Déesse

Nein, es geht nicht um ein legendäres Auto. Die Rede muss vielmehr sein von einer Frau. Also spricht Christian Bommarius in der Berliner Zeitung:

„Haben es denn die Juden in Deutschland noch immer nicht begriffen? Muss man ihnen wirklich alles immer und immer wieder erklären, bis sie endlich verstanden haben und also schweigen? War es ihnen seit Beginn der Debatte vor 17 Jahren tatsächlich nicht klar, dass das zu errichtende Denkmal für die ermordeten Juden Europas keineswegs ein Ort der Erinnerung an Schuld und Verbrechen sein würde, keine Gedenkstätte, nicht einmal ein Kunstwerk, sondern ein sakraler Raum, in dem die Hohepriesterin Edith, selbst genannt Lea, Rosh die Anbetung der gleichnamigen Göttin besorgt? Wenn an diesem Ort die Hohepriesterin spricht, dann haben die Besprochenen – die Juden, die lebenden und die toten -, gefälligst zu schweigen. Wird hier ein Gottesdienst gefeiert – und hier wird seit Jahren, schon lange vor der Eröffnung nie etwas anderes gefeiert -, dann mögen die Juden Gebete murmeln, so lange und so viel wie sie wollen, aber angebetet wird hier einer nur, genauer gesagt: eine.“

Mir war Lea Rosh schon lange unheimlich, und hier bringt jemand auf den Punkt, woran das wohl liegen könnte. Ihren halbherzigen Rückzug vom Plan begründet sie nun damit, ihr habe nichts ferner gelegen, als religiöse Gefühle zu verletzen. Religiöse Gefühle? So spricht jemand, der nicht weiß, wovon er redet. Die in der Berliner Republik häufig zu hörende Phrase von den religiösen Gefühlen, die es nicht zu verletzen gelte, markiert nicht mehr als eine Art Waffenstillstandslinie. Wer sie gebraucht, hält Religion letztlich für Blödsinn, gesteht ihr aber ein Reservat zu, das er nicht antasten möchte. Er strebt an, den Glauben als Privatsache zu verkapseln und seine Botschaft als letztlich irrelevant für eine Gesellschaft zu markieren – die derweil ungestört ihre Zivilreligion praktiziert, mit Lea Rosh als Hohepriesterin.

Da ist mir doch Condoleezza Rice lieber, die zum würdelosen Umgang von US-Soldaten mit dem Koran klare Worte findet:

„I want to speak directly to Muslims in America and throughout the world. Disrespect for the Holy Koran is not now, nor has it ever been, nor will it ever be tolerated by the United States,“ she said. „Disrespect for the Holy Koran is abhorrent to us all.“ (Reuters)

Auch Reuters ist übrigens in seiner internationalen Nachrichtengebung sehr viel deutlicher und spricht von desecration, während die gleiche Meldung in deutscher Sprache dieses Wort vermeidet. Klar, hier könnten ja zivilreligiöse Gefühle verletzt werden… (Und der Praktikant bei Focus, der die Headline zur Reuters-Meldung gedichtet hat, hält sich wohl auch für unglaublich originell.)

Nachtrag: Klare Worte auch bei Chuzpe

Zweiter Nachtrag:

Dritter Nachtrag: Chuzpe dreht das Thema weiter.

Vierter Nachtrag: Newsweek zieht seine Story zurück:

Based on what we know now, we are retracting our original story that an internal military investigation had uncovered Qur’an abuse at Guantanamo Bay.

Geld ohne Gott

Gott ohne Geld – der Titel der Reportage, die ich gestern nach Harald Schmidt noch gesehen habe. Tilman Jens führte einen zum Teil bizarren Bilderbogen der Krise vor, von der die evangelischen Kirchen in Deutschland erschüttert werden. Natürlich mit Bildern von der Entwidmung der Hamburger Stephanuskirche und dem unvermeidlichen Kirchenkritiker (diesmal ein mir unbekannter, älterer Herr, nebenbei auch Journalist).

Was mich allerdings wirklich erschüttert hat, war der emeritierte Theologieprofessor Matthias Kroeger, der mehrmals mit reichlich schrägen Thesen auftreten durfte. Sein Plädoyer gipfelte in seinem wohlmeinenden Rat, doch auf Transzendenz und Jenseits zu verzichten und stattdessen das Du Gottes in der gesamten Welt zu suchen, die uns umgibt wie einen Fisch das Meer. Wenn das kein Pantheismus ist, was dann?

Kroeger verkaufte seinen Rat als echte Neuheit, was mich entweder an meinem, an seinem oder dem Verstand des Autors Tilman Jens zweifeln lässt. Ein wirklicher Tiefpunkt zeitgenössischer evangelischer Theologie. Das stützt die These, der Protestantismus sei nach knapp fünfhundert Jahren endgültig erledigt: Seine ursprünglichen Anliegen sind erfüllt, seine intellektuelle Kraft erschöpft. Was bleibt, ist nur noch Häresie. Wäre nicht 2017 ein guter Termin, die Reformation ad acta zu legen?

Von Matthias Kroeger stammen Bücher wie Im religiösen Umbruch der Welt – Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche oder Die Notwendigkeit der unakzeptablen Kirche – Eine Ermutigung zu distanzierter Christlichkeit. Zu letzterem hier eine relativ harsche Rezension. Auszug:

Sein Buch ist einfach in schlechter Verfassung: Professoral geschwätzig und derart undiszipliniert gegliedert, daß man oft vor lauter Ärger die Lust am Weiterlesen verliert. Einfach zwei Reden zusammenzuschustern, ohne sie auf Wiederholungen durchzusehen und in ein Ganzes zu überarbeiten, hat weder das Thema noch der Kunde verdient – egal, ob distanzierter, nicht distanzierter oder gar kein Christ!

Vesper am Mittwoch der 7. Osterwoche

Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.
1 Kor 2,9-10

Ade Spätmoderne

Ursula März schaut in den Spiegel, und was sie sieht, erfreut sie nicht:

„Natürlich erschrickt die Gesellschaft regelmäßig beim Blick in den Spiegel. Aber sie erschrickt nicht über die tiefgreifende anthropologische Wesensveränderung, die sich in ihrer Erscheinung abzeichnet. Sondern über ihre pragmatische Zukunft. Sie rechnet sich aus, dass es irgendwann nur noch alte Leute geben wird oder gar irgendwann keine Deutschen mehr. Aber dieser Schrecken hat keine Rückwirkung auf die gegenwärtige Mentalität. Wie sollte er auch. Eine anthropologische Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen. Und exakt um eine solche handelt es sich.

Wenn ein Viertel aller jungen Männer im Jahr 2005 keinen Fortpflanzungsimpuls, keine Fortpflanzungsnotwendigkeit verspürt, ist die panikartige Einrichtung von Ganztagsschulen, die Erhöhung von Kindergeld und was sonst noch denkbar wäre an politischen Strategien, zwar schön und gut und ehrenwert. Aber es sind Maßnahmen zur Behebung des Symptoms, die dessen Ursache nicht berühren.

Diese indes ist alles andere als geheimnisvoll. Es ist eigentlich ganz einfach zu sagen: Die westliche Kultur der Spätmoderne privilegiert Normen und Wünsche, den Wunsch nach Bewegungsfreiheit, nach Erlebnisfreiheit, nach Ungebundenheit, nach privater Unstrukturiertheit, die den Wunsch nach Kindern automatisch zurückdrängen. Machen wir uns nichts vor: Als Zukunftsphänomen finden wir die Kinderlosigkeit etwas erschreckend, aber in der Gegenwart ein Leben ohne Kinder irgendwie längst völlig normal.“ [via Perlentaucher]

Fehlt nur noch die Schlussfolgerung, vor der die Autorin mit Rücksicht auf das Blatt, in dem sie schreibt, zurückschrecken muss: Die westliche Kultur der Spätmoderne wird nicht überleben. Ganz einfach. Spannend ist nur die Frage: What’s next?