Reformagenda

Matthias fasst (in den Kommentaren) den Reformbedarf der Kirche so zusammen:

„Relevante Themen (und Anfragen an die römisch-katholische Kirche) sind weiterhin: Rehabilitierung der Reformatoren, Neuauslegung des Petrusamtes als kirchenverbindende Aufgabe, Relativierung der kirchengeschichtlichen Traditionen gegenüber den Evangelien im speziellen und dem Neuen Testament im erweiterten Sinn (über das Verhältnis von Tradition und Traditionen schrieb ich bereits, bitte nochmal lesen), die längst fällige Anerkennung, dass Ordination und Weihe gleichwertig sind, die Aufhebung des Zölibat als Zwangsmaßnahme, Gleichsetzung von Abendmahl und Eucharistie und sicher noch ein paar andere Dinge, wenn ich noch länger nachdenke.“

In summa ist das die Forderung, die katholische Kirche möge sich selbst protestantisieren. Ich kenne kein Kriterium, unter dem dies sinnvoll erschiene. Unter weltlichen Aspekten würde dies bedeuten, die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit aufzugeben.

Die meisten dieser Forderungen sind im Protestantismus selbst längst verwirklicht – und mit welchem Ergebnis? Die Schwäche eben jener protestantischen Kirchen, die diese Agenda realisiert haben, stand am Anfang unserer ökumenischen Grundsatzdebatte. Ich zitiere Erich:

„Für tatsächlich ausgezehrt und verbraucht halte ich hingegen das institutionelle Landes- und Staatschristentum. Die Ironie dabei: dass gerade jene Maßnahmen und gesellschaftlichen (Wert-)Haltungen, die diesen nichts nützten, was eine „Durchchristlichung“ der Gesellschaft betrifft, der katholischen Kirche als Medizin und Heilmittel für deren Gebreste ans Herz gelegt werden. Das ist, als würden jene, denen das Wasser fast schon über dem Kopf zusammenschlägt, jenen, denen es „nur“ bis zum Halse reicht, gute Ratschläge zur Errettung aus der Not gegen. Da sage ich: Arzt, heile Dich selbst.“

Aber auch theologisch ist das Programm recht bedenklich.

  1. Was bedeutet denn die Forderung nach Rehabilitierung der Reformatoren? Genügt die Bescheinigung guten Willens oder müssen alle reformatorischen Häresien künftig als wahre Lehre gelten?
  2. Die Neuauslegung des Petrusamtes ist längst im Gange, vgl. Ut unum sint.
  3. Was heißt Relativierung der kirchengeschichtlichen Traditionen? Genügt es, zeitgebundene Traditionen – wie das Rosenkranzgebet – als solche zu bezeichnen oder müssen Dogmen widerrufen werden? Hier lauert natürlich die Frage im Hintergrund, was eigentlich Dogma bedeutet. Diese Frage ist in unserem ökumenischen Disput bislang nicht erörtert worden, was möglicherweise einige Irritationen erklärt.
  4. (Protestantische) Ordination und Weihe sind auch im nachreformatorischen Selbstverständnis nicht das Gleiche. Priester und Nicht-Priester sind zwei verschiedene Stände. Über die Wertigkeit ist damit nichts gesagt, aber an diesem Thema hängt das gesamte Amtsverständnis. Und das ist keine Frage, die mit einem Federstrich aus Rom zu erledigen wäre.
  5. Der Zölibat gehört nicht in diese Debatte. Punkt. Es handelt sich um eine Frage der Disziplin und des Kirchenrechts, nicht des Glaubens. Hier gibt es Gestaltungsmöglichkeiten, aber diese Frage geht nur diejenigen an, die sich unter den Jurisdiktionsprimat des Papstes stellen wollen.
  6. Für Abendmahl und Eucharistie gilt, was ich schon zu Ordination und Weihe schrieb: Sie sind auch im nachreformatorischen Selbstverständnis nicht das Gleiche. Realpräsenzglaube und Transsubstantiationslehre sind zwar nicht ganz so weit voneinander entfernt wie Realpräsenzglaube und Gedächtnismahltheologie, aber sie unterscheiden sich doch in wesentlichen Punkten. Sichtbar wird dies insbesondere in der zeitlichen Befristung der Realpräsenz auf den Moment des Mahles selbst, während die Transsubstantiation als ein bleibender Vorgang verstanden wird. Fronleichnam ist unter der Prämisse der Realpräsenz nicht möglich. Und nun?

Was machen wir mit diesen Unterschieden? Austragen oder verkleistern?

Bleibt noch festzuhalten, dass die Realisierung der meisten dieser Forderungen einen absolutistischen Herrscher auf dem Stuhle Petri voraussetzen würden. Den gibt es nicht. Der Papst ist nicht losgelöst (absolutus) von allen Bindungen und frei in seinen Entscheidungen. Ganz im Gegenteil: Er ist der Diener der Diener Gottes. Er kann nicht einfach hingehen und alles reformieren, wie es ihm gerade in den Kram passt.

Das mag jetzt alles recht nüchtern klingen und manchem Diskutanten sauer aufstoßen. Aber was hilft es? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder kann klar belegt werden, warum das Kirchen-, Amts- und Eucharistieverständnis der katholischen Kirche falsch ist – oder die Hoffnung, es könne sich ändern, müsste aufgegeben werden. Und als Beleg für den Irrtum gilt nicht, dass es der Einheit oder der Ökumene im Weg steht. Denn die Wahrheit steht über Einheit und Ökumene – darin waren wir uns bislang doch einig.

Europäisches Wir

Es scheint doch erhebliche Unklarheit darüber zu geben, was eigentlich Europa ausmacht. Der Perlentaucher zitiert heute den Schriftsteller Navid Kermani (aus der Süddeutschen), der ein europäisches Wir konstatiert und darum fürchtet:

„Indem dieses Wir seine Offenheit verliert, verliert es ein Wesensmerkmal: Die europäischen Grundwerte sind an keine bestimmte Herkunft oder Religion gebunden, sondern lassen sich prinzipiell übertragen, mehr noch: Spezifisch an ihnen ist, dass sie – im Unterschied zu den Werten einer Religionsgemeinschaft oder der alten europäischen Nationalstaaten – geteilt werden können von Menschen unterschiedlicher Abstammung und Kultur.“

Von Benedikt XVI. hatten wir gerade etwas gelernt, was dem nahezu diametral entgegensteht: dass nämlich die europäischen Grundwerte sich nicht von ihren christlichen Wurzeln ablösen lassen – und dass Europa, wenn es dies versucht, sich seine eigenen Wurzeln abschneidet. Durch die Wahl des Bildes liegen die Konsequenzen dann auf der Hand.

Axiomatisch

Philipp antwortet auf die zweite ökumenische Frage von Ralf:

„‚Sola scriptura‘ war als Axiom gemeint und ein Axiom braucht keinen Beweis. Es war die Arbeitsgrundlage, um die Entwicklung der Lehre hinterfragen zu können.“

Guter Punkt. Demnach wären sola scriptura, sola fide, sola gratia und solo Christo die Axiome des Protestantismus oder vielmehr der Reformation?

Was ist denn mit den Glaubensbekenntnissen? Müssen, dürfen oder sollen die dann auch unter diesen Axiomen interpretiert werden? (Das scheint mir zum Beispiel in Matthias‘ Argumentationsweise der Fall zu sein.)

Sola Scriptura

Ralf stellt seine zweite ökumenische Frage:

„Wo in der Hl. Schrift steht was von ’sola scriptura‘ (also ’nur die Schrift‘)? Das müßte da ja stehen, sonst kann man ja schlechterdings diese Basis schlecht haben, oder?“

Das erinnert mich an Psalm 119,152:

Aus deinen Vorschriften weiß ich seit langem, / dass du sie für ewig bestimmt hast.

Etwas zirkulär, das alles.

Erkenntnis durch Vernunft

Philipp kommentiert:

„Dann habe ich es wohl falsch interpretiert. Aber ich kann immer noch nicht erkennen, wie es anders gemeint sein könnte. Daraus folgt doch direkt, daß Gott sicher (aus der Schöpfung heraus) durch die menschliche Vernunft sicher zu erkennen ist.

Natürlich wird dadurch auch eine objektive Glaubensgrundlage postuliert. Aber durch die ausdrückliche Beschränkung auf die Vernunft auch noch mehr, das ich (und der Papst?!) nicht annehmen können.

Ich kann das nicht anders lesen.“

Ich denke, man muss berücksichtigen, dass hier ein bestimmter Irrtum verworfen werden soll (nämlich der, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft sicher erkannt werden).

Wir haben es mit doppelter Verneinung zu tun. Wie sieht denn die Umkehrung dieses Satzes aus? (Denn das wäre ja dann die Wahrheit, nachdem der Irrtum ausgeschieden ist.)

  1. Wer sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft sicher erkannt werden: […]
  2. Wer nicht sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft sicher erkannt werden: […]
  3. Wer nicht sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft sicher erkannt werden: […]

Preisfrage: Sind diese Aussagen allesamt identisch?

Moralische Ordnung

Die Nazis wollten […] niemanden nur aus der moralischen Gemeinschaft ausschließen, sondern sie wollten die traditionelle moralische Ordnung gänzlich beseitigen.

Nach Zimmermanns Recherche, die sich auf Untersuchungen von Gunnar Heinsohn stützt, wusste der sonst ungebildete Hitler, dass der historische Anfang der abendländischen Moral im Judentum wurzelt. Darum musste Hitler mit der jüdisch-christlichen Tradition, in der Morden und Quälen von Menschen moralisch und rechtlich geächtet wird, brechen. Die Juden, die diese Tradition vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden begründeten, mussten verschwinden. Das neue Menschentum, das Hitler und seinen Ideologen vorschwebte, erforderte einen anderen Gattungsbegriff, mit dem das Recht auf Tötung und Folterung wiederhergestellt werden sollte.

Diese Umwälzung des Moralbegriffs und die Schaffung des neuen Menschen erforderte ein revolutionäres Erziehungsprogramm, das Hitler in „Mein Kampf“ ansatzweise schon ausgeführt hatte: Dazu gehört das „Aberziehen von weinerlichen Klagen, von wehleidigem Heulen“ und lernen, „Schläge zu ertragen“, ebenso wie das Ertragen des Unrechts nach dem Begriff der jüdisch-christlichen Rechts- und Moralordnung.

Aus diesem Programm ergab sich die Vernichtungsoption. Die Begründer der alten moralischen Ordnung hatten in der neuen keinen Platz mehr. Sie mussten vernichtet werden. Der Unterschied zum individuellen Täter ist der, dass der individuelle Mörder gegen die bestehende moralische und rechtliche Ordnung verstößt. Der Genozidtäter hingegen will eine neue Ordnung. Bei der Herstellung der neuen Ordnung darf er nicht von schlechtem Gewissen angekränkelt sein. Zimmermanns Ergebnis ist demnach: Nicht Amoralität weist den Weg nach Auschwitz, sondern moralisches Anderssein.

Zimmermanns Thesen sind plausibel und überzeugend, aber nicht neu. Bei Benedikt XVI. lesen wir zu einer Zeit, da er noch Kardinal Ratzinger hieß: Von den Nazis

„wurden die moralischen Ureinsichten des Menschen über gut und böse außer Kraft gesetzt. Alles, was der Herrschaft der Rasse bzw. alles, was der Heraufführung der zukünftigen Welt dient, ist gut – so wurde uns gesagt –, auch wenn es nach den bisherigen Einsichten der Menschheit als schlecht zu gelten hätte.“

Gegen oder ohne die Moral? Rezension von Detlef Horster in der Süddeutschen Zeitung.


ROLF ZIMMERMANN: Philosophie nach Auschwitz. Eine Neubestimmung von Moral in Politik und Gesellschaft. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005. 268 Seiten, 12,90 Euro.

Justin der Märtyrer

Justin war ein Kirchenlehrer des 2. Jahrhunderts, der oft, auch wenn dies sachlich unstimmig erscheint, unter die Apologeten eingereiht wird. Seine Auffassung ist stark vom Platonismus beeinflusst und gilt daher als eigentlicher Beginn der Adaption griechischer Philosophie im Christentum, wenn auch schon das auf dem logos-Gedanken gegründete Evangelium des Johannes deutlich in diese Richtung weist. Justin, der als Sohn eines Priskos und Enkel eines Baccheios bezeichnet wird, wurde wahrscheinlich in Machusa (das nach der Zerstörung durch Vespasian dann Flavia Neapolis hieß) bei Sichem in Palästina geboren und wuchs in eher wohlhabenden Verhältnissen auf. Er entstammte einer heidnischen Familie, erlebte als Erwachsener wahrscheinlich in Ephesus seine Bekehrung und zog, weiterhin ohne sich um seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen, schließlich (ab 165) nach Rom. Dort geriet er in Auseinandersetzungen mit kynischen Philosophen Crescentius und wurde von diesem oder einem seiner Anhänger wahrscheinlich wegen seiner Lehren angezeigt.

Justin wurde so während der Regierungszeit des Kaisers Marc Aurel mit sechs anderen Christen verhaftet, im folgenden Prozess zu deren Wortführer und schließlich verurteilt und hingerichtet.

Die Gebeine Justins wurden zunächst in Rom als Reliquie verehrt, kamen um 850 in die bis heute erhaltene, karolingische Justinuskirche in Frankfurt-Höchst, von wo sie 1298 ins Kloster St. Alban in Mainz verbracht wurden. Von seinen vielen Schriften erhalten geblieben sind:

  • der Dialog mit dem Juden Trypho, der in der Form der platonischen Dialoge das Suchen des einstigen Heiden wiedergibt und ein wichtiges Zeugnis der frühen christlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum ist
  • zwei (wie vielleicht auch der Dialog) an Antoninus Pius gerichtete Apologien, die in teilweise forensisch anmutender, doch in Ton und Inhalt hartnäckiger Rhetorik die Sache des Christentums gegen ihre Gegner wie auch die gängigen Vorurteile zu verteidigen suchen.

Neben der Aufnahme der Philosophie in das Christentum wird mit Justin auch der Beginn der Auslegung der biblischen Schriften, vor allem des Alten Testamentes verbunden. Justin soll hier den Schriftbeweis bis hin in die umfangreiche Sammlung von Belegstellen und deren Katalogisierung hinein betrieben haben. Das hieran erwachende Interesse würde auch das Ende der Naherwartung der urchristlichen Gemeinde und den Beginn der »Verkirchlichung« bekunden. Eine im engeren Sinne theologische Lehre oder Dogmatik ist von Justin jedoch nicht überliefert. Die katholische Kirche verehrt Justin als Heiligen und Patron der Philosophen. Sein Gedenktag ist der 1. Juni.

Aus der Wikipedia

Logos

10.

Offenbar ist unser Glaube erhabener als jede menschliche Lehre, eben weil Christus, der unseretwegen erschienen ist, der ganze Logos ist, sowohl der Leib als auch der Logos und die Seele.

Sokrates schon, der unter jenen allen hierin der Entschiedenste war, wurde derselben Vergehen angeklagt wie wir. Man brachte gegen ihn vor, er führe neue Gottheiten ein, und er verwerfe die Götter, welche der Staat anerkenne.

“Den Vater und Schöpfer des Weltalls zu finden, ist nicht leicht; und wahrhaftig, nicht ungefährlich ist es, ihn vor allen zu verkünden, wenn man ihn gefunden hat.” All das hat unser Christus durch seine Macht zustande gebracht. Denn Sokrates hat niemand soweit geglaubt, daß er für seine Lehre in den Tod gegangen wäre; und doch hatte Sokrates Christus schon zum Teil erkannt.

War und ist er doch der Logos, der jedem innewohnt, der auch durch die Propheten und vor allem in eigener Person das Zukünftige vorher gesagt hat, als er unsere Menschennatur annahm und diese Lehre zu uns brachte!

Christus aber haben nicht allein Philosophen und Gelehrte geglaubt, nein, vielmehr auch Handwerker und ganz gewöhnliche Leute, und zwar mit Verachtung ihrer Ehre, ihrer Furcht und ihres Todes. So offenbart er sich als die Kraft des unnennbaren Vaters, als etwas ganz anderes gegenüber bloßen Gefäßen menschlicher Vernunft.

12.

Möchte doch jemand eine hohe Bühne besteigen und mit mächtiger Stimme herabrufen: “Schämt euch, schämt euch, das, was ihr offenkundig tut, auf Schuldlose zu schieben, und was euch und euren Göttern zugehört, solchen anzuhaften, die auch nicht das Geringste damit zu tun haben. Ändert euch, kommt zur Besinnung!”

13.

Als Christ befunden zu werden, das ist – ich gestehe es – der Gegenstand meines Gebets und meines angestrengten Ringens. Nicht als ob die Lehren Platos denen Christi fremd seien, sondern ich stelle nur fest, daß sie ihnen nicht in allem gleichkommen, wie ebenso wenig die jener anderen, der Stoiker, der Dichter und Geschichtsschreiber. Jeder von ihnen hat treffliche Aussprüche getan, soweit er Anteil an dem keimhaft ausgestreuten göttlichen Logos hat, und soweit er für das diesem Wesensverwandte ein Auge hat. Sie widersprechen sich aber in wesentlicheren Punkten. Sie zeigen also, daß sie es nicht zu einem weitblickenden Wissen, nicht zu einer unfehlbar klaren Erkenntnis gebracht haben. Was alles sich bei ihnen als gut gesagt findet, gehört uns Christen. Denn wir beten nächst Gott den Logos an, der vorn diesem ungezeugten und unnennbaren Gott ausgegangen ist, und wir lieben ihn, nachdem er unseretwegen Mensch geworden ist, um sogar an unseren Lieben teilzuhaben und uns dadurch Heilung zu schaffen. Alle jene Schriftsteller konnten kraft des ihnen innewohnenden, angeborenen Logoskeimes nur dämonenhaft das Wahre schauen. Denn der Keim einer Sache und das Nachbild einer Sache – je nach Empfänglichkeit verliehen – bleibt immer etwas ganz anderes als die Sache selbst.

Justinus: Zweite Apologie

Weisheit von oben

13 Wer von euch ist weise und verständig? Er soll in weiser Bescheidenheit die Taten eines rechtschaffenen Lebens vorweisen.
14 Wenn aber euer Herz voll ist von bitterer Eifersucht und von Ehrgeiz, dann prahlt nicht und verfälscht nicht die Wahrheit!
15 Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, eigennützige, teuflische Weisheit.
16 Wo nämlich Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art.
17 Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht.
18 Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut.
Jak 3 (aus der Lesehore vom Mittwoch der 9. Woche im Jahreskreis)

Justinus

Als sie vor seinem Richterstuhl standen, sagte der Stadtpräfekt zu Justinus: „Mein erstes Wort: Gehorche den Göttern und unterwirf dich den Kaisern!“
Justinus: „Es kann nicht Gegenstand des Tadels und nicht der Gerichtsklage sein, wenn jemand den Geboten gehorcht, die unser Erlöser Jesus Christus gegeben hat.“
Rusticus: „Mit was für einer Sorte von Wissenschaft gibst du dich ab?“
Justinus: „Ich habe mich redlich bemüht, alle philosophischen Systeme kennenzulernen. Zuletzt habe ich meine Einsicht den allein wahren Lehren der Christen erschlossen. Das mag nun allerdings den philosophischen Lügenpropheten nicht sonderlich gefallen“
Rusticus: „Du hast demnach Spaß an derlei gelehrtem Zeug, du elender Wicht?“
Justinus: „Jawohl! Denn ich folge diesen Lehren in Kraft einer festen Überzeugung!“
Rusticus: „Was ist denn das für eine Überzeugung?“
Justinus: „Sie lautet: Wir verehren anbetend den Gott der Christen. Wir sind überzeugt, daß da ist ein einziger Gott, der am Uranfang die sichtbare und die unsichtbare Welt geschaffen und ausgestaltet hat. Wir glauben an Jesus als den Kyrios, wir glauben, daß Er der Gesalbte und das Kind Gottes ist, daß Er von den Propheten vorausverkündet wurde als der kommende Herold des Heils und als Lehrer seligmachender Wahrheiten für das ganze Menschengeschlecht.
Ich selbst bin zwar nur ein armer Mensch, und was ich denke, ist lächerlich klein, gemessen an seiner unermeßlichen Gottheit. Aber es gibt, so bekenne ich, eine prophetische Wortgewalt: und in ihr ist schon lange vor uns Kunde geschehen von demjenigen, den ich eben bekannt habe als Sohn Gottes. Ja, ich weiß es gewiß: Propheten haben seit uralten Zeiten schon im voraus verkündet, was jetzt bereits geschehen ist, seine königliche Ankunft inmitten von uns Menschen.“
Rusticus: „Wo haltet ihr eure Versammlungen ab?“
Justinus: „Wo gerade jeder kann oder mag. Du meinst gewiß, wir kämen stets am gleichen Ort zusammen, aber das ist falsch. Denn der Gott der Christen ist nicht auf einen bestimmten Ort eingeschränkt. Unsichtbar ist Er und erfüllt Erde und Himmel. Darum kann Er von seinen Getreuen überall angebetet und verherrlicht werden.“
Rusticus: „Gestehe es nur, wo kommt ihr zusammen? Wo versammelst du deine Schüler?“
Justinus: „Ich wohne zur Miete bei einem gewissen Martinus, im oberen Stockwerk des Timotinischen Badhauses, und zwar all die Zeit her, seitdem ich den zweiten dauernden Aufenthalt in der Stadt Rom genommen habe. Einen andern Versammlungsort als diesen kenne ich nicht. Wer immer sich meiner Führung anvertraute, dem teilte ich dort die Grundlehre der Wahrheit mit.“
Rusticus: „Kurz und gut – du bist also ein Christ?“
Justinus: „Jawohl. Ich bin ein Christ!“

Nun sagte der Stadtpräfekt zu Chariton: „Sage mir, Chariton, bist du auch ein Christ?“
Chariton: „Ich bin ein Christ. Gott will es!“

Rusticus wandte sich an Charito: „Und was hast du zu bekennen, Charito?“
Charito: „Ich bin eine Christin, mit Gottes Gnade!“

Zu Euelpistos sagte der Stadtpräfekt: „Und was bist denn du?“
Euelpistos war ein Sklave aus dem kaiserlichen Hausgesinde. Er antwortete: „Auch ich bin ein Christ. Von Christus bin ich zum Freigelassenen gemacht worden, und dank der Gnade Christi nehme ich teil an der Hoffnung der andern!“

Rusticus sagte zu Hierax: „Bist du auch ein Christ?“
Hierax: „Jawohl. Ich bin ein Christ. Anbetend verehre ich den gleichen Gott wie die übrigen.“
Rusticus: „Hat euch denn dieser Justinus zu Christen gemacht?“
Hierax; „Nein, ich war von Jugend an Christ und werde es immer bleiben.“

Paion, der neben Hierax stand, bekannte nun: „Auch ich bin ein Christ!“
Rusticus sagte zu ihm: „Wer hat dir das eigentlich beigebracht?“
Paion; „Von den Eltern haben wir dieses schöne Bekenntnis gelernt.“

Euelpistos fügte hinzu: „Wohl bin ich mit Freuden dem Unterricht des Justinus gefolgt. Aber auch ich habe es bereits von meinen Eltern gelernt, ein Christ zu sein.“
Rusticus: „Wo wohnen deine Eltern?“
Euelpistos: „In Kappadokien.“

Rusticus wandte sich an Hierax: „Und wo wohnen deine Eltern?“
Hierax: „Unser wahrer Vater ist Christus, und der Glaube an Ihn ist unsere Mutter. Meine irdischen Eltern aber sind schon gestorben. Mich hat man mit Gewalt von Ikonium in Phrygien weggeschleppt, und so kam ich hierher nach Rom.“

Liberianus: „Auch ich bin ein Christ. Ich fürchte und bete an einzig den einen, wahren Gott.“

Der Stadtpräfekt wandte sich wieder zu Justinus und sagte: „Höre, du sogenannter Weltweiser, der du glaubst, die wahre Wissenschaft gepachtet zu haben: Wenn du jetzt ausgepeitscht und geköpft wirst, glaubst du dann stracks in den Himmel aufzufliegen?“
Justinus: „Ich vertraue fest darauf, himmlischer Gaben teilhaftig zu werden, wenn ich dies geduldig erleide. Denn ich weiß es gewiß: Allen, die das Erdenleben so auffassen, wird ein göttliches Gnadengeschenk aufbewahrt bis zu jenem Tage, an dem sich das Schicksal der ganzen Welt vollendet.“
Rusticus: „Du bildest dir also wirklich ein, du werdest einmal in die Himmel auffahren, um dort ich weiß nicht was für Belohnungen einzuheimsen?“
Justinus: „Ich bilde mir das nicht ein, sondern ich weiß es genau. Ich bin ganz erfüllt von dieser Wahrheit!“
Rusticus: „Na ja, kommen wir nun zur Sache! Der Fall ist dringlich. Tretet jetzt gemeinsam vor und bringt einmütig den Göttern ein Opfer dar!“
Justinus entgegnete: „Kein anständig denkender Mensch fällt ab vom Gottglauben zur Gottlosigkeit!“
Rusticus: „Wenn ihr nicht gehorcht, wird man euch erbarmungslos abstrafen!“
Justinus: „Das gerade ist unsere Sehnsucht: für unseren Herrn Jesus Christus den Tod zu erleiden und so gerettet zu werden. Denn dieser Tod wird einmal unser Heil und unsere Zuversicht sein vor unseres gewaltigen Herrn und Erlösers Richterstuhl, der schreckendräuender ist als der deinige und vor dem einmal die ganze Welt erscheinen muss!“
Das gleiche sagten auch die übrigen Blutzeugen: „Tu, was du willst. Wir sind Christen, und den Götzenbildern opfern wir nicht!“

Da verkündete der Stadtpräfekt das Endurteil: „Weil diese den Göttern nicht opfern wollten und sich so dem Befehl des kaiserlichen Selbstherrschers widersetzten, sollen sie ausgepeitscht und zur Hinrichtung abgeführt werden. Sie sind zur Enthauptung verurteilt, wie das Gesetz es vorschreibt.“

Da stimmten die heiligen Blutzeugen ein Loblied an auf Gott und gingen hinaus zur hergebrachten Richtstätte.
Dort wurden sie enthauptet. So vollendeten sie ihr Blutzeugnis in einmütigem Bekenntnis des Erlösers.

G. Rauschen, Frühchristliche Apologeten II: Echte alte Märtyrerakten, Bd. 1, 1913 (Bibliothek der Kirchenväter: eine Auswahl patristischer Werke in deutscher Übersetzung, herausgegeben von O. Bardenhewer, Th. Schermann, K. Weymann, Kösel, Kempten & München, Bd. 14. (zit. nach dem Ökumenischen Heiligenlexikon)