Der hölzerne Volksaltar

Bei der Rekonstruktion der Liturgiereform ließ ich mich bislang von der Annahme leiten, das große Kirchenumbauprogramm sei erst auf das Missale von 1969/1970 gefolgt. Inzwischen weiß ich aber, dass die gotische Hallenkirche meiner Heimatstadt schon sehr viel früher den neuen Choraltar erhielt. Er wurde bereits am 8. September 1965 durch Bischof Heinrich Maria Janssen geweiht.

Insofern stimmt die bislang angenommene Reihenfolge der Ereignisse nicht und kann auch die eingangs formulierte These so nicht stimmen. Das Messbuch Pauls VI. war, so scheint es mir nun, viel eher ein Akt der Reaktion auf eine außer Rand und Band geratene Liturgiereform als deren Ursache.

Mein Vater berichtet, dass in jener Kirche schon in den 40er Jahren regelmäßige „Gemeinschaftsmessen“ an einem hölzernen Volksaltar ad orientem zelebriert wurden. Dieser Altar stand etwa dort, wo später der marmorne Volksaltar errichtet wurde, und wurde nach jeder Gemeinschaftsmesse wieder demontiert.

Die Zelebration versus populum hingegen bringt mein Vater erst mit dem Konzil in zeitlichen Zusammenhang. Wahrscheinlich ging mit der Weihe des Choraltars der Wechsel der Zelebrationsrichtung einher.

Und in der Tat – die Zelebration versus populum entspricht der Reform von 1965, wie sie Adam Barnette in seinem Blog „The Mass of Vatican II“ beschrieben hat. Seiner Meinung nach spricht Einiges dafür, dass mit dieser Reform die zehn Jahre zuvor von Pius XII. mit der Neuordnung der Karwoche begonnene Liturgiereform im Sinne der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ abgeschlossen war.

Der dieser Konstitution gewidmete vierte Teil meiner kleinen Reihe zur Liturgie steht noch aus. Danach wird eine zweite Runde folgen:

  1. Die Neuordnung der Karwoche (1955)
  2. Die Reformen Johannes‘ XXIII. (1960 bis 1962)
  3. Die Liturgiekonstitution (1963)
  4. „Inter Oecumenici“ (1964) und die Reform von 1965
  5. „Tres abhinc annos“ (1967)
  6. Die apostolische Konstitution „Missale Romanum“ (1969)
  7. Das Missale von 1969/1970

Roe v. Wade distorts everything

Joseph Bottum kommentiert in First Things die Kongresswahlen in den USA:

The way the right in America thinks about the war in Iraq is not comparable to the way the right thinks about abortion. Let’s leave aside the question of whether opposition to abortion is properly a conservative issue. The process by which the Republicans became the pro-life party and the Democrats became the pro-abortion party is one of the most bizarre in our history. Roe v. Wade distorts everything it touches, including American politics. Still, opposition to abortion is now a fixed part of the conservative world, and, for deep-red-state Republicans, to cease to be pro-life would require a fundamental rethinking of everything it currently means to be a conservative. To cease to support the war in Iraq requires only a change of mind about a particular attempt to carry out one initiative of foreign policy.

Das Missale von 1969/1970

Teil 3 meiner kleinen Reihe zur Liturgie (Teil 1: Die heutige liturgische Praxis, Teil 2: Die Liturgiereform)

Zu den größten liturgischen Schätzen gehören die Orationen des Römischen Messbuches. Der größte Teil von ihnen

ist in den Sakramentarien des 5.-7. Jahrhunderts überliefert. In all diesen Texten ist – zumal unter dem eigentlichen literarischen Gesichtspunkt – die Substanz des Missale Romanum gegeben: Schöpfungen von hoher theologischer Aussagekraft, nach den Regeln spätlateinischer Kunstprosa gestaltet. Gebilde von monumentaler Einfachheit und bestechender Präzision. Sie sind von einer solchen Vollendung, daß sie, im wesentlichen unverändert bewahrt, bis heute die Gebetsform der katholischen Kirche geblieben sind. (Kindlers Literaturlexikon Bd IV, 1968, Sp. 2721; zit. nach Martin Mosebach: Häresie der Formlosigkeit, S. 112)

Der Autor dieser Zeilen, der Laacher Benediktiner Burkhard Neunheuser, schrieb zwanzig Jahre später im nämlichen Lexikon (Art. Missale romanum Bd. 19 der Studienausgabe, 125; zit. nach Gunda Brüske: Mosebachs Essays im Kontext von Jugendbewegung und liturgischer Erneuerung. Ein illegitimer Sproß der liturgischen Bewegung? in: konturen. Rothenfelser Burgbrief 02/03) dem Missale von 1969/1970

die Erschließung des ganzen Reichtums der Orationen und Präfationen aus den klassischen römischen Sakramentaren

zu. Es mag durchaus sein, dass dies die Intention der Schöpfer jenes Messbuches war, zu denen auch Neunheuser gehörte. Doch ob das Werk gelungen ist, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Nehmen wir als Beispiel die Oration vom ersten Adventssonntag. Bis 1968 lautete sie:

Excita, quæsumus, Domine, potentiam tuam, et veni: ut ab imminentibus peccatorum nostrorum periculis, te mereamur protegente eripi, te liberante salvari: Qui vivis et regnas cum Deo Patre in unitate Spiritus Sancti Deus: per omnia sæcula sæculorum. Amen.

Robert Ketelhohn übersetzt so:

Erwecke, so bitten wir, Herr, deine Macht, und komm, auf daß wir den drohenden Gefahren unserer Sünden durch deinen Schutz entrissen und durch deine Befreiungstat gerettet zu werden verdienen, der du lebst und herrschest mit Gott dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Die Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ wurde am 4. Dezember 1963 verkündet. Papst Paul VI. promulgierte das neue Missale am 3. April 1969, auf den Tag drei Monate vor meiner Geburt, und am ersten Adventssonntag des gleichen Jahres trat es in Kraft. Nur etwas mehr als fünf Jahre vergingen also zwischen diesen beiden Meilensteinen des liturgischen Umbruchs.

Seit Advent 1969 lautet die gleiche Oration:

Herr, unser Gott, alles steht in deiner Macht; du schenkst das Wollen und das Vollbringen. Hilf uns, daß wir auf dem Weg der Gerechtigkeit Christus entgegengehen und uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vorbereiten, damit wir den Platz zu seiner Rechten erhalten, wenn er wiederkommt in Herrlichkeit. Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. ‹Amen.›

Robert kommentiert die Neuerung so:

Die Oration beginnt im neuen deutschen Meßbuch nicht mit dem »Maranatha« – »komm, Herr!« –, sondern mit einer unverbindlichen Feststellung. »Alles steht in deiner Macht« – na und? Der alte Text schrie nach Gott: »Komm, Herr, komm her und greif ein mit all deiner Macht!«

Und weiter: »Wir sind in tödlicher Gefahr durch unsere Sünden. Komm, Herr, du allein hast die Macht dazu: Reiß uns heraus, befreie uns aus den Banden der Hölle und rette uns!« Dagegen der neue Text: »Wir sind gerecht und gehen Christus entgegen, hurra! Aber hilf uns ein wenig dabei. Auch bei den guten Werken, die wir ja tun. Dafür steht uns dann der Platz zur Rechten Christi zu.«

Im übrigen fällt auf, daß das Gebet sich nicht mehr – wie in der alten Fassung – an Christus richtet, sondern an Gott Vater. Im Gebetsschluß wird auf deutsch weggelassen, was mit Sicherheit auch noch im lateinischen Text des neuen Meßbuchs steht: Die Akklamation Christi als Deus, als Gott: »… lebt und herrscht ‹als› Gott …«

Man lese Roberts Ausführungen im Zusammenhang – er befasst sich in gleicher Weise auch mit Graduale/Alleluia, Offertorium/Secreta, Communio und Postcommunio sowie den Texten des zweiten Adventssonntages, mit weiteren Sonntagsorationen sowie einigen Werktagsorationen zur Fastenzeit und kommt zu diesem Ergebnis:

Wenn du mal die Orationen des alten und des neuen Ordo Missæ vergleichst, dann wird dir vielleicht auffallen, daß darin heute ein anderer Geist herrscht. Die Rede von unserer Sünde, unserer Schwachheit und unserm Unvermögen ebenso wie der flehentliche Ruf um das Erbarmen Gottes wurden weitgehend eliminiert zugunsten frommen Selbstbewußtseins, das auf eigene Kraft und Gutheit setzt und gelegentlich, wenn uns nicht alles gleich ganz leicht gelingt, Gott um etwas Hilfe bittet, er möge uns doch mal eben zur Hand gehen.

Und an anderer Stelle:

Schaust du eine einzelne der neuen Sonntagsorationen an – zumal da du daran gewöhnt bist –, so fällt dir nichts weiter auf. Nein, häretisch ist sie nicht. Vergleichst du sie aber mit ihrer Vorgängerin aus dem alten Ritus, so bemerkst du auffällige Änderungen. Nimmst du dir alle Sonntagsorationen auf diese Weise vor, so findest du dieselbe Weise immer wieder. Man hat konsequent bereinigt, ein semipelagianischer Geist hat klammheimlich Einzug gehalten.

Ob dieser Vorwurf zutrifft oder nicht, mögen andere entscheiden. Schwer zu leugnen scheint mir indes der sprachliche Verfall im direkten Vergleich. Viele, allzuviele neue oder erneuerte Texte des Messbuches von 1969/1970 bleiben weit hinter ihren Vorgängern zurück. Und sie sind, das ist fast das Schlimmste, zwar platter, aber dadurch keinesfalls verständlicher geworden.

Das Bemühen um Verständlichkeit der Liturgie ist ohnehin mit äußerster Vorsicht zu üben. Denn es gehört geradezu zu ihrem Wesen, dass nicht alles verständlich, manches sogar äußerst unverständlich ist und erst in der Wiederholung langsam einzuleuchten beginnt. Moderne Plattheiten erleichtern keinesfalls das Verständnis, denn sie richten den Blick weg vom Geheimnis, dem Mittelpunkt aller Liturgie.

Das Messbuch Pauls VI. hat die Struktur der Messe deutlich verändert, einige Teile gestrichen (Stufengebet, Schlussevangelium), andere hinzugefügt (Fürbitten, Friedensgruß). Es hat an die Stelle des Canon Missae eine Vielzahl von Hochgebeten höchst unterschiedlichen Charakters gesetzt. Und es hat zahllose Wahlmöglichkeiten geschaffen – und damit der liturgischen Kreativität erst den Raum verschafft, die, so schreibt Ratzinger in „Der Geist der Liturgie“,

keine authentische Kategorie des Liturgischen sein kann. Ohnedies ist dieses Wort im Bereich der marxistischen Weltsicht gewachsen. Kreativität bedeutet, daß in einer an sich sinnlosen, durch blinde Evolution entstandenen Welt der Mensch nun schöpferisch eine neue und bessere Welt erschafft.

Was das Messbuch angeht, so wird nichts anderes bleiben als weitere Revisionen. Vom Missale Pius‘ V., promulgiert am 14. Juli 1570, bis zur ersten Revision vergingen nur 34 Jahre. Das Missale Johannes Pauls II., promulgiert am 20. April 2000 und damit gut dreißig Jahre nach 1969/1970, hat den deutschen Sprachraum noch gar nicht erreicht.

Das Missale Benedikts XVI. könnte ein revidiertes Messbuch von 1962 sein, das den Faden der Liturgiereformen von Pius X. und Pius XII. aufnimmt und weiterführt – wie es die Intention von „Sacrosanctum Concilium“ war.

Teil 4: Die Liturgiekonstitution

Klerikalisierung

Georg hat in einem Kommentar bereits einen Auszug aus Ratzingers „Der Geist der Liturgie“ (Kap. 3) zitiert. Nun gibt es dieses Kapitel, in englischer Sprache, auch online. Einige Auszüge:

These arguments seemed in the end so persuasive that after the Council (which says nothing about „turning to the people“) new altars were set up everywhere, and today celebration versus populum really does look like the characteristic fruit of Vatican II’s liturgical renewal. In fact it is the most conspicuous consequence of a re-ordering that not only signifies a new external arrangement of the places dedicated to the liturgy, but also brings with it a new idea of the essence of the liturgy –the liturgy as a communal meal.

This is, of course, a misunderstanding of the significance of the Roman basilica and of the positioning of its altar, and the representation of the Last Supper is also, to say the least, inaccurate.

Ratzinger zitiert dann Louis Bouyer:

The idea that a celebration facing the people must have been the primitive one, and that especially of the last supper, has no other foundation than a mistaken view of what a meal could be in antiquity, Christian or not. In no meal of the early Christian era, did the president of the banqueting assembly ever face the other participants. They were all sitting, or reclining, on the convex side of a C-shaped table, or of a table having approximately the shape of a horse shoe. The other side was always left empty for the service. Nowhere in Christian antiquity, could have arisen the idea of having to ‘face the people’ to preside at a meal. The communal character of a meal was emphasized just by the opposite disposition: the fact that all the participants were on the same side of the table (Liturgy and Architecture, pp. 53-54).

Er fährt dann fort:

Dieser Analyse der ,Mahlgestalt‘ ist nun freilich hinzuzufügen, daß die Eucharistie der Christen mit dem Begriff ,Mahl‘ überhaupt nicht zulänglich beschrieben werden kann. Denn der Herr hat das Neue des christlichen Kultes zwar im Rahmen eines jüdischen (Pascha-)Mahles gestiftet, aber nur dies Neue und nicht das Mahl als solches zur Wiederholung aufgetragen

Etwas weiter im Text folgt ein weiteres Zitat von Bouyer:

Never and nowhere before [that is, before the sixteenth century] have we any indication that any importance, or even attention, was given to whether the priest should celebrate with the people before him or behind him Professor Cyrille Vogel has recently demonstrated it, the only thing ever insisted upon, or even mentioned, was that he should say the eucharistic prayer, as all the other prayers, facing East . . . Even when the orientation of the church enabled the celebrant to pray turned toward the people, when at the altar, we must not forget that it was not the priest alone who, then, turned East: it was the whole congregation, together with him“ (pp. 55-56).

Dann wieder Ratzinger:

Admittedly, these connections were obscured or fell into total oblivion in the church buildings and liturgical practice of the modern age. This is the only explanation for the fact that the common direction of prayer of priest and people got labeled as „celebrating towards the wall“ or „turning your back on the people“ and came to seem absurd and totally unacceptable. And this alone explains why the meal – even in modern pictures – became the normative idea of liturgical celebration for Christians.

Und die folgende Passage:

In Wahrheit ist damit eine Klerikalisierung eingetreten, wie sie vorher nie existiert hatte. Nun wird der Priester – der Vorsteher, wie man ihn jetzt lieber nennt – zum eigentlichen Bezugspunkt des Ganzen. Alles kommt auf ihn an, ihn muss man sehen, … seine Kreativität trägt das Ganze. Verständlich, daß man diese eben erst geschaffene Rolle nun wieder zu reduzieren versucht, indem man vielfältige Aktivitäten verteilt und die ,kreative‘ Gestaltung vorbereitenden Gruppen anvertraut, die vor allem ,,sich selbst einbringen“ wollen und sollen. Immer weniger steht Gott im Blickfeld.

Im Gegenteil:

More and more important is what is done by the human beings who meet here and do not like to subject themselves to a „pre-determined pattern.“

The turning of the priest towards the people has turned the community into a self-enclosed circle. In its outward form, it no longer opens out on what lies ahead and above, but is closed in on itself. The common turning towards the East was not a „celebration towards the wall“; it did not mean that the priest „had his back to the people“: the priest himself was not regarded as so important. For just as the congregation in the synagogue looked together toward Jerusalem, so in the Christian liturgy the congregation looked together „towards the Lord.“ As one of the Fathers of Vatican II’s Constitution on the Liturgy, J. A. Jungmann, put it, it was much more a question of priest and people facing in the same direction, knowing that together they were in a procession towards the Lord. They did not close themselves into a circle, they did not gaze at one another, but as the pilgrim People of God they set off for the Oriens, for the Christ who comes to meet us.

Die Liturgiereform

Teil 2 meiner kleinen Reihe zur Liturgie (Teil 1: Die heutige liturgische Praxis)

Die Liturgiereform im engeren Sinne war vor allem ein großes Umbauprogramm für katholische Kirchen. Die gotische Hallenkirche meiner Heimatstadt erhielt damals eine nagelneue Altarinsel, die zwischen das Chorgestühl gesetzt wurde. Das Chorgestühl wiederum musste noch eine Verkürzung am vorderen, dem Mittelschiff zugewandten Ende über sich ergehen lassen, damit seitlich mehr Platz war für Kredenz und Ambo sowie ein paar Sitze für Lektoren und Ministranten. Die abgebauten Teile rückten in die beiden Seitenschiffe.

Der Volksaltar und die gesamte Altarinsel sind aus hellen, polierten Steinplatten gefertigt, die den Kontrast und den Stilbruch zum matten Sandstein der Kirche betonen. Der Priester und zwei Ministranten sitzen um einige Stufen erhöht auf einer Art Podest hinter dem Volksaltar. Am Übergang zum Mittelschiff entstand eine neue Kommunionbank, vor der auch gekniet werden könnte. Der Durchgang in der Mitte wird, wenn kein Gottesdienst ist, mit einer Kordel abgetrennt.

Die alte Kommunionbank, jetzt hinter der Altarinsel, blieb erhalten. Auf den alten Kniepolstern der Stufe saßen bei festlichen Gottesdiensten die zahllosen Ministranten, deren Aufgabe darin bestand, zum Hochgebet mit Flambeaus hinter der Altarinsel im Halbkreis zu stehen. Dort habe ich auch so manches Mal gesessen.

Hinter der alten Kommunionbank erhebt sich über etliche Stufen der Hochaltar mit dem Tabernakel in der Mitte. Er wird bis heute der jeweiligen Kirchenjahreszeit entsprechend geschmückt und für die eucharistische Anbetung genutzt. Eine Messe nach dem Missale von 1962 könnte in dieser Kirche jederzeit problemlos gefeiert werden, allerdings störte dabei die dann überflüssige neue Altarinsel.

Vor etlichen Jahren kniete ich einmal an einem Sommerabend mit einem Freund, der regelmäßig den Küsterdienst versah, auf dem Mannhaus unter der Orgel. Im milden Abendlicht der ansonsten unbeleuchteten Kirche fiel krass ins Auge, welch ein Fremdkörper diese Altarinsel für die dreischiffige Kirche ist.

Schön ist aber, dass sie relativ einfach zu entfernen und der alte Zustand wiederherzustellen wäre. Man könnte dann ein Ambo oder auch zwei am vorderen Ende des Chorraumes errichten und von dort aus Lesungen und Predigt vortragen. Eine Kanzel ist über dem Mittelschiff auch noch vorhanden.

Mir ist bis heute nicht klar, wie und warum es zu diesem Umbau des liturgischen Raumes kam. Im Missale von 1969/1970 ist von einer Änderung der Zelebrationsrichtung oder der Einführung eines Volksaltars keine Rede. Es scheint mir, Jahrgang 1969, eher umgekehrt gewesen zu sein: Das neue Messbuch war nur das letzte noch fehlende legitimierende Element für eine Reform, die auch ohne neues Messbuch schon im vollen Gange war. Die überlieferte Messe hätte man in den umgestalteten Kirchen an den neuen Altären schwerlich feiern können, also war ein neues Messbuch vonnöten (und ja ohnehin konziliar beauftragt).

Erfreulich ist nur, dass heute eine conversio ad Dominum möglich ist, ohne auf irgendwelche römischen Instruktionen oder Neuausgaben des Messbuches zu warten. Im Gegenteil: Der liturgische Rückbau oder erneute Umbau vieler Kirchen könnte sofort beginnen. Es ist nur an den Bauverantwortlichen, ihre Aufgabe zu erkennen.

Teil 3: Das Missale von 1969/1970

Mittel der Entmündigung

Die protestantische Theologin und FAZ-Redakteurin Heike Schmoll befasst sich im Leitartikel der Ausgabe von morgen (Reformationstag) mit den Anliegen des Bibelübersetzers Luther. Und schlägt dann, scharf konstrastierend, einen Bogen zur jüngsten Bibelübersetzung aus protestantischem Hause:

Die Bibel in gerechter Sprache scheint grundsätzlich nicht mit kritischen und mündigen Lesern zu rechnen und sie zu einem selbständigen Urteil befähigen zu wollen. Das läuft Luthers Anliegen diametral entgegen. Vieles klingt wie eine Verbesserung deutscher Übersetzungen, nicht wie eine Übersetzung aus dem Hebräischen oder Griechischen. Damit wird genau der Text, der aus der Bevormundung befreien soll, selbst zum Mittel der Entmündigung. Das ist das Anstößige, Skandalöse dieser Übersetzung.

Der Gesinnungskult feministischer Randgruppen und Gleichmacher läßt sich nicht allein damit erklären, daß Protestanten immer in der Gefahr stehen, einer weltlichen Autorität den religiösen Kredit zu geben, den sie dem Papst einst verweigert hatten. Das eigentlich Erschreckende ist nicht, daß viele Spendenfreudige diese Bibelübersetzung wollten, sondern daß einige Kirchenleitungen in Deutschland (allen voran die hessische), aber auch in Österreich und der Schweiz und nicht wenige Vertreter der akademischen Theologie ein solches Vorhaben unterstützen. Denn die Bibel in gerechter Sprache wird vermutlich schneller wieder verschwinden als die verbreitete Unklarheit ihrer Unterstützer über elementare Einsichten der Bibelauslegung und Hermeneutik.

Die heutige liturgische Praxis

Teil 1 meiner kleinen Reihe zur Liturgie

Heute morgen habe ich krankheitsbedingt die Übertragung eines katholischen Gottesdienstes (so die Sprachregelung, es handelte sich um eine Heilige Messe) aus der Pfarrgemeinde St. Wendalinus in St. Wendel gehört. Pfarrer Anton Franziskus wich mehrfach – teils erlaubt, teils unerlaubt – vom Messbuch ab.

So wurde nur eine Lesung vorgetragen, das Hochgebet kam mir nur teilweise bekannt vor (möglich, dass es sich um eines der inzwischen zahllosen approbierten zusätzlichen Hochgebete handelte), den Schluss die Doxologie („Durch ihn und mit ihm und in ihm“) betete der Pfarrer zusammen mit der ganzen Gemeinde, der Embolismus entfiel, das Friedensgebet war frei formuliert und zwischen Segen und Entlassung dankte der Pfarrer, wem zu danken war, und wünschte einen schönen Sonntag.

In der Summe wohl noch einer der harmloseren Fälle, aber er illustriert, wie das Messbuch heute zu einer Art Drehbuch herabgesunken ist, von dem die liturgischen Schauspieler in ihrer künstlerischen Freiheit auch abweichen können. Hier liegt das erste Problem, und es wäre viel gewonnen, wenn dieses Problem gelöst werden könnte.

Wie könnte es gelöst werden? Das Konzil sagt, bezogen auf die actuosa participatio:

Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden. Darum ist es dringend notwendig, daß für die liturgische Bildung des Klerus gründlich gesorgt wird.

Ich hatte es bereits zitiert.

Teil 2: Die Liturgiereform

Weit hinaus

Die Debatte über die Liturgiekonstitution des Konzils, das Missale von 1969/1970, die damit verbundene Liturgiereform und die daraus folgende liturgische Praxis ist kompliziert, weil häufig nicht hinreichend zwischen diesen vier Elementen unterschieden wird. Ich möchte daher in aller Kürze skizzieren, wo die wesentlichen Unterschiede liegen (und eine Bewertung gleich voranstellen).

  1. Die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium hat der Kirche die Erneuerung und Pflege der Liturgie aufgegeben und dazu verschiedene Vorgaben gemacht.
  2. Das Missale von 1969/1970 ist zum Teil über diese Vorgaben weit hinaus gegangen, zum Beispiel mit der Multiplizierung des Kanons.
  3. Die parallel dazu vollzogene Liturgiereform wiederum ist über die Vorgaben des erneuerten Missale weit hinaus gegangen, zum Beispiel mit der Umkehrung der Zelebrationsrichtung.
  4. Die daraus folgende liturgische Praxis geht über die Liturgiereform weit hinaus, zum Beispiel durch unerlaubte Abweichungen vom Missale.

Man kann sicherlich mit guten Gründen jedes der vier Elemente negativ beurteilen. Und es hat eine gewisse Logik, von der Kritik an der liturgischen Praxis über die Kritik an der Liturgiereform zur Kritik am Missale von 1969/1970 fortzuschreiten – und dann den nächsten Schritt zu gehen und die Liturgiekonstitution zu kritisieren. Aber der Reihe nach. Damit der Beitrag nicht zu lang wird und die Diskussion nicht zu unübersichtlich, werde ich vier Teile daraus machen.

  1. Die heutige liturgische Praxis
  2. Die Liturgiereform
  3. Das Missale von 1969/1970
  4. Die Liturgiekonstitution

Modernisten

Der Spiegel 44/2006: Wortsalat im Garten Eden (Ausriss)

„Wird die Heilige Schrift von Modernisten verhunzt?“, fragt süffisant der Spiegel vom kommenden Montag aus Anlass der Publikation der Bibel in gerechter Sprache („Wortsalat im Garten Eden“).

Dröge holpern die feministischen Testamente dahin. „Törichte Jungfrauen“ werden „naiv“, die listige Schlange im Paradies hat nun „weniger an, aber mehr drauf“. „Der Herr ist mein Hirte“, übersetzte Luther Psalm 23, „er erquicket meine Seele.“ Bei den Geschlechtergerechten heißt es: „Adonaj weidet mich“, „meine Lebendigkeit kehrt zurück“. […]

Das aktuelle Antidiskriminierungsgesetz soll bis ins Gelobte Land zurück verlängert werden.

Entsprechend sieht das Resultat aus: „Pharisäerinnen und Pharisäer“ wimmeln neben „Ammoniterinnen und Ammonitern“, sowie „Makkabäerinnen und Makkabäern“. Jesus ist von „Jüngerinnen und Jüngern“ umgeben – obwohl seine zwölf Gefolgsleute allesamt Männer waren.

Sogar „Zöllnerinnen“ und amtierende altisraelitische „Königinnen“ lässt die Damenriege auftreten – alles Unfug.

Tatsache ist, dass Jesus in einer patriarchalisch geprägten Bauernkultur lebte. Keine Frau konnte dort Priesterin werden. Um einen Gottesdienst („Minjan“) abzuhalten, mussten mindestens zehn Kerle anwesend sein. Der Bielefelder Religionskundler Andreas Lindemann: „Alle Frauen Israels hätten den fehlenden zehnten Mann nicht ersetzt.“