Konsens

Ursula von der Leyen im Interview mit dem Rheinischen Merkur:

Schwarz-Rot will prüfen, „wie die Situation bei Spätabtreibungen verbessert werden kann“. Was heißt das?

Bei diesem Thema gibt es zwischen den großen Fraktionen unterschiedliche Haltungen, wie man mit dieser juristischen Grauzone umgehen soll. Das grundsätzliche Prinzip des Paragrafen 218 werden wir nicht mehr antasten. Da ist nach vielen gesellschaftlichen Diskussionen ein Konsens gefunden worden, der jetzt von allen Seiten getragen wird. Bei den Spätabtreibungen tauchen aber ganz tragische Fälle auf, etwa von Kindern, die mit schwersten Schäden überleben. Hier müssen wir in aller Ruhe und mit viel Sachverstand prüfen, ob es Regelungsbedarf gibt. Das wird ein schwieriger Weg. [kreuz.net/kath.net]

Biete auf deine Macht

Biete auf deine Macht, Herr, unser Gott,
und komm.
Entreiße uns den Gefahren,
in die unsere Sünden uns bringen.
Mache uns frei und rette uns.
Darum bitten wir durch Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Tagesgebet vom Freitag der 1. Woche im Advent

Abweichung vom Manuscript

In ihrer Regierungserklärung sprach Angela Merkel gestern diese Sätze:

„Wir brauchen einen Dialog mit dem Islam. Wir müssen einander verstehen lernen; das gehört dazu. Wir müssen im Übrigen darauf achten, dass wir unsere eigene Religion, das Christentum, ausreichend verstehen, soweit wir Christen sind – das gilt auch für andere, die anderen Religionen anhängen -; denn einen Dialog der Kulturen kann man nur führen, wenn man sich seiner eigenen Kultur auch wirklich bewusst ist.

Wir werden das offen und ehrlich tun. Wir werden vor allen Dingen Differenzen eindeutig benennen, wo immer sie auftreten.“

Sie wich damit in bemerkenswerter Weise vom Manuscript ab, wo nur dies gestanden hatte:

„Dem Dialog mit dem Islam kommt eine große Bedeutung zu. Wir müssen einander verstehen lernen. Wir werden einen offenen und ehrlichen Dialog führen. Dabei werden wir Differenzen nicht verwischen, sondern sie eindeutig benennen.“

Eine Steilvorlage für Norbert Lammert.

Römische Inquisition

„Die Römische Inquisition ist 1542 gegründet zur Abwehr der protestantischen Häresie, also eine Reaktion auf den Protestantismus, der sich des Mediums Buch bediente und wo sozusagen das Buch als das Erfolgsgeheimnis zur Verbreitung reformatorischer Gedanken in Rom dann auch schließlich erkannt wurde. Deshalb ist eine der Hauptaufgaben der Römischen Inquisition, praktisch den Buchmarkt zu beobachten, um – jetzt mal in der Sprache der Zeit – zu verhindern, dass sich gesunde Katholiken mit dem protestantischen Virus anstecken. Der Index der verbotenen Bücher ist jetzt eine Liste von Büchern, die Katholiken bei Strafe der Exkommunikation und damit Verlust des ewigen Seelenheiles nicht lesen durften. Da der Buchmarkt sich immer weiter entwickelte, konnte man natürlich nicht statisch bei einer Liste bleiben, sondern es musste ständig nachgearbeitet werden. Wenn neue Bücher erschienen, mussten die in Rom wieder untersucht werden und dann gegebenenfalls wieder verboten werden oder auch freigesprochen.“
Hubert Wolf, Historiker [Deutschlandfunk]

Andreas

Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).
Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).
Joh 1,40-42

Souverän

Durchaus abgewogen kommentiert die NZZ das seit gestern amtliche römische Papier:

„Es gibt wohl keine guten Gründe dafür, der katholischen Kirche das Recht abzusprechen, ihre inneren Angelegenheiten selber zu regeln und beispielsweise die Bedingungen für die Zulassung zu Ämtern nach ihrem eigenen Gusto festzulegen. Niemand hat einen wie auch immer gearteten rechtlichen Anspruch darauf, zum Priester der katholischen Kirche geweiht zu werden. Da nützt auch die Berufung auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und das darin enthaltene Diskriminierungsverbot nichts. Die Kirche ist, zumindest was die Rekrutierung ihres Führungspersonals betrifft, durchaus souverän. Sie zwingt ja niemanden dazu, ihr anzugehören.“

Etwas schräg dann allerdings der Versuch einer Kurzexegese nebst moraltheologischer Schlussfolgerungen am Schluss des Kommentars:

„In diesem Rückgriff auf die traditionelle Lehre spiegelt sich weniger Homophobie als vielmehr eine Sexualmoral, die in der Ehe in erster Linie eine Institution der Reproduktion sieht und den Fortpflanzungsaspekt der Sexualität überbetont. Stellte der Vatikan mehr auf personale Zuwendung und Hingabe ab, käme er zu einer positiveren Beurteilung homosexueller Partnerschaften – und wäre damit erst noch biblischer. Das Neue Testament hat die Päderastie und ihre Abarten verurteilt, wie sie in der damaligen griechischen-römischen Kultur praktiziert wurden. Es sagt nichts über heutige Partnerschaften zwischen erwachsenen Homosexuellen auf der Basis gegenseitiger Anerkennung.“

Da möchte ich doch mit Hein Blöd sagen: Fragt lieber noch mal eure Eltern, denn so ganz sicher bin ich mir da nicht.

Wörtliche Interpretation

Wie verarbeiten Bibelfundamentalisten das Problem der beiden Schöpfungsberichte (Gen 1,1-2,4a und 2,4b-25)? Sie lassen sich ja bei streng wörtlicher Interpretation nicht auf einen Nenner bringen. Schuf Gott den Menschen zuletzt, am SonnabendFreitag, nachdem die Erde soweit fertig war – oder zuerst, ohne nähere zeitliche Eingrenzung, aber bevor er den Garten Eden anlegte und die Tiere schuf?

Höchst interessant ist übrigens, was Augustinus („Über den Wortlaut der Genesis“) als wörtliche (oder vielmehr wortgetreue) Interpretation ansah. Er versteht Begriffe wie „Licht“, „Tag“ und „Morgen“ in ihrer geistlichen (und nicht etwas physikalischen) Bedeutung. Geistliches Licht ist für ihn genauso wörtlich wie physikalisches, und die Schöpfung des geistlichen Lichtes ebenso ein geschichtliches Ereignis wie die Schöpfung des physikalischen Lichtes.

Eine wörtliche oder wortgetreue Interpretation der Genesis liegt für Augustinus keinesfalls auf der Hand, sondern ist das Ergebnis eines aufwendigen und schwierigen Prozesses. Dabei ist ganz selbstverständlich der fortschreitende Wissensstand zu berücksichtigen – und nicht etwa an einer einmal gefundenen Interpretation festzuhalten, auch wenn diese sich angesichts neuer Erkenntnisse nicht halten lässt.

Blick auf die Wirklichkeit

Anfang November sprach Angela Merkel in der Katholischen Akademie, München, über ihren Glauben. Die Tagespost kommentierte:

„Christlichen Parteien muss das Ideologische, das weltanschauliche Vorurteil völlig fremd sein. Man ist bei den Menschen – den Arbeitslosen, den Handwerkern und Unternehmern, den Familien, den alleinerziehenden Müttern – und nimmt deren Alltag und Sorgen als die Wirklichkeit an.

Zwei Entwicklungen befördern diese christliche Sicht der Politik, die den Bürger nicht irgendwelchen ideologischen Vorgaben unterwirft: Zum einen das Ausbluten der 68-er-Bewegung, die das Land über Jahrzehnte mit zahllosen Ismen überzogen hat. Feminismus, Marxismus, Maoismus, Ökologismus waren wie Denkschablonen, die den Blick auf die Wirklichkeit versperrten. Emanzipation (von was? – auf was hin?) war das große Schlagwort. Erziehung musste antiautoritär sein, egal wie es den Kindern in Wirklichkeit erging. Diese Bewegung kommt nun an ihr biologisches Ende und hinterlässt ein Vakuum, das es zu füllen gilt.

Zum anderen gibt es Anzeichen, dass die laizistische Welt wieder mit Christen spricht und akzeptieren könnte, dass auch das Religiöse Teil der Wirklichkeit ist. Das Gespräch des Präfekten der Glaubenskongregation mit dem Philosophen Habermas, dem ‚reinsten aller Laizisten‘ (Ratzinger), vor fast zwei Jahren war so ein Signal.“

Man nehme als Kontrastmittel die vorgestanzten Wortschablonen aus dem Munde von Claudia Roth, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen:

‚Der Erlass ist anachronistisch und diskriminierend. Homosexuelle Männer dürfen erst nach einer dreijährigen Phase der Keuschheit zu katholischen Priestern geweiht werden. Für heterosexuelle Männer gilt das Keuschheitsgelübde dagegen erst mit der Priesterweihe. Das ist eine klare Diskriminierung von homosexuellen Männern.

Wenn von Priesteramtskandidaten zudem verlangt wird, dass sie keine ‚tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen‘ haben, dann wird das dazu führen, dass homosexuelle Kandidaten ihre Identität verleugnen werden. Das Dokument schreibt eine überkommene Sexualmoral fest, unter der homosexuelle Männer jahrhundertlang leiden mussten.

Es enttäuscht damit auch die Erwartungen von vielen gläubigen Menschen, die auf eine Modernisierung der katholischen Kirche gehofft hatten. Es ist ein schmerzliches Relikt aus einer schon überwunden geglaubten Zeit.‘

Claudia Roth – ein schmerzliches Relikt aus einer schon überwunden geglaubten Zeit?

ARD-Standards

Als Kommentator hatte Gregor Hoppe, ARD-Hörfunkkorrespondent in Rom, in der letzten Woche kräftig daneben gehauen. Sein heutiger Hörfunkbericht hingegen steigt zwar mit dem unvermeidlichen Protest „von Schwulenverbänden und Menschenrechtsgruppen“ ein, referiert dann aber ausführlich das Papier selbst, bevor er abschließend die Kritiker zu Wort kommen lässt.