Traditionsbruch?

„Das Zweite Vatikanum brach 1965 mit katholischen Traditionen“, lautet die Unterzeile eines Welt-Artikels über das vor vierzig Jahren beendete Konzil. Weiß der verantwortliche Redakteur, was er da schreibt?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Unterzeile von Gernot Facius selbst stammt. Denn den kenntnisreichen, altgedienten Journalisten und im Sudetenland geborenen Katholiken kann ich eigentlich nicht in der einschlägigen Ecke verorten.

Doch falls die Unterzeile stimmt, dann müsste das Konzil tatsächlich als gescheitert gelten.

Ambrosius von Mailand

Ambrosius, Sohn eines hohen römischen Verwaltungsbeamten, wurde 339 (oder 333) in Trier geboren. Er trat in den Staatsdienst und wurde Provinzstatthalter von Ligurien und Ämilien. 374 durch Akklamation zum Bischof von Mailand gewählt, stellte er seine ganze Kraft in den Dienst dieses Amtes. Durch das Studium vor allem der griechischen Kirchenväter erwarb er sich ein theologisches Wissen, das sich harmonisch mit seiner antik-römischen Bildung verband. Er verteidigte die Kirche von Mailand gegen die Ansprüche der arianischen Kaiserin Justina, wehrte staatliche Übergriffe auf kirchliche Bereiche ab („Der Kaiser steht innerhalb der Kirche, nicht über ihr“), diente durch Predigten und Schrifterklärungen dem Glaubenssinn seiner Zuhörer (unter denen sich Augustinus befand), dichtete Hymnen und führte sie nach östlichem Vorbild in die lateinische Liturgie ein. Er war ein Vertreter und Förderer des asketischen Lebens; er zeigte Ma­ria als das Vorbild der gottgeweihten Jungfrauen und war selbst ein großer Marienverehrer. Ambrosius starb am 4. April 397; der 7. De­zember ist der Tag seiner Bischofsweihe. Mit Recht gilt er als der füh­rende Mann seines Jahrhunderts und wird neben die großen Kirchenlehrer Augustinus, Hieronymus und Leo d. Gr. gestellt. [Schott]

Du hast die Aufgabe des Bischofs übernommen, hast deinen Platz auf dem Heck der Kirche und steuerst das Schiff gegen den Strom. Halte des Steuerruder des Glaubens fest, damit dich die Sturmböen dieser Welt nicht aus dem Kurs bringen. Das Meer ist groß und weit. Aber fürchte dich nicht, denn Gott hat die Kirche „auf Meere gegründet, sie über Strömen befestigt“.
Ambrosius: Aus einem Brief über die Aufgabe des Bischofs (Zweite Lesung der Lesehore zum Gedenktag)

Gott,
du hast uns im heiligen Bischof Ambrosius
einen hervorragenden Lehrer
des katholischen Glaubens
und ein Beispiel apostolischen Freimutes gegeben.
Höre auf seine Fürsprache
und berufe in deiner Kirche Bischöfe,
die deinem Willen gehorsam sind
und dein Volk mit Kraft und Weisheit leiten.
Tagesgebet

Durcheinanderwurf

Isolde Charim wirft in der taz (Unintelligentes Wissenschaftsdesign) alles durcheinander:

„Mit dem Vormarsch der ID-Vertreter in den USA, gestärkt durch Schützenhilfe von höchster Stelle – Papst Benedikt XVI. meinte bei seiner Amtseinführung: ‚Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist die Frucht eines Gedanken Gottes.‘ -, meldet sich das alte Erkenntnishindernis zurück. Ist das die Rückkehr eines Verdrängten? Keineswegs.

Der ‚epistemologische Bruch‘, den eine Wissenschaft vollzieht, bedeutet, dass sie sich einen eigenen, neuen Gegenstand konstruiert. Es ist also der Abschied von der trügerischen Selbstverständlichkeit des Gegebenen, von der empirischen Evidenz der Welt. Der theologische Diskurs versucht nun, eben diese Abgrenzung zu überschreiten. Er tut so, als bezögen sich religiöser und wissenschaftlicher Diskurs auf ein und dasselbe Objekt, und deshalb könne er diese gemeinsame empirische Realität definieren. Die Evidenz des göttlichen Planes, das unwissenschaftliche Konzept par excellence, ist nicht zufällig eine der zentralen Kategorien des ID.

Der religiöse Diskurs versucht also, das Terrain, das die Wissenschaft für sich abgesteckt hat, zu usurpieren und sich ebendort durchzusetzen: Er versucht, seine Begriffe am Ort der Wissenschaft einzuschreiben – als seien diese mit jenen kompatibel. Mehr noch, er will einen Rollentausch vornehmen, dessen erster Schritt lautet: ‚Jedes Denksystem‘, so der Wiener Kardinal Schönborn, der den amerikanischen IDlern in der New York Times zur Hilfe eilte, ‚das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.‘ Nicht genug, dass die Evolutionisten als die eigentlichen Obskurantisten abgekanzelt werden, präsentieren die IDler sich selbst auch noch als die wahren Hüter der Vernunft.“ [Perlentaucher]

An diesem Text stimmt so gut wie nichts. Weder Benedikt XVI. noch Kardinal Schönborn reden der Theorie (?) des Intelligent Design das Wort. Und es geht auch nicht um Rollentausch, sondern bestenfalls um die Abwehr einer Grenzüberschreitung seitens des Neodarwinismus.

Der nämlich hat den alten Satz etsi deus non daretur – eine historische Einschränkung der naturwissenschaftlichen Methode in Abgrenzung zur Theologie – inzwischen zum Dogma erhoben, das aller Wissenschaft, ja aller Erkenntnis zugrunde zu legen sei. Was nichts anderes bedeutet als außer der naturwissenschaftlichen Methode keine Erkenntnis mehr zuzulassen. Und den methodischen zum dogmatischen Atheismus zu erheben.

Es darf niemanden wundern, dass sich Papst und Kardinal dagegen wenden. Aber ID-Anhänger sind sie deshalb noch lange nicht. Ihnen geht es um jene Linie, an der die (nicht-naturwissenschaftliche) Interpretation naturwissenschaftlicher Resultate und Theorien beginnt. Man lese dazu die zweite Katechese von Kardinal Schönborn.

Nikolaus

Dass der Hl. Nikolaus im 20. Jahrhundert einen langjährigen Werbevertrag mit Coca-Cola unterzeichnet hat (Quelle: BCGGL), trug enorm zu seiner Bekanntheit bei. Aber auch zu seiner Profanisierung. Außerdem hat sich seine ursprünglich auf die Nacht zum 6. Dezember beschränkte (vgl. aber Matthias Heil) Arbeitszeit als Gabenspender inzwischen auf eine ganze Saison erweitert. Das ist der Preis des Ruhmes.

Literatur
Werner Mezger: Sankt Nikolaus
Manfred Becker-Huberti: Der heilige Nikolaus
Roman Mensing: Nikolaus von Myra

Gott, du Spender alles Guten,
hilf uns auf die Fürsprache des heiligen Nikolaus
in aller Not
und steh uns bei in jeder Gefahr.
Gib uns ein großmütiges Herz,
damit wir anderen schenken,
was wir empfangen,
und den Weg des Heiles ungehindert gehen.
Tagesgebet

Mehr bei Felix Pfefferkorn

Wenn es darauf ankommt

Aus dem Grußwort des ernannten Bischofs von Hildesheim, Norbert Trelle, verlesen gestern in allen Messen:

Die Berufung in den Hirtendienst dieser altehrwürdigen Diözese hat mich zunächst erschreckt. Ich habe mich gefragt, ob ich der großen Aufgabe wohl gewachsen sein werde. Dennoch habe ich sehr bald und mit frohem Herzen zugestimmt, weil ich Gottes gutes Geleit in meinem bisherigen Leben immer spüren durfte und weil ich mich in meiner neuen Aufgabe von Ihrem Gebet und Ihrem Gedenken in der Heiligen Messe getragen weiß.

Ich danke Ihnen daher heute aufrichtig für Ihre Gebete in den zurückliegenden Monaten und bitte Sie auch weiterhin um diesen Dienst geschwisterlicher Liebe: „Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich: dass Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden!“ (Eph 6, 18 – 19)

Anno

Anno II. war 1056-75 Erzbischof von Köln. Er stammte aus dem schwäbischen Land (aus Pfullingen), seine Ausbildung erhielt er in Bamberg. Als Erzbischof von Köln benützte er seinen Einfluss auf die Regierung des Reiches, um die Simonie (Kauf geistlicher Ämter) und die Habgier des Klerus zu bekämpfen. Er selbst lebte und starb in großer Armut. Er gründete mehrere Klöster, darunter die Abtei Siegburg, wo er auch begraben wurde. [Schott]

Allmächtiger Gott,
erhöre unser Gebet
am Gedenktag des heiligen Bischofs Anno,
der allen, für die er Verantwortung trug,
ein Helfer und ein leuchtendes Vorbild war.
Gib, dass auch wir
seine Fürsprache und seine Hilfe erfahren.
Tagesgebet

Nach katholischem Ritus

Erhaltenswerte Verlässlichkeiten beschreibt die NZZ in einer Besprechung über einen Film, der die These vom Freitod des Walter Benjamin in Zweifel zieht:

„Gewiss, Benjamin soll, nach eigener Aussage seit dem Vorabend mit Morphium vollgepumpt, Henny Gurland am Morgen seines Todestags den bekannten, seinen Selbstmord ankündigenden Brief an Adorno übergeben haben, dessen Original freilich verschollen ist. Umgekehrt macht die Befragung diverser älterer Ortsbewohner – mehr als die der internationalen Benjamin-Kenner und -Freunde – klar, dass neben einer langen Reihe offener Fragen auch einige handfeste Indizien Zweifel an der Selbstmordthese rechtfertigen. Um lediglich eines davon hier anzudeuten: ein Selbstmörder, in auffälliger Eile nach katholischem Ritus begraben?“ [Perlentaucher]

Was natürlich weitere Rätsel aufwirft, denn schließlich war Benjamin jüdischer Herkunft.

Bei Cohen wie bei Kant vermisste Benjamin vor allem die Reflexion auf einen Aspekt, der ihm besonders wichtig war und den Gegenstand von Aufsätzen über Sprachphilosophie und Sprachkritik bildete, den Aspekt der Sprachlichkeit aller Erkenntnis. Aus alledem resultierte eine gewisse philosophische Enttäuschung, die Benjamin Gershom Scholem gegenüber in die Worte fasste: wolle er Cohen in allem folgen, könne er «auch gleich katholisch werden». [WOZ]