Erblindung

Weil fono in seinem informativen Blog gerade den Anfang aus einem Kommentar der Welt zitiert, zitiere ich den Schluss:

„Der Mut zur Differenz, zur ethischen Begründung ist die wichtigste Haltung zu Beginn dieses Jahrtausends. Es darf wieder gestritten werden: mit Kulturen und Religionen, die uns herausfordern, über technische Entwicklungen, die unser Menschenbild in Frage stellen. Der kalte, bequeme Relativismus des ‚anything goes‘ befriedigt längst kaum noch jemanden. Er beantwortet keine Fragen, will sie nicht einmal gestellt sehen.

Die offene Gesellschaft entdeckt derzeit, daß sie geschlossene Fragen nach Familie, Werten, Religion und Menschenbildern beantworten darf. Dies geht nur mit Menschen und Institutionen, die über ‚richtig‘ und ‚falsch‘ streiten können und wollen. Eine Gesellschaft, die dies verweigert, erblindet.“

(Möchte noch jemand den Mittelteil übernehmen?)

Schon erstaunlich, wie hier offenkundig Agendasetting by Pope gelungen ist.

Störungen

Peter erfreut nicht nur durch den feinen Gebrauch französischer Anführungszeichen. Er bringt die Dinge auch sehr subtil und dennoch klar auf den Punkt, wenn er schreibt (in seiner Nachberichterstattung zum Meisner-Interview):

„Ich komme auf die Nachbarn zurück. Es hatte sich eigentlich in der Folge unseres Gesprächs vom Samstag noch eine kleine Diskussion über das Eucharistieverständnis und die Ökumene im allgemeinen ergeben. Vielleicht ist es doch fruchtbar, einige trennende Ansichten offensiv anzusprechen. So zollten die Nachbarn dem Kardinal immerhin Respekt: «Wenigstens sagt er, was er denkt.»

Und darum geht’s doch, oder? Auch wenn es vielleicht etwas peinlich ist, sich im Alltag über religiöse Unterschiede zu unterhalten. Dann bekennt man doch lieber mit der kirchengemeinde aus V. im Rheinland: «Wir lassen uns doch vom Kardinal unsere schöne Ökumene nicht stören!»

Auch nicht durch ökumenische Gespräche, meine ich.“

Ephräm der Syrer


Ephräm bedient sich bei seinem fruchtbaren Schaffen hauptsächlich der gebundenen Rede. Die sangbare Poesie der Madroshé (in ihrer Zeilenzahl und Zahl ihrer Silben variierende Strophen mit Refrain) und die nicht sangbare Mimré (metrischen Reden, Zeilen aus 2 x 7 Silben ohne Strophengliederung) nehmen hierbei eine hervorragende Stellung ein. Die sangbare Poesie der Madrashè Ephräms ging wohl auf einen früheren Gelehrten jener Region zurück. Bardaisan hatte in solcher Form seine Lehre verkündet, welche von der späteren Kirche als Häresie bekämpft wurde. Ephräm übernimmt diese Form der Dichtung samt ihrer spezifischen Form der Melodie. Er gründet Choralschulen mit Jungen und Mädchen, um die christliche Lehre besser zu verbreiten. Diese mutige aber sehr erfolgreiche Erfindung fasste dann im Osten wie im Westen Fuß. Papst Benedikt XV. sagte darüber: „Wir können bestätigen, dass die Choräle und Rhythmen der liturgischen Gesänge auf Ephräm zurückgehen“.

Die politische Lage sowie das unduldsame Nebeneinander von heidnischen Kulturen, Judentum und Christentum, und die verschiedenen christlichen Bekenntnisse im römisch-persischen Grenzgebiet fordern Ephräm heraus, die eigene Position zu erläutern und zu verteidigen. Immer wieder besingt er das Geheimnis der erlösenden Zuwendung Gottes zu allen Menschen. Er fordert die Bildung von Geist und Leib und mahnt zur konsequenten Umsetzung von theologischen Einsichten in christliche Lebensgestaltung, da ihm ein ausschließlich grübelndes Untersuchen der Größe Gottes unangemessen erscheint.

Ephräm gilt als „der größte Dichter der Väterzeit“. Er hat die syrisch-aramäische Literatur in Form und Inhalt geprägt. Immer noch werden seine Werke in liturgischer Form in den syrischen, armenischen, koptischen, griechischen und sogar in russischen und slawischen Kirchen wiedergegeben. Schon früh fanden seine Werke Einzug in die Liturgie. Schon rund zwei Jahrzehnte nach dem Tode Ephräms fanden seine Werke gottesdienstliche Verwendung. Im 5. Jahrhundert ging man sogar soweit, die Texte des Evangeliums zu löschen und an deren Stelle die Hymnen Ephräms zu schreiben. Ein solches Manuskript wird unter dem Titel „Codex Ephräm“ in der Bibliothek zu Paris aufbewahrt.

Bis zu seinem Tode führt Ephräm seine Tätigkeit als Lehrer, als Exeget, als Polemiker, als Prediger und als religiöser Dichter fort. Zu Edessa in Mesopotamien entschläft Ephräm am 9. Juni 373, zur Zeit des Kaisers Valens.

Aus der Wikipedia

Obsolet

Matthias vertritt die keineswegs neue oder originelle, aber dennoch unbedingt bedenkenswerte These, Jesus Christus habe keine Kirche gegründet.

Meine Gegenthese ist: Wenn dem so wäre, dann wäre das gesamte Christentum obsolet. (Und zwar als ernstzunehmende, mit guten Gründen ausgestattete Weltanschauung, nicht natürlich als austauschbares Gerüst der allgemeinen Lebenshilfe – vielleicht liegt darin ja noch eine große Zukunft?)

Ich verzichte jetzt auf eine Herleitung dieser These und möchte Euch als kleine Übungsaufgabe 😉 vorschlagen, aus dem bisher Diskutierten meine Gegenthese abzuleiten. Wie komme ich darauf?

Bitte verzichtet erst einmal auf Widerlegungsversuche, sondern macht die These stark. Je stärker die These, desto mehr kann man daraus lernen. Deshalb versuche ich ja auch dauernd, meinen protestantisch-lutherisch-reformierten Gesprächspartnern starke Thesen abzuringen…

Outside

Einer der zahlreichen Gesprächsfäden, die hier lose herumhängen, bezieht sich auf den Klassiker extra ecclesiam nulla salus. Im ersten Teil der Geschichte waren wir ja nur bis zum Jahr 314 gekommen, als auf dem Konzil von Arles (natürlich 🙂 die römische Anschauung siegte.

Über die nächsten 900 Jahre fehlen mir bis jetzt nähere Informationen. Aber spannend wird es 1215 auf dem Vierten Laterankonzil. Dieses Konzil hat u.a. den berühmten Unähnlichkeitssatz verabschiedet („Denn von Schöpfer und Geschöpf kann keine Ähnlichkeit ausgesagt werden, ohne daß sie eine größere Unähnlichkeit zwischen beiden einschlösse.“), aber auch diesen Satz:

Una vero est fidelium universalis Ecclesia, extra quam nullus omnino salvatur, in qua idem ipse sacerdos est sacrificium Iesus Christus, cuius corpus et sanguis in sacramento altaris sub speciebus panis et vini veraciter continentur, transsubstantiatis pane in corpus, et vino in sanguinem potestate divina: ut ad perficiendum mysterium unitatis accipiamus ipsi de suo, quod accepit ipse de nostro. Et hoc utique sacramentum nemo potest conficere, nisi sacerdos, qui rite fuerit ordinatus, secundum claves Ecclesiae, quas ipse concessit Apostolis eorumque successoribus Iesus Christus.

Es gibt aber eine allgemeine Kirche der Gläubigen, außerhalb derer überhaupt keiner gerettet wird, in der der Priester selbst zugleich das Opfer ist, Jesus Christus, dessen Leib und Blut im Sakrament des Altars unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft enthalten sind, wenn durch göttliche Macht das Brot in den Leib und der Wein in das Blut wesenhaft verwandelt sind: damit wir selbst zur Vollendung des Geheimnisses der Einheit von dem Seinigen empfangen, was er selbst von dem Unsrigen empfangen hat. Und dieses Sakrament kann freilich nur ein Priester vollziehen, der gültig geweiht wurde entsprechend den Schlüsseln der Kirche, die Jesus Christus selbst den Aposteln und ihren Nachfolgern gewährte.

Sacramentum vero baptismi (quod ad Dei invocationem et individuae Trinitatis, videlicet Patris, et Filii, et Spiritus Sancti, consecratur in aqua) tam parvulis, quam adultis in forma Ecclesiae a quocunque rite collatum proficit ad salutem.

Das Sakrament der Taufe aber (das unter Anrufung Gottes und der unteilbaren Dreifaltigkeit, nämlich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, im Wasser geheiligt wird) gereicht sowohl Kindern als auch Erwachsenen, von wem auch immer es in der Form der Kirche in rechter Weise gespendet wurde, zum Heil.

Et si post susceptionem baptismi quisquam prolapsus fuerit in peccatum, per veram potest semper paenitentiam reparari. Non solum autem virgines et continentes, verum etiam coniugati, per rectam fidem et operationem bonam placentes Deo, ad aeternam merentur beatitudinem pervenire.

Und wenn jemand nach dem Empfang der Taufe in Sünde gefallen ist, so kann er immer durch wahre Buße erneuert werden. Aber nicht nur Jungfrauen und Enthaltsame, sondern auch Verheiratete verdienen es, zur ewigen Seligkeit zu gelangen, wenn sie durch rechten Glauben und gutes Tun Gott gefallen. [DH 802]

Der letzte Satz gefällt mir als Verheiratetem doch ganz gut. 🙂

Ganz interessant ist übrigens auch die Vita von Papst Innozenz III., der besagtes Konzil einberief.

Harter Stoff, den ich Euch hier zumuten muss. Mehr zum Thema bei catholicism.org. Fortsetzung folgt.

Vicipaedia

Die Wikipedia gibt es jetzt auch in Latein. [via Wolfgang Sommergut]

Auszug:

Ecclesia (-ae, f.) organisatio religionis christianae est. Multae nomine ecclesiae. Principe inter omnes Catholica Ecclesia quae superquam 1,100,000,000 fideles habet. In principio una ecclesia erat sed schismata dividebant ecclesiam in partes. Nunc variae confessiones sunt:

* confessio catholica
* confessiones orthodoxae
* confessio anglicana
* confessio evangelica lutherana aut augustana

Vielleicht sollten wir ein Blog in Latein starten?

Euthanasie als Ausweg

Stephan Baier bei kath.net:

„Millionen Kinder wurden in Europa abgetrieben, weil sich die Familien, die Staaten, die Gesellschaften angeblich mehr Kinder nicht leisten konnten, weil andere Prioritäten gesetzt wurden: Karriere oder Selbstverwirklichung. Und jetzt erwarten wir, dass die mutwillig dezimierten nachwachsenden Generationen die Selbstlosigkeit aufbringen, sich um das wachsende Heer der Alten und Hochbetagten zu kümmern? Die Debatte um die Euthanasie ist eine Spätfolge der Selbstverwirklichungs-Ideologie und der Fun-Mentalität. Wenn die ersten Babyboom-Jahrgänge ins Pensionsalter kommen und unsere Sozialsysteme am Rand des finanziellen Kollaps stehen, dann wird den Massen die Euthanasie als letzter Ausweg erscheinen. Diese Debatte wird mit humanistischen Argumenten geführt, wie die Abtreibungsdebatte – aber beide haben eine Barbarisierung zur Folge.“

Stephan Baier: kinderlos: Europa in der demographischen Falle. MM-Verlag Aachen. 276 Seiten, 18,60 EUR.