Girard

Mit dem Wort von der Diktatur des Relativismus hatte Joseph Ratzinger in seiner letzten Predigt als Kardinal schon seine päpstliche Agenda anklingen lassen. Nun bin ich erstaunt, dass ausgerechnet die Zeit (namentlich Thomas Assheuer) bereits vor Ostern die Dinge ganz ähnlich auf den Begriff gebracht hatte, als sie von dogmatischem Relativismus sprach.

In der gleichen Ausgabe der Wochenzeitung war ein Interview mit René Girard zu lesen. Der Religionsphilosoph hat sich nach der Wahl Benedikts XVI. in einem (seinerzeit von Ralf entdeckten) Welt-Interview mit der an Rüttgers gemahnenden Überschrift „Das Christentum ist allen anderen Religionen überlegen“ erneut zu Wort gemeldet:

„Der Relativismus greift immer weiter um sich. Und es gibt immer mehr Leute, die jede Art von Glauben hassen. Besonders an den Universitäten ist das der Fall – und es schadet dem intellektuellen Leben. Weil es keine objektive Wahrheit gibt, werden alle Wahrheiten gleich behandelt – und das zwingt einen, banal und oberflächlich zu bleiben. Man kann sich nicht wirklich einer Sache verschreiben, für etwas sein – auch nicht für kurze Zeit. Wie Ratzinger glaube ich jedoch fest an die Hingabe an eine Sache. Wir sind beide davon überzeugt, daß die Verantwortung verlangt, daß wir uns einer Position verschreiben und sie zu Ende führen.“

Ich kann hier nicht alles zitieren, was zitabel wäre. Zu unserem vorgestrigen Thema sagt Girard:

Der Postmodernismus ist drastisch, wenn er sagt, es gebe keine absoluten Werte, keine allgemeingültige Wahrheit, und daß Sprache die Wahrheit niemals wiedergeben kann. Wie auch Papst Johannes Paul in der Enzyklika, die Sie erwähnten, nimmt Papst Benedikt den Kampf auf, indem er gegen diese Mode des Unglaubens in der heutigen Welt und besonders in Europa angeht. Wie Johannes Paul II weiß er aus persönlicher Erfahrung, daß eine Gesellschaft ohne Religion vor die Hunde geht. Und er zögert nicht, dies zu sagen. Ich hoffe, diese Botschaft findet ihren Nachhall. Seine Herausforderung des Relativismus ist nicht nur für die Kirche und Europa wichtig, sondern für die ganze Welt.

Eindeutig auch seine Antwort auf die Friedman-Frage:

Warum sollte man Christ sein, wenn man nicht an Christus glaubt? Paradoxer Weise sind wir in unserem Relativismus derart ethnozentrisch geworden, daß wir es in Ordnung finden, wenn andere – aber nicht wir selbst – ihren Glauben als überlegen ansehen!

René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums. Hanser, München. 253 S., 21,50 EUR.

Das Heilige und die Gewalt. Fischer, Frankfurt/M.

John Fisher und Thomas Morus

FISHER, John, Bischof von Rochester und Kardinal, Heiliger, * um 1459 in Beverley (Yorkshire), † (enthauptet) 22.6. 1535 in London, beigesetzt im Tower. – F. studierte an der Universität Cambridge und wurde dort 1487 Bakkalaureus, 1491 magister artium, 1497 Beichtvater der Königinmutter Lady Margaret, 1501 Dr. theol. und Vizekanzler, 1503 Professor der Theologie und 1504 Kanzler der Universität Cambridge und Bischof von Rochester. F. war neben Thomas Morus (s. d.) der bedeutendste Humanist seiner Zeit. Er stand mit Johannes Reuchlin (s. d.) in Verbindung und war ein Freund des Erasmus von Rotterdam (s. d.). F. zählte zu den schärfsten Gegnern Martin Luthers (s. d.) in England und hielt 1521 bei der öffentlichen Verbrennung von Lutherschriften in London die Rede. Der Ehescheidung Heinrichs VIII. (s. d.) von Katharina von Aragonien widersprach er heftig, verfiel darum der Ungnade des Königs und wurde im April 1534 im Tower eingekerkert. Während seiner Gefangenschaft erhob ihn Paul III. (s. d.) am 20.5. 1535 zum Kardinal. Das Suprematsgesetz von 1534 erklärte den König zum Oberhaupt einer von Rom losgelösten, eigenständigen Kirche. Da er den Suprematseid verweigerte, erlitt F. den Märtyrertod für den römischen Katholizismus. Er wurde am 20.12. 1886 selig- und am 19. 5. 1935 heiliggesprochen. Sein Fest ist der 22. Juni.
Quelle: Bautz

Untergang

Vielleicht ein guter Zeitpunkt für einen kurzen Rückblick. Das neue Technorati zeigte mir heute dieses Zitat:

„Der westeuropäische Protestantismus wird dem Untergang geweiht sein, wenn sich nicht bald eine Bewegung bemerkbar macht, die mit der Reformation des 16. Jahrhunderts vergleichbar ist.“

Es stammt von keiner Geringeren als Isabelle Graessle, der Leiterin des Genfer Museums der Reformation. Und es rief mir ein anderes Zitat in Erinnerung:

„Sydneys anglikanischer Erzbischof Peter Jensen hat die Idee des klassischen Protestantismus für ‚weitgehend tot‘ erklärt. Der Erzbischof rief in einer Rede vor dem Kirchenrat von New South Wales ‚alle Christen‘ auf, sich mit der römisch-katholischen Kirche in einem ‚Protestantismus des Gewissens‘ gegen den ’säkularistischen Humanismus‘ als ‚gemeinsamen Feind‘ zusammenzutun. Das Etikett ‚Protestantismus‘ sei passend, so Jensen, solange es für ein ‚durch die Bibel geformtes Gewissen‘ stehe. Der letzte Beweis für das Ende des Protestantismus alter Prägung sei die Hochzeit zwischen dem britischen Thronfolger Prinz Charles und Camilla Parker-Bowles, sagte der anglikanische Erzbischof. Jetzt werde eine königliche Hochzeit wegen eines Papstbegräbnisses verschoben: ‚Eine unausweichliche Entscheidung, aber sie markiert das Ende des protestantischen England‘.“

Natürlich bleibt dies nicht unwidersprochen. Doch gehen wir noch einmal zurück zum Start. Das dritte Zitat stammt von mir und diagnostiziert ebenfalls das Ende des Protestantismus:

„Seine ursprünglichen Anliegen sind erfüllt, seine intellektuelle Kraft erschöpft. Was bleibt, ist nur noch Häresie. Wäre nicht 2017 ein guter Termin, die Reformation ad acta zu legen?“

Klar, es mangelt an begrifflicher Schärfe der Unterscheidung zwischen Protestantismus, Anglikanismus, Reformierten, Lutheranern und Freikirchlern. Es gibt aber durchaus einen gemeinsamen Punkt, was die Krise der evangelischen und anglikanischen Kirchen betrifft: Diese Kirchen sind aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus Staatskirchen (Landeskirchen deutscher Prägung unterscheiden sich nur graduell) und damit auf die Unterstützung seitens des Gemeinwesens angewiesen. Darin unterscheiden sie sich fundamental von der katholischen Kirche – denn die wird auch in Deutschland nicht untergehen, wenn sie keine Körperschaft des öffentlichen Rechts mehr sein kann.

Postmoderne

Ralf gibt uns den guten Rat, die fruchtlose Debatte bleiben zu lassen. Seine messerscharfe Analyse:

„Der Protestantismus in seiner mehrheitlich real existierenden Variante diesseits der Alpen (und diesseits des Teiches) ist postmodern par excellence. Da ist jeder auf sich selbst gestellt vor Gott, jeder allein. Es gibt keinen wirklich gemeinsamen Glauben bei zwei sich treffenden Personen, der über einen KGN (Matheunterricht der Grundschule, na?) hinausgeht. Nun ist Christus als KGN ja schon mal einiges, aber wenn man sich über dessen ganz real-leibliche Wirkung im Jahr 2005 nicht einigen kann, bleibt Er doch sehr entweder bloß eine Gestalt der Historie oder der privaten Frömmigkeit.

Es ist ein Hauptmerkmal der Postmoderne, daß sich jeder absolut allein weiß oder fühlt, auch allein vor Gott.“

Schön und tröstlich ist, was er im Anschluss an diese Worte schreibt. Danke!

Formlosigkeit

35.000 Motorradfahrer kamen am Sonntag zur Hamburger Michaeliskirche, wo ein Motorrad-Gottesdienst stattfand. Das Hamburger Abendblatt schildert die Szenerie:

Motorräder. Überall Motorräder. Die Fahrgäste in der U 3 an der Haltestelle Rödingsmarkt gucken aus den Fenstern, staunen über die Armada von schweren Maschinen. Ost-West- und Ludwig-Erhard-Straße – eine einzige riesige Motorradmasse.

Und irgendwo dazwischen steht Claudia Dörrheide (20) aus Maschen. Ganz vorn beim Michel hat ihr Freund Andreas Knappmann (29) seine Harley auf der Straße geparkt. Eine Fatboy, eine ganz dicke Maschine. Noch kann Claudia Dörrheide die nicht selbst fahren. Sie macht gerade ihren Motorradführerschein. Zusammen mit ihrem Freund wartet sie darauf, daß der 40 Kilometer lange Konvoi nach Kaltenkirchen startet. Zum Gottesdienst in den Michel gehen die beiden nicht. Glaubt sie überhaupt an Gott? „Nein. Mir geht es um das Drumherum. Das ist super, die Masse an Motorrädern und Menschen“, sagt sie.

Das Echo darauf ertönt heute aus der Süddeutschen Zeitung:

„Gerhard Matzig rät der Kirche davon ab, mit Bikermessen und Seglergottesdiensten dem Zeitgeist hinterher zu hecheln. ‚Dadurch betreiben sie auf einer formalen Ebene genau das, was Kirche eben nicht ausmacht – das Geschäft der Formlosigkeit.'“ [via Perlentaucher]

Sartre

Wolf Lepenies in der Welt:

„War Jean-Paul Sartre der ‚größte Philosoph des 20. Jahrhunderts‘, wie seine Bewunderer behaupten? Oder wurde, wie ein Kollege spottete, sein philosophisches Hauptwerk, ‚Das Sein und das Nichts‘, nur deshalb ein Erfolg, weil das Buch exakt ein Kilo wog und den Pariser Lebensmittelhändlern als Gewichtsersatz diente? Ich glaube weder das eine, noch das andere – wie ein Pariser Publizist im 17. Jahrhundert antwortete, als man ihn fragte, ob der Kardinal Mazarin tot oder noch am Leben sei. Man muss nicht alles von Sartre lesen, wie Bernard-Henri Levy fordert – aber man kann auf die Lektüre Sartres nicht verzichten, wenn man die Irrungen und Wirrungen der europäischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert verstehen will.“ [via Perlentaucher]

Jungkonservativ

Matthias Matussek schreibt die ungehaltene Wahlkampfrede eines jungen Konservativen (im Spiegel 23/2005, 0,50 EUR):

Wir müssen nun aber in die Tiefenschichten hinunter und an die Fundamente heran und dort verschüttete Wahrheiten neu fördern.

Zum Beispiel die, dass Menschen nicht gleich sind. Sie waren es nie. Und da wir eine christliche Partei sind, will ich Ihnen von der Bibel sprechen. Die Bibel ist ein Dokument der Ungleichheit. Gott liebt die einen, die anderen nicht. Gerechtigkeit? Die wird fürs Jüngste Gericht versprochen, vorher ist sie nicht zu haben. Hören Sie nicht auf unsere Parteifreunde aus den Sozialausschüssen. Heiner Geißler hat die Bibel grotesk missverstanden.

Die Bibel ist eine einzige Streitschrift gegen den interventionistischen Staat. Ja, sie beginnt mit der Vertreibung aus dem Sozialstaat, dem Paradies. Die Menschen sind auf sich gestellt. Das Manna, das Gott später einmal vom Himmel regnen lässt, bleibt eine Ausnahme, und er bereut sie prompt.

Die Bibel schützt das Privateigentum ausdrücklich bereits in den Zehn Geboten. Doch auch das Neue Testament macht Frieden mit dem System. Jesus lobt den klugen Investor, der sein Geld vermehrt, und er schilt den Angstsparer, der es vergräbt. Steuern kommen im Neuen Testament nicht als Umverteilungsinstrument vor, sondern als lästige Pflicht (,Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist‘). Ökonomisch also ist die Bibel purster Thatcherismus.“ Zwischenruf: „Lesen Sie doch mal die Bergpredigt!“

Der Konservative lächelt dünn: „Die Nächstenliebe, die Bergpredigt? Nun, werter Herr Geißler, Nächstenliebe heißt nicht, dass man in Talkshows herumsitzt und den politischen Gegner beschimpft oder den Vatikan, sondern dass man in einer Armenküche Kartoffeln schält. Jesus hat nicht nach dem Staat gerufen, sondern sich vor seinen Jüngern hingekniet und ihnen die Füße gewaschen.

Nachtrag: Mehr von Matussek, insbesondere aus dem demographischen, familien- und wertepolitischen Teil der Rede, bei Petra.

Blutleer

Google führte mich eben in die Tiefen des Forums von ekd.de. Ein paar interessante Einsichten, Hervorhebungen von mir:

Ich lebe nämlich auch in einer ziemlich katholischen Ecke und nehme die Eucharistie weniger als theologische Fragestellung wahr als im liturgischen Vollzug – und zwar aus der Perspektive desjenigen, der hinten sitzenbleiben und zugucken darf. Das ist schmerzlich, aber es verschafft Gelegenheit zu mancherlei Betrachtungen, was ich auch als sehr bereichernd empfinde.

So erscheint mir die dogmatische Seite des Problems ziemlich blutleer. Da schleppen wir jede Menge Ballast aus der Zeit des 4. Laterankonzils (1215) bis hin zum Augsburger Bekenntnis (1530) und darüber hinaus mit uns herum. Die Frage, ob und in welcher Weise Christus in (ggf. auch mit und unter) Brot und Wein gegenwärtig sei, hat uns den Blick auf ein paar wesentliche Punkte verstellt. Vor allem ergibt sich aus den Einsetzungsworten in ihrer ältesten, bei Paulus (1. Kor. 11) überlieferten Fassung, daß nicht Leib und Blut, sondern Leib und Bund einander gegenübergestellt werden. Das führt uns von Brot und Wein weg hin zu dem, der sie austeilt. Es geht ja eigentlich nicht um Christi Gegenwart in den Elementen, sondern in der Gemeinschaft der Gläubigen. Nicht das Brot, sondern Christus selbst ist nämlich eigentlich dieser Leib, zusammen mit denjenigen, die mit ihm feiern. Insofern führt die ontologische Engführung, die uns seit Jahrhunderten so sehr zu schaffen macht, auf eine schiefe Ebene. Mit dem Blick auf die Mahlgemeinschaft, um die es eigentlich geht, geht auch der Blick auf die Gemeinschaft der Kirche verloren. Man verweigert einander nicht die Teilhabe an Christus, sondern spricht einander ab, Christi Leib zu sein.

Jesus und seine Anhänger hätten sich für derlei Quisquilien wohl kaum interessiert. Für die war es völlig klar, daß man – Brot hin, Wein her – nicht einer Person gedenken kann, ohne sie damit zu vergegenwärtigen.

Wie gesagt, ziemlich blutleer. Zumal alle im Vollzug dann doch das Gegenteil dessen tun, was sie lehren. In der katholischen Kirche wird gelehrt, daß beim Sprechen der Einsetzungsworte Brot und Wein sich in Christi wahrhaftigen Leib und Blut verwandeln. Eigentlich ist das ein Geschehen, das zwischen Gott und dem Priester ausgehandelt wird. Die Einsetzungsworte sind dabei echte Konsekrationsworte. Evangelische Pfarrer/innen dagegen können die Wandlung bestenfalls konstatieren. Ihre Einsetzungsworte haben also eher Verkündigungsfunktion.

Und was bekommt man zu sehen? Der katholische Pfarrer steht hinter seinem Tischaltar und spricht die Einsetzungsworte mit Blick auf die Gemeinde, als habe er ihr die wahrhafte Gegenwart Christi einfach nur zu verkünden. Der evangelische Pfarrer steht meistens (außer in moderneren Kirchen) von der Gemeinde weg nach vorn gewendet, als habe er nicht zu verkündigen, sondern zu konsekrieren.

Meistens nehmen es also die Kirchen im liturgischen Vollzug mit ihrer eigenen Lehre gar nicht so genau. Eigentlich gute Voraussetzungen, um sich über das Abendmahl entspannter und gelassener zu unterhalten, als es oft geschieht. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß man nicht immer bloß über die anderen redet, sondern auch mal ihre Gottesdienste besucht.

Dazu 1 Kor 11, 23-29:

Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.

Hoerster

Hoersters Bucht ist prägnant, bringt aber nichts Neues. Die argumentative Haltlosigkeit der Gottesbeweise ist unter Philosophen eine Selbstverständlichkeit. Wo der Handschuh, den er in Richtung Theologie wirft, landen soll, bleibt unklar. In der Nähe von Küng, Spaemann, Ratzinger/Benedikt XVI. vielleicht. Oder vor dem Münchner Theologie-Professor Armin Kreiner, der mit einem der wichtigsten jüngeren Versuche, die Existenz Gottes trotz der Übel in der Welt zu beweisen, hervorgetreten ist. Vermutlich wird er vor dem Schemen eines seiner Internats-Lehrer des westfälischen Jesuitenordens landen, der für die theologische Prägung Hoersters zuständig war.

In seiner Angriffslust bleibt Hoerster „religiös unmusikalisch“ (wie sich Habermas nennt). Für alles vag Transzendente oder Gefühlige der Religion hat er keinen Sinn. Durch die Engführung auf die rationale Beweisbarkeit Gottes macht er es sich nicht nur einfach, sondern verpasst auch den Dialog mit den Theologen. Dabei gibt es viel Gesprächsbedarf. Die Verständigung zwischen Habermas und Ratzinger vor einem Jahr war allzu freundlich und nach der Papst-Wahl könnten sich Ratzingers „religiös verkapselte Bedeutungspotenziale“ der theologischen Tradition plötzlich doch noch öffnen.

Der Vatikan wagt sich mit seiner arroganten Kritik an der Moderne weit aus dem Fenster, seine Vernunftkritik ist fahl und die hygienische Forderung nach wechselseitiger „Reinigung“ von Glaube und Vernunft scheint glaubenskongregatorisch heuchlerisch. Doch wenn die Philosophen zeigen wollen, dass die Vernunft nicht nur eine instrumentalisierte ist, sondern Grundlage unseres Lebens, dann müssen sie die religiösen Bedürfnisse ernst nehmen und mit postmetaphysischer Vernunft einen humanen Vertrauens- und Trosthorizont schaffen, vor dem ein Leben gut, ja besser sein kann, als eines, das in einem bequemen Glauben verharrt, der oft genug eine leere oder aber machtkonsolidierende Geste bleibt.

Aus einer Rezension von Oliver Müller

NORBERT HOERSTER: Die Frage nach Gott. C.H. Beck, München 2005. 125 Seiten, 9,90 Euro.

Chateaubriand

Der Mensch verfehlt sich beständig, „man ist enttäuscht, ohne genossen zu haben, . . . man wohnt mit einem vollen Herzen in einer leeren Welt, und ohne sich an etwas gewöhnt zu haben, ist man bereits alles Möglichen entwöhnt.“ Und warum? Weil der zwischen Vernunft und Begierde gefangene Mensch nach einer Glückseligkeit verlangt, die es nicht gibt; und da ihn dieses unmögliche Verlangen niemals verlässt, da „die Güter der Erde nur in die Seele graben und ihre Leere vergrößern, so muß man schließen, dass es etwas über der Zeit gebe . . . Die Vorsehung hat jenseits der Grenze einen Reiz verlegt, der uns anzieht.“ Weil es also den Himmel, die unsterbliche Seele und Gott wirklich gibt, sehnt der Mensch sich nach Glück und erleidet das Unglück.

Wie glaubhaft ist angesichts dieser unstillbaren Trauer die Beteuerung, das Christentum habe „immer in allem das Bestmögliche geleistet“, keine andere Religion enthalte „soviel Poesie und Humanität in sich“ und sei „der Freiheit, den Künsten und Wissenschaften so hold wie die christliche“? Wie passen solche Hymnen zum Eingeständnis des späten Chateaubriand, er sei „tugendhaft ohne Genugtuung“? Friedrich Sieburg, sein Biograph, spricht von der „Konstruktion eines Kulturchristentums“ – und hat damit zum Teil Recht. Chateaubriand will von der ästhetischen Überlegenheit des Christentums, der Schönheit der Gottesdienste und christlicher Themen in Malerei und Dichtung auf eine weltanschauliche Überlegenheit schließen. Dahinter aber verbirgt sich ein pädagogisches Konzept: Der Mensch als potentieller Zerstörer seiner Lebensgrundlagen braucht eine Instanz, vor der er sein Tun rechtfertigt, damit er weder an sich verzweifelt noch die Mitmenschen schädigt. Diese Instanz muss seinem Zugriff entzogen, kann also nur Gott sein. Glücklicher wird man dadurch nicht, wohl aber produktiver, schöpferischer, freier.

Aus einer Rezension von Alexander Kissler

FRANCOIS-RENÉ DE CHATEAUBRIAND: Geist des Christentums. Herausgegeben von Jörg Schenuit. Morus Verlag, Berlin 2004. 780 Seiten, 49,80 Euro.