Produkte verändert werden und schließlich auch die Wertschöpfung verändern.

Meine These ist, dass sich das von Matthias Schrader entwickelte Modell zum einen aus dem digitalen Kontext lösen und somit verallgemeinern lässt. Zum anderen kann man es auch auf den kirchlichen Kontext anwenden. An dieser Stelle verzichte ich zunächst auf eine ausführliche Darstellung des Modells. Auf der #wewonder-Konferenz im Februar in Hannover sprach ich in einer Seilschaft mit Jonny Baker u.a. auch über Design Thinking, Service Design und Produktentwicklung im kirchlichen Kontext.

Mein Fazit: In aller Regel denkt im engeren kirchlichen Kontext niemand in Produktkategorien. Warum das so ist, ist eine interessante Frage, die zu untersuchen sich lohnen dürfte. Auch darauf verzichte ich an dieser Stelle. Hier will ich nur versuchen, in aller Kürze zu skizzieren, was kirchliche Produktentwicklung bedeuten würde.

1. Was sind kirchliche Produkte?

Die Liste ist lang und keineswegs vollständig: Gottesdienste, Predigten, Kirchenmusik, Sakramente, Seniorenkreise, Publikationen, Kirchenräume, Kindergärten, Altenheime, Seminare, Tagungen, Gemeindefeste, Krankenhäuser, Schulen, Klöster, Jugendgruppen etc. pp. Die Kirche bringt eine Vielzahl von Produkten auf ganz unterschiedliche Märkte, auf denen sie zum Großteil immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt ist. Alle diese Produkte kosten Geld, bringen aber auch welches ein, sodass sich der gesamte Apparat am Ende auf verschiedenen Wegen selbst finanziert.

2. Wie funktioniert kirchliche Produktentwicklung heute?

Je stärker die Konkurrenz und je weiter vom kirchlichen Kerngeschäft entfernt, desto professioneller das Produkt und die Produktentwicklung. Kirchliche Krankenhäuser, Schulen und Altenheime sind häufig besser als deren profane Konkurrenz. Hier liegt zweifelsohne ein gewaltiges Asset. Die Umkehrung gilt auch: Je geringer die Konkurrenz und je näher am kirchlichen Kerngeschäft, desto unprofessioneller das Produkt und die Produktentwicklung. Eine harte Aussage? Klar.

Aber bitte – wenn der sonntägliche Gottesdienst als eines der kirchlichen Kernprodukte nur noch von einer verschwindenden Minderheit der eigenen zahlenden Kundschaft wahrgenommen wird, dann ist das zuallererst eine gewaltige Ohrfeige für das Produkt. Irgendetwas läuft hier falsch. Vielleicht ist es gar kein Kernprodukt? Dann stellt sich die Frage nach dem angemessenen Ressourceneinsatz. Oder ist es doch ein Kernprodukt? Dann ist die Frage, warum es so wenig frequentiert wird.

Ein Wirtschaftsunternehmen jedenfalls würde ein Produkt mit solchen Kennzahlen normalerweise vom Markt nehmen. Und sich mindestens wünschen, bereits neue, attraktive Produkte entwickelt zu haben, bevor das Kernprodukt das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat. Sicher kann man es noch für eine Weile subventionieren, sei es aus sentimentalen Gründen, sei es aus Gründen der Markenbildung. Aber auf Dauer stellt sich die Frage nach der Zukunft.

3. Wie würde kirchliche Produktentwicklung besser funktionieren?

Sie beginnt zunächst mit der Frage der Nutzererwartungen. Was erwarten die Nutzer heutiger kirchlicher Produkte, und wie kann man das Nutzererlebnis zehnmal besser machen als heute? Also nicht einfach nur etwas besser, sondern wie kann man es auf eine neue Ebene heben? Wie sieht die Nutzerschnittstelle aus, das User Interface? Welchen Nutzwert hat es? Gibt es funktionale und mentale Lock-ins? Wie ändern sich Nutzungsgewohnheiten? Wie sieht die Vermarktung aus?

Das sind Fragen, auf die Produktentwicklung in iterativen Prozessen nach Antworten sucht, angefangen von kleinsten Prototypen und Minimalprodukten (Minimum Viable Products) bis hin zum erfolgreich getesteten Produkt, das dann weltweit ausgerollt werden kann. Ein wichtiger Punkt noch zum Schluss: Das Scheitern ist Programm. Es geht darum, frühzeitig zu scheitern, Irrwege rechtzeitig zu erkennen und möglichst schnell zu korrigieren. Es geht nicht um die eine geniale Produktidee am Anfang, sondern um einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess.

Die Zukunft der Kirche

Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. Sie wird nicht von denen kommen, die nur Rezepte machen. Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. Sie wird nicht von denen kommen, die nur andere kritisieren, aber sich selbst als unfehlbaren Maßstab annehmen. Sie wird also auch nicht von denen kommen, die nur den bequemen Weg wählen. Die der Passion des Glaubens ausweichen und alles das für falsch und überholt, für Tyrannei und Gesetzlichkeit erklären, was den Menschen fordert, ihm wehe tut, ihn nötigt, sich selbst preiszugeben.

Sagen wir es positiv: Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst.

Joseph Ratzinger, „Glaube und Zukunft“, (Kösel Verlag 1970, Seiten 120ff). Quelle: kath.net

Wandern und Wundern

Notizen von der W@nder-Konferenz in Hannover

I. Ästhetik

Wie sehen wir eigentlich aus? Pfarrheime atmen gern den Muff der Siebzigerjahre, für eine Auffrischung der Optik war lange schon kein Geld mehr da. Oder kein Wille zur Gestaltung, zur Aneignung vorhandener Räume. Wie hören wir uns an? Klingen wir nach Choral und Orgel oder nach Gitarre? Oder vielleicht so:

Wir sind ein ästhetisches Minderheitenprogramm. Ist das gut oder schlecht? Wie ist das User Interface (UI)? Und viel wichtiger noch ist die User Experience (UX). Wie erlebt uns der Nutzer kirchlicher Produkte? Wie ist die Customer Journey? Welche Produkte bieten wir überhaupt an? Und umgekehrt: Wie nehmen wir eigentlich andere wahr?

Das Gefühl der Fremdheit entsteht zunächst aus der ästhetischen Differenz. An sich nichts Schlechtes, ist Gott doch der ganz Andere. Und sicher lässt er sich auch im Dekor der Siebziger, zwischen Gummibaum und rotem Tee, und in Musik finden, die in den Siebzigern einmal neu war.

Doch diese äußere Erscheinung geht unweigerlich zu Ende. Wo sich ästhetische Beliebigkeit, Hilflosigkeit und Ignoranz manifestieren, schreckt kirchliche Ästhetik häufig einfach nur ab. Unsere Tradition hat große Kunst und Kultur hervorgebracht. Die Messlatte liegt hoch, wenn es um kirchliche Hochkultur geht, und niedrig, wenn wir den ästhetischen Muff vergangener Jahrzehnte betrachten.

II. Räume

Unsere Räume sind uns zur Altlast geworden. Vielfach für Lastspitzen ausgelegt, sind sie die meiste Zeit schlecht ausgelastet, kosten viel und schieben Sanierungsstau. Auch deshalb konservieren sie die Ästhetik vergangener Zeiten.

Wahrscheinlich wäre es günstiger, die nötigen Räume zu mieten statt sie selbst vorzuhalten. Das schüfe Beweglichkeit und gäbe die Chance, temporär an Orte wie die Eisfabrik zu gehen, wo die Gottesfrage sonst eher selten vorkommt. Und sich diese Räume anzueignen.

Kein Zweifel: Es gibt viel unbedingt erhaltenswertes Erbe einer großen Geschichte. Aber auch viel ästhetischen Schrott, der Geld und Zeit frisst, ohne dass dem ein nennenswerter Ertrag entsprechen würde. Räume definieren das kirchliche Leben, wie ein stählernes Gehäuse. Dabei müsste es umgekehrt sein: Das Leben definiert die Räume.

III. Scheitern

Wir sind längst schon marginalisiert. Nur Minderheiten nehmen noch am kirchlichen Leben teil. Doch unverdrossen führen wir das Programm aus den längst vergangenen Zeiten der Volkskirche fort, auch wenn es nun ein Minderheitenprogramm geworden ist und die Abstimmung mit den Füßen läuft.

Scheitern hat ein viel zu schlechtes Image. Zu den positiven Seiten des Scheiterns gehört, dass es bis dato gebundene Kraft und Zeit freisetzt. Scheitern schafft Raum für Neues. Es ist eine große Erleichterung, nicht mehr alle Kräfte für den Ritt auf toten Pferden aufwenden zu müssen.

Doch sich das Scheitern eingestehen zu müssen, ist oft nicht leicht. Wie groß muss der Schmerz werden, bis wir dazu bereit sind? Lieber unter Schmerzen weitermachen als sich schmerzhaft das Scheitern einzugestehen? Es gibt eigentlich keinen Grund, Programme fortzusetzen, die nicht mehr funktionieren.

IV. Vernetzung

In Zeiten, da Inhalte per Video und Internet allgemein verfügbar sind, haben Konferenzen und ähnliche Events zwei Funktionen: Sie schaffen gemeinsame, geteilte Erlebnisse und Vernetzung unter den Teilnehmern. Beides war bei W@nder stark ausgeprägt.

So materialisierte sich in Hannover ein gewisser Teil meiner Timeline, neue Leute kamen hinzu, wie der eine und die andere, die ich schon länger mal kennenlernen wollte. Schön zu sehen, wie sich die digitale Vernetzung langsam auch im kirchlichen Kontext ausbreitet.

Die Zuordnung der Seilschaften in Hannover bescherte mir mit Jonny Baker, dem Eröffnungsredner des Haupttages, gleich einen Hauptgewinn. Wir sprachen in unserer Seilschaft u.a. über Design Thinking und Service Design — Themen, die im kirchlichen Kontext eher selten vorkommen, im beruflichen Kontext hingegen häufig.

Aus unerfindlichen Gründen hing ich in Hannover relativ viel mit Seminaristen, Diakonen, Kaplänen, Pastoren und Priestern herum. Viele gute Leute, durchaus ermutigend, wenn ich an die Zukunft unserer Kirche denke. Pioniere.

V. Führung

Pioniere arbeiten niemals losgelöst von ihrer Haupttruppe, für die sie den Weg bahnen sollen. Deshalb haben wir hier ein Führungsthema. Und ein Führungsproblem. Wir brauchen Führungskräftetraining auf allen Ebenen. Das wird nicht alles von alleine gehen.

Führung heißt auch, über den Einsatz von Ressourcen zu entscheiden. Eine Entscheidung für etwas ist immer zugleich auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Geld kann nur einmal ausgegeben, Personal nur einmal eingesetzt werden.

VI. Sendung

The gift of not fitting in. Das Paradoxon: Dies verbindet uns heute mit der Mehrheit der Gesellschaft. Nur eine kleine Minderheit passt noch hinein, die Mehrheit hingegen findet keinen Zugang mehr oder nur noch punktuellen Bezug. Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.

Wir brauchen die Sendung. Wir können uns nicht selbst senden. Und womöglich ist Sendung auch ein guter Begriff, wo das Wort Mission auf Vorbehalte stößt (obwohl heute jedes Wirtschaftsunternehmen, das etwas auf sich hält, eine Mission hat).

VII. Literatur

Vier Bücher, die in diesem Kontext hilfreich sind.

Die Kirche hat ein Führungsproblem

In letzter Zeit ist mir noch klarer geworden, was ich schon länger ahnte, ja eigentlich wusste: Die hiesige Kirche hat ein Führungsproblem, und zwar ein gewaltiges. Es handelt sich, und das ist der neue Teil dieser Erkenntnis, um ein systemisches Problem. Was insbesondere heißt, dass dieses Führungsversagen nicht in erster Linie einzelnen handelnden Personen anzulasten ist.

An dieser Stelle ist ein Hinweis auf ein sehr gelungenes Blogprojekt mit dem Namen Kirchenentwicklung angezeigt. (Nebenbei sagt es übrigens auch einiges aus, dass diese Domain offensichtlich noch 2015 zu haben war. Aber das steht auf einem anderen Blatt.) Einen der Autoren dieses Blogs kenne und schätze ich aus der Zeit meiner Ausbildung zum Diakon, und im Unterschied zu mir hat er die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und ist heute Diakon.

Das Blog pflegt einen systemisch orientierten Blick auf den derzeitigen Stand der Kirchenentwicklung in Deutschland. Was dort geschrieben wird, ist sprachlich relativ weit entfernt vom üblichen Pastoraljargon, der ja auch, geben wir es ruhig zu, nur schwer erträglich ist. Mir ist schon klar, dass dort ebenfalls ein Jargon kultiviert wird, nur halt ein anderer – in diesem Fall eben der Jargon der Organisationsberatung. Das schafft jedoch einen gewissen Verfremdungseffekt und dadurch frische Erkenntnis.

Dass und warum die hiesige Kirche ein Führungsproblem hat, ist mir bei der Lektüre des Buches „Exponential“ von Dave und Jon Ferguson aufgefallen. Die Autoren sind amerikanische Freikirchler, was so seine Vor- und Nachteile hat. Sie beschreiben jedenfalls Führung als einen sehr systematischen, also systemischen Prozess. Schon auf der, einmal abgesehen von der Familie, kleinsten Ebene der Gemeindebildung, nämlich in den small groups, gibt es Führung und Führungspersonen, weil es sie geben muss. Das setzt sich dann über alle Ebenen hinweg fort, und dabei denken die Fergusons alles andere als klein. Im Gegenteil, wie der Name des Buches schon anzeigt, geht es hier um sehr große Strukturen und entsprechende Ambitionen.

Einen weiteren Hinweis in die gleiche Richtung bekam ich aus Episode 87 des exzellenten Rebuilt Podcast. Tom Corcoran spricht in dieser Folge mit Matt Manion, dem Direktor des Catholic Leadership Institute. Dieses Institut hat sich der Ausbildung von Führungskräften für die katholische Kirche verschrieben. Diese Führungskräfte sind zunächst einmal Bischöfe und Priester. Wir kommen ja historisch aus einer sehr stark hierarchisch geprägten Führungskultur. Diese Kultur ist etwa seit dem II. Vatikanischen Konzil einigermaßen erodiert, ohne jedoch eine stabile und funktionale neue Führungskultur hervorzubringen.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass nun jeder – Bischof, Priester, Laie, vielleicht auch der Papst – tun kann, was er will, und das zum Teil auch tut. Das Resultat ist Chaos, Verwirrung und Verfall. Alte Strukturen lösen sich auf, ohne dass neue Strukturen entstehen würden. Systemisch betrachtet ist das ein Desaster, weil es eben auch die einzelne handelnde Person innerhalb des erodierenden Systems strukturell überfordert. Strukturen und Führung entlasten ja gerade den Einzelnen von Entscheidungen, die er nicht zu treffen hat. Gleichzeitig legen sie fest, was von wem zu entscheiden ist.

Wir haben noch eine schwache Ahnung, dass Führung auf jeder Ebene gefordert ist. Es gibt noch Gruppenleiter für Gruppen aller Art, es gibt Führungsgremien mit Namen, die auf -rat oder -vorstand enden und Vorsitzende haben. Doch was fehlt, ist ein durchgängiges Verständnis von Führung. Besonders krass fällt mir dieses Fehlen in den Lokalen Leitungsteams auf. Der Begriff enthält ja drei Elemente: Lokal ist zunächst ganz schlicht der jeweilige Ort des Handelns, also meistens die Gemeinde, die nun nicht mehr wie früher mit der Pfarrei zusammenfällt. Leitung ist ein anderes Wort für Führung, doch was genau da wie geleitet werden soll, erscheint eher unklar. Geht es um einen Ersatz für den nicht mehr vorhandenen Pfarrer? Oder eher um die Nachfolge des früheren Pfarrgemeinderates? Und das Wort Team verschärft noch einmal das Problem.

Denn ein Team hat, dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, ein gemeinsames Ziel. Ein Gemeindeleitungsteam braucht eine Vision und ein Leitbild für die lokale Gemeinde, sonst kann es nicht arbeiten. Und damit sind wir nun beim Kern des systemischen Versagens. Denn in der Praxis werden solche Teams, soweit ich das beurteilen kann, mit diesen Fragen alleine gelassen. Das kann schon aus rein systemischen Gründen nicht funktionieren. Denn Lokale Leitungsteams arbeiten nicht im luftleeren Raum. Sie sind Teil der Gemeinde, der Pfarrei, des Dekanates, des Bistums und sonstiger kirchlicher Strukturen. Eine Vision und ein Leitbild, die ein lokales Leitungsteam entwickelt, müssen daher kompatibel zu den Visionen und Leitbildern der anderen Ebenen sein.

Und das heißt: Ein lokales Leitungsteam muss sich mit den Leitbildern der Pfarrei und des Dekanates ebenso auseinandersetzen wie mit den entsprechenden Vorgaben der übrigen Führungsebenen. Tatsächlich gibt es diese Vorgaben ja, jedenfalls auf den höheren Ebenen. Im Bistum Hildesheim wäre da das Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2011 zu nennen, in dem Bischof Norbert Trelle für Lokale Kirchenentwicklung wirbt. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2015 ein Wort zur Erneuerung der Pastoral mit dem Titel „Gemeinsam Kirche sein“ veröffentlicht. Und Papst Franziskus hat seinen Plan 2013 im nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute vorgelegt.

Nun ist Papier bekanntlich geduldig. Was noch fehlt, sind die entsprechenden Prozesse und eine Führungskultur, die das Hören auf diese Worte befördern würde. In Deutschland steht uns dabei nach wie vor der gute, alte antirömische Affekt im Wege. Auch die enorme Popularität von Papst Franziskus hat daran im Grunde nicht viel geändert. Bestenfalls wird selektiv wahrgenommen, was aus Rom kommt. So leben es auch die deutschen Bischöfe vor, und so setzt es sich systemisch über die Ebenen hinweg fort. Der Diözesanbischof schert sich nicht groß um Papiere der Bischofskonferenz. Hildesheim ist weit weg, denkt man sich im Dekanat. Und auch die einzelnen Gemeinden innerhalb der Pfarrei wollen am liebsten nichts miteinander zu tun haben. Schlimm genug, dass man sich den Pfarrer teilen muss und keinen „eigenen“ Priester mehr hat. Jeder macht seins.

Pfarrer sind häufig keine überzeugenden Führungskräfte. Liegt es an der mangelnden Ausbildung, am Menschenschlag oder fehlen einfach nur überzeugende Rollenmodelle? Damit wird es schwierig. Wie wollen Laien in dieser Situation Führung übernehmen? Führung wird im Grunde nicht goutiert. Dabei möchte ich, um Missverständnisse zu vermeiden, keineswegs einer autoritären Führung alten Stils das Wort reden. Führung hat viel damit zu tun, Verantwortung zu delegieren. Das muss aber sauber geschehen und passiert nicht einfach im Vakuum fehlender Führung von alleine. Bottom-up geht das nicht.

Für Laien sehe ich da nur eine Option: Kleine Christliche Gemeinschaften zu gründen und dort Führung einzuüben und zu lernen. Solche Gemeinschaften brauchen jeweils einen Leiter und einen Stellvertreter, der die Aufgabe hat, selbst zum Leiter zu werden und dann die Leitung einer anderen Gemeinschaft zu übernehmen oder eine neue Gemeinschaft zu gründen. Auf diese Weise entstehen regelmäßig neue Gemeinschaften, die zugleich über personelle Verflechtungen miteinander vernetzt sind. Aus dem Pool der Leiter lassen sich dann auch Führungskräfte für höhere Aufgaben rekrutieren. So bildet sich mittelfristig eine Führungskultur von unten, die auch Auswirkungen auf das etablierte, führungsschwache System hat.

Die Bordkapelle auf der Titanic

Erhard Eppler prägte 1975 den Gegensatz zwischen Wertkonservatismus und Strukturkonservatismus. Das war damals strategisch geschickt und mit einem gewissen Maß an Polemik gewürzt. Mir kam dieser Gegensatz wieder in den Sinn, als ich den Pfarreibesuch von Christian Hennecke und Christiane Müßig in Stade Revue passieren ließ. Der Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bischöflichen Generalvikariat Hildesheim und die Referentin für Lokale Kirchenentwicklung besuchen derzeit alle Gemeinden Pfarreien unseres Bistums, um über den Stand der Lokalen Kirchenentwicklung zu sprechen.

Christian Hennecke kann sehr charmant sein. Er formuliert so elegant, dass es den Angesprochenen vermutlich nicht einmal auffiel, was er ihnen sagte. Im Grunde hielt er nämlich den ängstlichen, um die Zukunft ihrer priesterlosen Gemeinde besorgten engagierten Katholiken entgegen, dass er sich um die Zukunft der Kirche keine Sorgen mache. In Zukunft, so Hennecke, werden halt ganz andere Leute Gemeinde sein als die, die er da vor sich hatte.

Das zu prognostizieren ist leicht, denn diese Leute, die er da vor sich hatte, strahlen so wenig Begeisterung aus, dass sie niemanden mehr für ihre Gemeinde gewinnen werden, die etwa 30 Kilometer von Stade entfernt mitten im Elbe-Weser-Dreieck liegt. Sie wenden alle verfügbaren Kräfte dafür auf, den Status quo möglichst lange zu erhalten, wissen aber genau, dass diese Kräfte zu Ende gehen. Die Stimmung ist so ähnlich wie auf der Titanic nach der Kollision mit dem Eisberg. Das Schiff gerät langsam in Schieflage, aber immerhin spielt die Bordkapelle noch. Näher, mein Gott, zu Dir!

Das ist ein gutes Beispiel für Strukturkonservatismus, wie ihn Eppler kritisierte. Dieser Gemeinde fehlt nach dem Selbstverständnis der engagierten Laien im Grunde nichts außer dem „eigenen“ Priester. Ach ja, und die Jugend gibt es auch nicht. Junge Erwachsene und Familien – ebenfalls Fehlanzeige. Ist überhaupt noch jemand unter 40 dabei? Hier wird es langsam knifflig, denn damit fehlen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch schon deren Eltern.

Es bleibt die Generation der Großeltern, die zum Teil noch mit Druck dafür sorgt, dass ihre Enkel getauft werden, zur Erstkommunion gehen und die Firmung empfangen. Wobei meine eigenen Beobachtungen aus über zehn Jahren Taufkatechese ergeben, dass dieser Fall inzwischen recht selten geworden ist. Die Gründe liegen auf der Hand, denn die heutigen Eltern im Alter von Mitte 20 haben meistens selbst Eltern, die um die 50 sind. Diese Generation junger Großeltern steht selbst schon nicht mehr so eng zur Kirche, dass sie noch Druck ausüben würde. Darum ist es auch nicht schade.

Wie sehen wir eigentlich jene 95 Prozent der auf dem Papier stehenden Gemeindemitglieder, die sonntags nicht zur Messe kommen? Wie können wir ihnen dienen? Zwei Fragen, die Christian Hennecke an diesem Abend stellte. Dabei geht es ihm nicht so sehr um den sakramentalen Service, auf den ein guter Kirchensteuerzahler schließlich Anspruch zu haben meint, also um Taufe, Erstkommunion und Firmung für den Nachwuchs, kirchliche Heirat und schließlich Beerdigung durch einen Priester, festliche Messe zu Weihnachen und vielleicht noch Ostern. Sondern wirklich um die Frage, was wir für diese Menschen tun können, die doch zu uns gehören.

„Es kommt ja keiner“, lautet ein häufig in diesem Kontext geäußerter Satz. Wir sind ja eine offene Gemeinde, die jeden mit offenen Armen aufnehmen würde, aber es kommt ja keiner. Doch warum sollte jemand kommen? Der Auftrag des Herrn an seine Jünger lautet schließlich, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (Mt 28,19). Gehen! Nicht darauf warten, dass jemand kommt. Und übrigens – alle vier Pfarreien im Dekanat Unterelbe wachsen von Jahr zu Jahr. Vermutlich dank Zuzug in den Speckgürtel Hamburgs, der die Verluste durch Tod und Kirchenaustritt überkompensiert.

Es kommt also doch jemand. Der Herr schickt uns Wellen des Wachstums, so ähnlich formuliert es der kalifornische Baptistenpastor Rick Warren. Unsere Aufgabe ist es, diese Wellen zu reiten. Eine gesunde Gemeinde wächst. Unsere Aufgabe ist es, gesund zu bleiben. Dann stellt sich das Wachstum quasi von selbst ein. Uns gelingt es bis jetzt nicht, die Neuankömmlinge zu Gemeindemitgliedern zu konvertieren. Unsere Strukturen stehen dem im Wege. Wie sehen gesunde Strukturen aus? In jedem Fall gehört dazu die sakramentale Struktur der Kirche, die durch den allgemeinen Rückgang zusehends unter Druck gerät.

An dieser Stelle hilft die Unterscheidung zwischen Wertkonservatismus und Strukturkonservatismus nicht weiter. Die soziale Struktur der Kirche kann, muss und wird sich ändern. Die sakramentale Struktur nicht. Sie konstituiert die Kirche. Die Botschaft bleibt stets die gleiche, und der Auftrag des Herrn für seine Kirche ebenfalls. Lokale Kirchenentwicklung läuft Gefahr, den mehr oder weniger zufälligen Ideen mehr oder weniger zufälliger engagierter Katholiken anheim zu fallen. Es sind aber nicht die Ideen, auf die es ankommt, sondern die Umsetzung. Daran mangelt es meistens.

Lokale Kirchenentwicklung und der Spagat zwischen Kern- und Papiergemeinde

Die Kirchensteuer schafft eine heikle Situation, da sie letztlich, ob formal oder nicht, Ansprüche auf kirchliche Dienstleistungen entstehen lässt. Wer zahlt, der hat Anspruch auf die Taufe seiner Kinder, auf eine schöne Erstkommunion, Firmung und Trauung sowie schließlich auch eine kirchliche Beerdigung. Eine regelmäßige Teilnahme am Gemeindeleben ist dafür hingegen keine Voraussetzung.

In der Pfarrei, der ich angehöre, besuchen an einem durchschnittlichen Zählsonntag etwa fünf Prozent der Gemeindemitglieder eine Heilige Messe. 95 Prozent nehmen also dieses seelsorgliche Angebot nicht wahr, obwohl sie – soweit dazu verpflichtet – Kirchensteuer zahlen und damit letztlich den Apparat finanzieren, der diese und andere Angebote erbringt.

Dies zwingt das kirchliche Personal zu einem Spagat zwischen schrumpfender Kerngemeinde und – relativ oder in unserem Fall sogar absolut – wachsender Papiergemeinde. Nur wenige tragen das Gemeindeleben, aber viele erheben Anspruch auf kirchliche Dienstleistungen.

Die schrumpfende Kerngemeinde, tendenziell überaltert, zahlt kaum noch Kirchensteuer, während die kirchensteuerzahlenden Familien nur noch punktuell am Gemeindeleben teilnehmen. Es soll sogar schon Familien geben, deren Steuerzahler aus der Kirche ausgetreten sind, um Steuern zu sparen, während der Rest formal weiterhin zur Gemeinde zählt und kirchliche Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Lokale Kirchenentwicklung steht hier vor der dringenden Frage, wer eigentlich ihr Subjekt ist. Ist es die schrumpfende Kerngemeinde – und damit eine kleine Minderheit innerhalb der Papiergemeinde? Oder ist es die Gesamtheit der Gemeinde, unabhängig von ihrer Präsenz im Gemeindeleben?

Und ist sich, unabhängig von der Antwort auf diese Fragen, dieses Subjekt lokaler Kirchenentwicklung eigentlich selbst genug oder richtet sich ein missionarischer Impuls nach außen, ist Wachstum das Ziel? Je nachdem, wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen, entsteht ein völlig anderes Bild.

Eine Fünf-Prozent-Kerngemeinde hätte zunächst einmal die anderen 95 Prozent als mögliche Adressaten. Hier wäre die Frage, was die eigentlich vermissen oder was sie davon abhält, häufiger als nur gelegentlich am Gemeindeleben teilzunehmen. Müsste sich womöglich die Kerngemeinde selbst ändern oder ist sie im Recht, und alle anderen im Unrecht?

In einer Diasporasituation, wie wir sie hier im Norden vorfinden, ist aber auch die Gesamtheit der Gemeinde wiederum eine kleine Minderheit in einer ansonsten protestantisch, muslimisch oder neuheidnisch-atheistisch geprägten Umwelt. Ein missionarischer Impuls, der sich in dieses Umfeld richten würde, träfe noch einmal auf völlig andere Voraussetzungen.

Lokale Kirchenentwicklung steht also auch vor der dringenden Frage, wer eigentlich ihr Adressat ist. Wer seine Zielgruppe nicht beschreiben kann, der spricht letztlich niemanden an. Da sind alle Mühen vergebens.

Gemeindeleitung: Team oder Gremium?

Im allgemeinen Sprachgebrauch gilt ein Team als eine Gruppe von Menschen, die einem gemeinsamen Ziel folgt und sich auf bestimmte Regeln der Zusammenarbeit geeinigt hat. Dabei ist es das gemeinsame Ziel, das ein Team von einem Gremium unterscheidet. Denn auch ein Gremium muss sich auf bestimmte Regeln der Zusammenarbeit einigen. Aber nicht jedes Gremium ist auch ein Team.

Der klassische Pfarrgemeinderat ist in jedem Fall ein Gremium, aber nicht unbedingt ein Team. Als Gremium bündelt er verschiedene, zum Teil auch widerstreitende Interessen und sorgt für deren Ausgleich. Er hat gewisse Entscheidungskompetenzen und ist ansonsten eine beratende Instanz für den Pfarrer und die pastoralen Mitarbeiter.

Wenn das lokale Gemeindeleitungsteam nicht mehr als ein Gremium ist, dann ersetzt es bestenfalls den Pfarrgemeinderat – es hat aber dann kein gemeinsames Ziel. Erst „eine Vision und ein Leitbild für die lokale Gemeinde“ (Martin Wirth) machen aus einem bloßen Gremium ein Gemeindeleitungsteam. Und wo Vision und Leitbild aus dem Fokus geraten, da hört ein Gemeindeleitungsteam auf, Team zu sein.

Die Folgen sind desaströs. Unklare Ziele und Anforderungen gehören zu den häufigsten Ursachen für das Scheitern von Projekten. Dies ist unabhängig davon, um welche Art von Projekten und um welchen Bereich es sich handelt. Ein Team wird dann meistens in Aktionismus verfallen, um wenigstens vorzeigbare Ergebnisse seiner Arbeit zu produzieren und die eigene Existenzberechtigung nachzuweisen.

Ein beliebtes Beispiel aus dem Gemeindeleben ist das Gemeindefest, für das meistens lange im Voraus ein Termin festgelegt und Verantwortlichkeiten definiert sind. Danach passiert häufig lange Zeit nichts, bis der Termin näher heranrückt und damit Dringlichkeit und Zeitdruck entstehen. Zuvor war das Gemeindefest zwar wichtig, aber nicht dringend, weshalb es aus dem Fokus verschwand.

Unter Druck entsteht schließlich ein Ergebnis, das Fest findet statt und kann durchaus als Erfolg betrachtet werden – allerdings ist dann die Frage, was eigentlich die Erfolgskriterien sind. Was waren noch gleich die Ziele und Anforderungen? Die fehlende Verständigung darüber direkt zu Projektbeginn führt dazu, dass Grundsatzfragen immer wieder im Projektverlauf anhand einzelner Details zu diskutieren sind.

Eine dieser Grundsatzfragen ist die Festlegung der Zielgruppe: Wen soll ein Gemeindefest eigentlich ansprechen? Aus dem berechtigten Anliegen heraus, niemanden ausschließen zu wollen, folgt gern ein diffuses „Alle“, das konsequent angewandt eigentlich „Niemand“ bedeuten würde. Da aber ein Fest, das niemanden anspricht, am Ende gar nicht stattfinden würde, werden in aller Regel, ausgesprochen oder nicht, eine mehr oder weniger diffuse Kerngemeinde und einige ihrer Gruppen angesprochen.

Beispiele: Sollen die Bewohner des angrenzenden Altenheims zum Kaffee eingeladen werden? Die Logistik erlaubt das nicht, zudem sind die wenigsten Besucher katholisch oder haben wenigstens Kontakt zur Gemeinde. Die Firmbewerber sind mehr oder weniger zwangsverpflichtet und kümmern sich um die Vorbereitungen sowie den Service. Die polnische Gemeinde wird einen Altar für die kleine Fronleichnamsprozession gestalten und auf diese Weise eingebunden.

Manches war bereits in der Vergangenheit so und wird nach Möglichkeit wiederholt („So wie beim letzten Mal“), anderes ergibt sich mehr oder weniger zufällig. Das Ergebnis gleicht eher einem Patchwork, und das muss gar nicht einmal schlecht sein. Es werden Begegnungen stattfinden, Menschen werden sich kennenlernen, und es wird so etwas wie Feststimmung aufkommen.

Doch wird das Potential hier wirklich genutzt? Wären ein paar mehr Gedanken über die Zielgruppe und – darauf aufbauend – das Konzept nicht von größerem Nutzen gewesen? Wenn das Gemeindefest wirklich so wichtig ist, warum nicht einmal grundsätzlich darüber nachdenken? Ist das Ziel mit dem Wort „Gemeindefest“ allein schon hinreichend beschrieben? Wohl kaum.

Ebenso wenig reichen Begriffe wie „lebendige Gemeinde“ oder gar „offene Gemeinde“ aus, um das Ziel – die Vision und das Leitbild – eines Gemeindeleitungsteams zu beschreiben. Solche Leerformeln geben keine hinreichenden Entscheidungskriterien an die Hand, um daran die eigene Arbeit auszurichten. Darunter lässt sich alles und nichts fassen. Das Resultat ist Beliebigkeit. Ein Profil sieht anders aus.

Das Ehrenamt als Lückenbüßer

„System der Kirche am Ende“. So titelte vor kurzem katholisch.de. Bei den Priesteramtskandidaten sei die katholische Kirche in Deutschland „quasi an der Nulllinie“ angekommen, so Hartmut Niehues, der Vorsitzende der Deutschen Regentenkonferenz, der deshalb für eine stärkere Einbeziehung der Laien in die Seelsorge plädierte.

Als Laie kann ich da mitreden. In den vergangenen zweieinhalb Jahren habe ich mein ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde stark ausgeweitet. So bin ich seit knapp eineinhalb Jahren auch Mitglied des lokalen Leitungsteams und deshalb mit jenen Erneuerungs- und Veränderungsprozessen in Berührung gekommen, die im Bistum Hildesheim als Lokale Kirchenentwicklung bezeichnet werden. Mein Zwischenfazit fällt durchaus ernüchternd aus.

Diakon Martin Wirth definiert Lokale Kirchenentwicklung als innerkirchlichen Prozess,

„der der wachsenden Bedeutungslosigkeit der Kirche in der Gesellschaft glaubwürdig und überzeugend entgegentritt. Es ist die Frohe Botschaft Jesu Christi, die alle Glieder der Kirche zum Handeln drängt.“

Diese Definition ist gut und richtig. In der Praxis, wie ich sie derzeit erlebe, sind allerdings erhebliche Schwierigkeiten zu sehen.

So ist das Denken nach wie vor stark von vermeintlichen oder tatsächlichen Aufgaben geprägt, für deren Wahrnehmung nun, da die Zahl der Priester und der hauptamtlichen Mitarbeiter stetig abnimmt, eben die Laien (im doppelten Wortsinne) herangezogen werden. Damit dominieren vermeintliche oder tatsächliche Defizite und Lücken, die irgendwie gestopft werden wollen oder sollen.

Besser wäre ein ressourcenorientiertes Denken, das sich an dem orientiert, was da ist. Doch dieser Perspektivwechsel ist noch nicht vollzogen. So werden bestehende, ausgedünnte Strukturen und ehrenamtliches Engagement nach wie vor auf Verschleiß gefahren und Kräfte dafür gebunden, etwas aufrecht zu erhalten, was nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.

Das Konzept der Lokalen Kirchenentwicklung scheint mir zudem nicht ganz zu Ende gedacht. Denn ohne Priester, und darauf läuft es – siehe oben – mittel- und langfristig wohl hinaus, gibt es keine Sakramente, außer vielleicht die Taufe. Eine partizipative Kirche der Laien kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ihre sakramentale Struktur kann nur so lange verdünnt werden, bis das letzte Atom verschwunden ist, um einen Vergleich mit der Homöopathie zu bemühen.

Was bei Fortsetzung des gegenwärtigen Kurses früher oder später geschehen wird, ist klar: Bistümer werden zusammengelegt wie jetzt schon Gemeinden, Pfarreien und Dekanate. Es werden Missionspriester aus anderen Erdteilen kommen und dieses Land von Neuem evangelisieren. Dies wird zum Teil erbitterten Widerstand der Alteingesessenen hervorrufen, die keinen Anlass sehen, irgendetwas zu verändern. Aber das dürfte keine Überraschung sein.

Toleranz

„Die Kirche ist intolerant in den Prinzipien, weil sie glaubt; aber sie ist tolerant in der Praxis, weil sie liebt. Die Feinde der Kirche sind tolerant in den Prinzipien, weil sie nicht glauben; aber sie sind intolerant in der Praxis, weil sie nicht lieben.“

Réginald Garrigou-Lagrange OP

Quelle