Überflüssig

Beisammensein nach dem ökumenischen Gottesdienst zum Aschermittwoch. Dreiviertel der Besucher waren Katholiken, die so letztlich um ihren Messbesuch gebracht waren, aber das ist ein anderes Thema.

Eine Frau mittleren Alters, nennen wir sie Frau B., prahlt mit ihrer Mitgliedschaft in sämtlichen kirchlichen Gremien vom Pfarrgemeinde- bis zum Diözesanrat. Die Netzwerke, so sagt sie, seien da das Wichtigste. Einflussreiche Leute. Man kennt sich.

Netze, ja, erwidert Frau R., die schätze sie auch in der Kirche. Und gefragt, was sie meine, erläutert sie: die Sakramente.

Die hätten doch aber die evangelischen Christen auch, hält Frau B. dagegen. Ja, das stimme wohl, räumt Frau R. ein. Die Katholiken hätten aber mehr Sakramente.

Woraufhin Frau B. kontert: Aber auch mehr überflüssige Sakramente. Welche sie meint, das will sie auch auf Nachfrage nicht erläutern.

Ich kenne da einige überflüssige Gremien.

Dorfkino

Hape Kerkeling in seinem Buch Ich bin dann mal weg:

Während ich bereits bei weit geöffnetem Fenster im Bett liege, frage ich mich, was Gott eigentlich für mich ist.

Viele meiner Freunde haben sich schon lange von der Kirche abgewendet. Sie wirkt auf sie unglaubwürdig, veraltet, vergilbt, festgefahren, unbeweglich, geradezu unmenschlich und somit haben die meisten sich auch von Gott abgewendet. Wenn sein Bodenpersonal so drauf ist, wie muss er selbst dann erst sein … wenn es ihn überhaupt gibt! Geh mir weg mit Gott, sagen leider die meisten. Ich sehe das anders. Egal ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist, ich glaube, es gibt ihn!

Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie “Ghandi”, mehrfach preisgekrönt und großartig!

Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus. Man sitzt auf unbequemen, quietschenden Holzsitzen und es wurde nicht mal sauber gemacht. Da sitzt einer vor einem und nimmt einem die Sicht, hier und da wird gequatscht, und man bekommt ganze Handlungsstränge gar nicht mehr mit.

Kein Vergnügen wahrscheinlich, sich einen Kassenknüller wie “Ghandi” unter solchen Umständen ansehen zu müssen. Viele werden rausgehen und sagen: “Ein schlechter Film.” Wer aber genau hinsieht, erahnt, dass es sich doch um ein einzigartiges Meisterwerk handelt. Die Vorführung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films. Leinwand und Lautsprecher geben nur das wieder, wozu sie in der Lage sind. Das ist menschlich.

Gott ist der Film und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft. Ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken. Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit!

[zitiert bei Vries-Land, via ecclesiola]

Brauch ich nicht

Arnd Brummer ist Chefredakteur von Chrismon. Im Oktoberheft notiert er seinen Dialog mit Tine, einer atheistischen Journalistin ostdeutscher Herkunft. Was halten, fragt sie, die Protestanten vom Papst? Darauf Brummer:

Wir sind uns mit den Katholiken einig, dass sich die Liebe Gottes in Jesus Christus offenbart. Wir teilen die meisten zentralen ethischen Positionen. Aber wir nennen niemanden „Heiliger Vater“ außer Gott. Und wir sind davon überzeugt, dass in der Bibel nichts von einem Alleinherrscher steht, der für die Christenheit bestimmt. Jeder Mensch entscheidet selbst, wie seine Beziehung zu Gott aussieht und was er gegenüber seinem Gewissen verantworten kann. Evangelische Christen orientieren sich dabei an dem, was Jesus getan und gesagt hat, so wie es die Evangelien und die Apostelbriefe im Neuen Testament überliefern. Reicht das?

Natürlich reicht diese Antwort, ganz abgesehen von der katastrophalen Misinterpretation des Petrusamtes, nicht aus. Tine fragt zurück:

„Hört sich gut an. Aber mal ehrlich: Ihr seid doch neidisch auf die tollen Bilder, wenn der Papst irgendwo auftritt. Die Katholiken sind einfach besser in der Inszenierung.“ Findest du die Bilder toll?, fragte ich. „Ich glaube nach wie vor nicht an euren Gott“, antwortete Tine, „aber es ist doch irgendwie klasse, ja magisch – diese ganzen Aufzüge und Massenveranstaltungen. Sag’ jetzt bloß, dass dich das kaltlässt!“ Lässt es mich nicht. Aber brauchen tu ich es eigentlich auch nicht.

Bilder und Inszenierungen braucht er nicht, den Papst auch nicht. Kein Wunder. Wäre er konsequent, dann setzte er hinzu: Ich brauche auch die Kirche nicht. Mir reichen Evangelien und Apostelbriefe (bezeichnend übrigens, was er dabei so alles unterschlägt – neben der Apokalypse auch das ganze Alte Testament).

Arnd Brummer braucht, so schreibt er und bemerkt selbst die Banalität, Nähe, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Sakramente braucht er nicht. Schade eigentlich.

Selbstsäkularisiert

Noch einmal Franz Walter:

Vielleicht stehen wir also wirklich vor einem Gezeitenwechsel in der Kultur der modernen Gesellschaften. Es könnte gerade das Finale einer leeren Individualisierung eingeläutet worden sein. Allerdings: In welche Wärmestuben es die Menschen dann in Zukunft drängen mag – das ist nicht recht erkennbar.

Der Zauber der politischen Großideologen ist bekanntlich perdu. Und es spricht auch wenig dafür, dass sich für Künder weltlicher Paradiese die Marktplätze wieder füllen werden.

Schwer vorstellbar ist jedoch auch, dass die beiden christlichen Amtskirchen Herz und Motor eines neuen spirituellen, gemeinschaftsbezogenen Verlangens werden. Dafür ist das institutionalisierte Christentum in Deutschland doch zu weit selbstsäkularisiert – und zu binnenzentriert, mit den eigenen großorganisatorischen Bestandsproblemen beschäftigt. [Spiegel Online]

Religion yes, God no

„The crisis reached by European Christianity is no longer primarily or at least exclusively an ecclesial crisis…. The crisis is more profound: it is not only rooted in the situation of the Church: the crisis has become a crisis of God. To sum up, one could say ‚religion yes‘, ‚God no‘, where this ’no‘, in turn, is not meant in the categorical sense of the great forms of atheism. There are no longer any great forms of atheism. Today’s atheism can effectively return to speaking of God—distractedly or calmly—without really intending him [his person]…. Furthermore, the Church has her own concept of immunization against the crisis of God. She no longer speaks today of God—as, for example, she still did at the Second Vatican Council—but only—as she did at the Council—of God proclaimed through the Church. The crisis of God is codified ecclesiologically.“

Johann Baptist Metz (1993), zit. nach THE ECCLESIOLOGY OF THE CONSTITUTION ON THE CHURCH, VATICAN II, ‘LUMEN GENTIUM’
Cardinal Joseph Ratzinger, Prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith [via Pontifications]