Matthias fasst (in den Kommentaren) den Reformbedarf der Kirche so zusammen:
„Relevante Themen (und Anfragen an die römisch-katholische Kirche) sind weiterhin: Rehabilitierung der Reformatoren, Neuauslegung des Petrusamtes als kirchenverbindende Aufgabe, Relativierung der kirchengeschichtlichen Traditionen gegenüber den Evangelien im speziellen und dem Neuen Testament im erweiterten Sinn (über das Verhältnis von Tradition und Traditionen schrieb ich bereits, bitte nochmal lesen), die längst fällige Anerkennung, dass Ordination und Weihe gleichwertig sind, die Aufhebung des Zölibat als Zwangsmaßnahme, Gleichsetzung von Abendmahl und Eucharistie und sicher noch ein paar andere Dinge, wenn ich noch länger nachdenke.“
In summa ist das die Forderung, die katholische Kirche möge sich selbst protestantisieren. Ich kenne kein Kriterium, unter dem dies sinnvoll erschiene. Unter weltlichen Aspekten würde dies bedeuten, die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit aufzugeben.
Die meisten dieser Forderungen sind im Protestantismus selbst längst verwirklicht – und mit welchem Ergebnis? Die Schwäche eben jener protestantischen Kirchen, die diese Agenda realisiert haben, stand am Anfang unserer ökumenischen Grundsatzdebatte. Ich zitiere Erich:
„Für tatsächlich ausgezehrt und verbraucht halte ich hingegen das institutionelle Landes- und Staatschristentum. Die Ironie dabei: dass gerade jene Maßnahmen und gesellschaftlichen (Wert-)Haltungen, die diesen nichts nützten, was eine „Durchchristlichung“ der Gesellschaft betrifft, der katholischen Kirche als Medizin und Heilmittel für deren Gebreste ans Herz gelegt werden. Das ist, als würden jene, denen das Wasser fast schon über dem Kopf zusammenschlägt, jenen, denen es „nur“ bis zum Halse reicht, gute Ratschläge zur Errettung aus der Not gegen. Da sage ich: Arzt, heile Dich selbst.“
Aber auch theologisch ist das Programm recht bedenklich.
- Was bedeutet denn die Forderung nach Rehabilitierung der Reformatoren? Genügt die Bescheinigung guten Willens oder müssen alle reformatorischen Häresien künftig als wahre Lehre gelten?
- Die Neuauslegung des Petrusamtes ist längst im Gange, vgl. Ut unum sint.
- Was heißt Relativierung der kirchengeschichtlichen Traditionen? Genügt es, zeitgebundene Traditionen – wie das Rosenkranzgebet – als solche zu bezeichnen oder müssen Dogmen widerrufen werden? Hier lauert natürlich die Frage im Hintergrund, was eigentlich Dogma bedeutet. Diese Frage ist in unserem ökumenischen Disput bislang nicht erörtert worden, was möglicherweise einige Irritationen erklärt.
- (Protestantische) Ordination und Weihe sind auch im nachreformatorischen Selbstverständnis nicht das Gleiche. Priester und Nicht-Priester sind zwei verschiedene Stände. Über die Wertigkeit ist damit nichts gesagt, aber an diesem Thema hängt das gesamte Amtsverständnis. Und das ist keine Frage, die mit einem Federstrich aus Rom zu erledigen wäre.
- Der Zölibat gehört nicht in diese Debatte. Punkt. Es handelt sich um eine Frage der Disziplin und des Kirchenrechts, nicht des Glaubens. Hier gibt es Gestaltungsmöglichkeiten, aber diese Frage geht nur diejenigen an, die sich unter den Jurisdiktionsprimat des Papstes stellen wollen.
- Für Abendmahl und Eucharistie gilt, was ich schon zu Ordination und Weihe schrieb: Sie sind auch im nachreformatorischen Selbstverständnis nicht das Gleiche. Realpräsenzglaube und Transsubstantiationslehre sind zwar nicht ganz so weit voneinander entfernt wie Realpräsenzglaube und Gedächtnismahltheologie, aber sie unterscheiden sich doch in wesentlichen Punkten. Sichtbar wird dies insbesondere in der zeitlichen Befristung der Realpräsenz auf den Moment des Mahles selbst, während die Transsubstantiation als ein bleibender Vorgang verstanden wird. Fronleichnam ist unter der Prämisse der Realpräsenz nicht möglich. Und nun?
Was machen wir mit diesen Unterschieden? Austragen oder verkleistern?
Bleibt noch festzuhalten, dass die Realisierung der meisten dieser Forderungen einen absolutistischen Herrscher auf dem Stuhle Petri voraussetzen würden. Den gibt es nicht. Der Papst ist nicht losgelöst (absolutus) von allen Bindungen und frei in seinen Entscheidungen. Ganz im Gegenteil: Er ist der Diener der Diener Gottes. Er kann nicht einfach hingehen und alles reformieren, wie es ihm gerade in den Kram passt.
Das mag jetzt alles recht nüchtern klingen und manchem Diskutanten sauer aufstoßen. Aber was hilft es? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder kann klar belegt werden, warum das Kirchen-, Amts- und Eucharistieverständnis der katholischen Kirche falsch ist – oder die Hoffnung, es könne sich ändern, müsste aufgegeben werden. Und als Beleg für den Irrtum gilt nicht, dass es der Einheit oder der Ökumene im Weg steht. Denn die Wahrheit steht über Einheit und Ökumene – darin waren wir uns bislang doch einig.