Der Historiker Paul Nolte im Spiegel-Streitgespräch [0,50 EUR] mit dem Ökonomen Rudolf Hickel
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Der Historiker Paul Nolte im Spiegel-Streitgespräch [0,50 EUR] mit dem Ökonomen Rudolf Hickel
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Aus der Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema „Homosexualität und Kirche“ (1996):
- Der Verkündigungsauftrag kann nicht so von der Lebensführung der Amtsträger getrennt werden, als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Wenn die Lebensführung, soweit sie öffentlich wahrgenommen wird, dem Verkündigungsinhalt widerspricht, beeinträchtigt dies die Glaubwürdigkeit der Verkündigung.
- Die Lebensführung jedes Amtsträgers bleibt in irgendeiner Form hinter dem zurück, was als Wille Gottes zu verkündigen ist. Entscheidend ist jedoch, daß die Differenz zwischen dem Willen Gottes und dem eigenen Versagen nicht geleugnet oder bagatellisiert wird. Die Anerkennung des eigenen Zurückbleibens ist selbst ein Element der Glaubwürdigkeit kirchlicher Verkündigung.
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Petra Steinberger eiert heute im SZ-Feuilleton wortreich um die Frauenfrage herum. Zwei Takes im Vergleich:
Fahren wir fort mit jenem Zitat von Paul Kirchhof, das der CDU inzwischen in jeder Wahldebatte um die Ohren geschlagen wird, jenen Satz, den er vor ein paar Jahren im Vorwort eines Buches geschrieben hat: „Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt.“ Etcetera. Fraglos ist das ein recht konservatives Familienbild. Aber wieso, fragt man sich, soll das junge, moderne Frauen noch berühren, die doch längst erkannt haben, dass die Realität heute ganz anders abläuft?
So, die Realität läuft heute ganz anders ab? Das meint sie selbst nicht ernst – oder jedenfalls wundert sich die gleiche Autorin am Ende ihrer Überlegungen:
Es passiert nur nichts. Bisher. Sobald einmal Kinder da sind, wird in Deutschland bis heute trotz aller Rhetorik eine gesellschaftliche und soziale Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau gefördert, die den großbürgerlichen Idealen des 19. Jahrhunderts entspricht, mitsamt goldenem Käfig und ein paar feministischen Ausrutschern (in den ostdeutschen Ländern passiert das weniger, was an kommunistischer Indoktrination liegen muss). Der große Graben zwischen den Geschlechtern resultiert nun mal aus der Realität der Reproduktion, und solange eine derart veraltete Frauen-Männer-Dichotomie in Deutschland existiert, werden sich mehr und mehr Frauen, ökonomisch völlig konsequent, für die eigene Karriere entscheiden – wer mag es ihnen verdenken?
Und damit, so möchte ich hinzusetzen, das langfristige Aussterben beschleunigen. [Perlentaucher]
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Das Vorwort von Paul Kirchhof zum Buch von Jürgen und Martine Liminski, aus dem im aktuellen Wahlkampf gern zitiert wird, erschien am 31. März 2002 in der Welt am Sonntag. Auszüge:
[…] unser deutsches Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist fast ausschließlich auf eine Maximierung von Profit und Spaß angelegt. Es sucht in einer gewaltigen Propaganda alle Menschen – Männer und Frauen – in sozialpflichtige Erwerbsarbeit zu drängen, vergisst dabei aber, dass Kapital nicht arbeitet, sondern nur Menschen mit Kapital arbeiten. Es vernachlässigt, dass ein Generationenvertrag ohne die nachfolgende Generation zusammenbricht, dass die Zukunft von Kulturgesellschaft und Wirtschaft in Deutschland durch Einwanderung nicht gesichert werden kann, weil selbst bei einer Einwanderung von jährlich fünfhunderttausend Menschen die Einwohnerzahl sinken und die Veralterung fortschreiten würde.
Unser Rentenrecht enteignet die Mütter, weil es ihnen faktisch die Alterssicherung durch ihre Kinder nimmt, dafür aber anderen Rentenansprüche gibt. Das Arbeitsrecht privilegiert die Kinderlosen, wenn es ihnen beruflichen Aufstieg eröffnet, die Mütter aber auch nach Erfüllung ihres Erziehungsauftrags vom Arbeitsmarkt fernhält. Das Steuerrecht benachteiligt Familien, weil es bei den Eltern auch einen Teil des Einkommens besteuert, der den Kindern gehört.
Staat und Wirtschaft in Deutschland stellen sich gegenwärtig nicht energisch der Aufgabe der Verteilungsgerechtigkeit, die Familien finanziell besser stellt und dazu alle anderen, die später von den Leistungen unserer Kinder profitieren, zu deren Unterhalt heranziehen müsste.
Wenn sich die Altersgruppe der Achtzehn- bis Fünfunddreißigjährigen in den nächsten zehn Jahren zu halbieren droht, wenn in den USA über fünfzig Prozent aller Ehen, in einigen Zentren von Wirtschaft und Wissenschaft fast hundert Prozent geschieden werden, zersetzt unser Erwerbs- und Wirtschaftssystem unsere Kultur, frisst die Menschen und zerstört unsere Zukunft. Gerade eine freiheitliche Gesellschaft wird nur gelingen, wenn der Freiheitsberechtigte sich in einer jung bleibenden Gesellschaft entfalten kann. Wir müssen uns deshalb der Frage stellen, ob Jugend im Fitness-Center synthetisch hergestellt wird oder in der Familie entsteht.
Auf diese Passage folgen dann die inkriminierten Äußerungen.
Wie sieht Familienglück in einer wirklich gelebten, echten Gemeinschaft von Eltern und Kindern aus? Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt. Ihr Beruf als Familienmanager fordert – jenseits des zweiten, des eher handwerklichen Auftrags – stetige Präsenz, einen Raum der Bedingungslosigkeit und des Humanum, eine Intimität als Grundmuster der Familie, ohne die eine Frau zwischenmenschliche Beziehungen nicht gestalten, Menschlichkeit nicht schenken kann. Die Mutter widmet ihren Kindern vor allem Zeit, gibt ihnen auf dieser Grundlage Zärtlichkeit, Zuwendung und ein Zuhause.
Und zur Vaterrolle:
Auch der Vater sieht seine erste Verantwortung in seinem Familienberuf und erst dann in seinem Erwerbsberuf. Wenn Erziehungspflichten vernachlässigt werden, wirkt sich das auf Menschen aus; wenn Pflichten im Erwerbsberuf vernachlässigt werden, hat das meist nur Folgen für die Produktion. Diese Perspektive ist entwaffnend unökonomisch und rückt unsere fast ausschließlich vom Erwerbsstreben verrückte Welt wieder zurecht. Der Vater sichert den familiären Konsens und wacht über die Solidarität, entwickelt eine natürliche Autorität, die im nicht selten unbegrenzten Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Vaters auch an Überforderung grenzt, trägt mit der Mutter die Verantwortung, den Kindern Tugenden einzuprägen, zu denen insbesondere auch die Fähigkeit zu unbeschwerter Freude gehört.
Seine eigene Vatertugend wird vor allem von der klassischen Erfahrung bestimmt, dass es die Aufgabe der Einflussreichen ist, die ihnen Anvertrauten zu schützen. Der Vater findet seine Identität, wenn er die ökonomischen Grundlagen der Familie beschafft und die Kinder in ihrer Zugehörigkeit zu Familie, Staat, marktwirtschaftlicher Ordnung, Kulturgemeinschaft und Kirche erzieht.
Soweit der Zusammenhang.
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Zu den wenigen Neuigkeiten, die das gestrige TV-Duell zu bieten hatte, gehörte eine kleine Information aus dem Munde der Kanzlerkandidatin. Demnach stammen die polarisierenden Zitate von Paul Kirchhof aus dem Vorwort zu einem Buch, das der DLF-Journalist Jürgen Liminski gemeinsam mit seiner Frau geschrieben hat. (Der Kanzler indes bestritt diese Quellenangabe und verwies stattdessen auf ein Interview des Finanzministerkandidaten.) Die Familie Liminski hat zehn Kinder.
Jürgen und Martine Liminski: Abenteuer Familie. Erfolgreich erziehen – Liebe und was sonst noch nötig ist. Augsburg 2002, 200 Seiten. 18,90 EUR.
Eine Rezension aus der Tagespost.
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160 Minuten dauert „Die große Stille“, der neue Film von Philip Gröning über das Mutterkloster der Karthäuser. In Venedig wurde er zum ersten Mal gezeigt, und die FAZ hat ihn gesehen:
Ein halbes Jahr hat er zugebracht zwischen den schweigenden und betenden Brüdern – ein kontemplativer Film ist daraus geworden, ein Film wie eine Wolke, sagt Gröning. Tatsächlich ist „Die große Stille” mitunter zu wolkig, zu wenig an der Schilderung der Abläufe interessiert und zu sehr in die eigenen Impressionen verliebt. Der Film entwickelt ein schönes Gefühl für den Wechsel der Jahreszeiten, aber manchmal wünschte man sich die Aufnahmen eher länger und aufmerksamer, als sie ohnehin schon sind. Einmal werden Kutten für zwei Neuankömmlinge geschneidert, aber Grönings Interesse gilt zu wenig dem Praktischen, als daß er den Vorgang anschaulich schildern wollte. So wird nur angedeutet, wo Anlaß wäre, sich in einen Vorgang zu versenken. [Perlentaucher]
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Pastor Udo Bagdahn ist in den Kirchenkreisen Buxtehude und Stade für die übergemeindliche evangelische Seelsorge zuständig. Am 17. August 2005 erschienen im Stader Tageblatt seine „kritischen Überlegungen“ zum Weltjugendtag. Auszüge:
Mehr als hundert Tage im Papstamt, gab er keine Signale eines global erwarteten „Aggiornamento“. „Aggiornamento“ heißt: Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen – mit entsprechenden Konsequenzen. „Aggiornamento“ heißt nicht: Opportunistische Anpassung an den Zeitgeist.
Kritik von Johannes-Paul [sic!] II. an der östlichen Diktatur – okay. Kritik von Johannes-Paul II. am Kapitalismus – okay. Kritik von Johannes-Paul II. am Irak-Krieg – okay. Kritik von Johannes-Paul II. an der Armut in der Welt – okay. Begegnung mit Menschen jüdischen und islamischen Glaubens – okay.
Aber: Lebensferne in Sachen Abtreibung und Homosexualität. Er müsste es aus den Reihen seiner Beschäftigten besser wissen. Da geht das Leben eigene Wege – an der Kirche vorbei. […]
Ich nehme die römisch-katholische Kirche als eine dirigistische Organisation wahr, als eine Organisation von oben. Sie schreibt ihren Mitgliedern vor, wie sie zu glauben, zu denken und zu leben haben. Was sagte einst Johannes-Paul II.? – „Nicht das Leben bestimmt die Dogmatik, sondern die Dogmatik bestimmt das Leben.“ Wunderbar weltfremd.
Von Benedikt XVI. wird erwartet, dass er sich zu Fragen äußert, die Menschen wirklich interessieren – und bereits leben. Die Gewerkschaft der Polizei wollte in Köln auf dem Weltjugendtag Kondome verteilen. – Sollte so nicht sein… Eine junge Katholikin lächelte so nett in eine Fernsehkamera und erklärte: „Es dürfen ja auf dem Weltjugendtag keine Kondome verteilt werden. Nun, es wird andere Möglichkeiten geben, sich entsprechend zu verhalten.“
Aus ihrem Munde kein Wort der Kritik an dieser unsinnigen Praxis ihrer Kirche. Millionen Menschen hungern und verhungern in den armen Ländern, aber Kondome sind verboten. Kondome können auch vor Aids schützen – katholischerseits nicht gewollt. […]
Das Kondom ist nur ein Symbol für die Realitätsferne dieser Kirche. Die Menschen warten in Köln auf Zeichen der Ökumene. Also: gemeinsames Abendmahl aller Christen. Problemlose Wiederverheiratung Geschiedener. Verheiratung homosexueller Paare. Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Warum nicht auch einmal eine Päpstin? Die Heilige Schrift hat nichts dagegen. Sollte Benedetto aus Deutschland sich nicht in diese Richtung bewegen, sollte sich die Weltjugend überlegen, ob sie einem solchen Wahrheitsverkünder folgen sollte. Wer wenige Probleme löst, nicht erlöst, gar artifizielle Probleme schafft, die er selbst im Alltag nicht zu lösen vermag, ist eigentlich überflüssig. […]
Ich wünsche meinen katholischen Freundinnen und Freunden in Köln viel Spaß – hoffentlich mit Kondom.
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„Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder.“
Mit diesem Satz hat sich Paul Kirchhof nicht unbedingt neue Freunde gemacht. Mit der ganzen Debatte und deren Protagonisten (wie Frank „Methusalem“ Schirrmacher) befasst sich heute Gerhard Matzig in der SZ:
Die Kritiker Kirchhofs haben in einem Punkt Recht: Der Mann spricht von einer Normalität, die weder normal noch Norm ist: Kinder sind in Deutschland eine Anomalie. Resignativ heißt es dazu im Kinder- und Jugendbericht: Das Konstrukt Familie stellt für junge Menschen „keine attraktive Lebensform dar“.
Die Folgen dieser gesellschaftlichen Optionalisierung sind dramatisch. Nicht aber, weil sie uns in die Vergangenheit des 18. Jahrhunderts führen könnten, sondern im Gegenteil: Weil sie uns die Zukunft verbauen. Das erklärt die Hysterie der Debatte, für die in der Schweizer Weltwoche in Anspielung auf den „Rinderwahnsinn“ der denkwürdige Titel „Kinderwahnsinn“ ersonnen wurde, aber nur zum Teil.
Der Krieg, den wir wahlweise gegen die Kinder- und Eltern-Feindlichkeit oder gegen den Kinderwahn und die entsprechende Nichteltern-Feindlichkeit führen, speist sich aus einer explosiven Mixtur von Rationalität und Emotionalität, von öffentlich wirksamen Volkswirtschafts-Kennziffern und privaten Lebensentwürfen. Dazu kommen im „Konstrukt“ Familie, das eher ein Bedeutungsknäuel am Schnittpunkt gesellschaftlicher und individueller Sehnsuchtsvorstellungen ist, Mythos, Glaube und Kulturgeschichte. Die traditionslose Moderne, welche die taz so tapfer gegen Kirchhof verteidigen möchte, ist nirgendwo in Sicht. [Perlentaucher]
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Erst einen Tag alt, und schon wieder umgezogen: Kirchenschwinden, das Zweitblog von Scipio, dessen Geburtshelfer ich sein durfte. Unter der Anschrift www.kirchenschwinden.de.
Ein sehr spezielles Thema, ein schwieriges noch dazu. Wir werden sehen.
Der Philosoph Luca di Blasi in der Zeit über das Phänomen des „erfolgreichen Nichts“, der blassen, sinnentleerten Gegenwartskunst:
„Wie Marienerscheinungen nur in banalen und peripheren Orten glaubwürdig erscheinen, nicht aber sagen wir im Petersdom oder im Bundeskanzleramt, so scheint die arte poverissima umgekehrt jedes gewöhnliche oder mittelmäßige Umfeld zu meiden und ausgerechnet im frostigen Klima kritischer und zerstörerischer Connaisseurblicke zu gedeihen.“ [Perlentaucher]