Relativismus

Bevor der Artikel im Nirvana des NZZ-Archives verschwindet – Helmut Hoping und Jan-Heiner Tück, tätig am Institut für systematische (katholische) Theologie der Universität Freiburg i. Br., skizzieren die Theologie Benedikts XVI.:

An der Gestalt des Gekreuzigten und seinem rückhaltlosen Selbsteinsatz wird ablesbar, dass Gott sich selbst als Liebe definiert hat. Diese Selbstdefinition Gottes im Fleisch eines Menschen ist für die religionsfreudige Gottlosigkeit heute eine Provokation. Wer die Wahrheit bejaht, die mit dieser Selbstdefinition gegeben ist, kann die achselzuckende Indifferenz gegenüber der Wahrheitsfrage nicht teilen, welche der gegenwärtige Relativismus empfiehlt. Das Festhalten am universalen Wahrheitsanspruch des Glaubens mag unbequem sein, ist aber zugleich die Voraussetzung dafür, mit einer klar konturierten Position den Dialog zu suchen. Gegenüber diversen Spielarten heutiger Rationalitätsskepsis hat Ratzinger nicht nur die Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft immer betont, sondern auch mit Sorge eine gewisse Verabsolutierung der säkularen Vernunft diagnostiziert:

«Wissenschaft wird pathologisch und lebensgefährlich, wo sie sich aus dem Zusammenhang der sittlichen Ordnung des Menschseins verabschiedet und nur noch autonom ihre eigenen Möglichkeiten als ihren einzig zulässigen Massstab anerkennt.»

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Freiheit bei Rahner

Leider nur teilweise gehört, und der Hinweis kommt jetzt auch zu spät. Eine hörenswerte Sendung heute im Deutschlandfunk:

19:15 Uhr

Hintergrund Kultur

Im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Manipulation
Karl Rahner und seine Sicht der institutionellen Schuld von Kirche und Gesellschaft
Von Hartmut Kriege

Überlegenheit

Respekt, Jürgen Rüttgers! Der nordrhein-westfälische CDU-Spitzenkandidat hat der gnadenlosen Fragenmaschine seines Parteifreundes Michel Friedman sauber standgehalten. Spiegel Online dokumentiert den Dialog und die Statements der üblichen Verdächtigen (die ich mir erspare):

Friedman: Zum gleichberechtigten Respekt aller Kirchen sagt Benedikt XVI: „Die katholische Kirche ist allen anderen Kirchen überlegen.“ Hat er Recht?

Rüttgers: Er sagt, dass das, was er glaubt, und das, was seine Kirche glaubt, das Richtige ist. Und ich finde, das darf er auch.

Friedman: Ich sage noch einmal: Die katholische Kirche sei allen anderen Kirchen überlegen.

Rüttgers: Ich hab das schon verstanden. Er sagt, das ist das Richtige, und wenn’s das Richtige ist, dann muss er zwangsläufig sagen, dass das andere nicht richtig ist.

Friedman: Und was sagen Sie?

Rüttgers: Ich glaube, dass wir wieder lernen müssen, dazu zu stehen, dass wir wieder etwas für wahr und etwas für unwahr halten. Ich bin Katholik und ich glaube, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit den anderen Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt.

Friedman: Aber wir sprechen von dem Begriff „überlegen“. Ist die katholische Kirche und ihr Menschenbild anderen Religionen überlegen?

Rüttgers: Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch „überlegen“.

Friedman: Was bedeutet das denn eigentlich für einen Protestanten, einen Juden oder einen Moslem, wenn Sie sagen, die katholische Religion ist den anderen überlegen?

Rüttgers: Das bedeutet, dass er von seiner genauso überzeugt sein kann und dass man auf der Basis dann anfängt miteinander zu reden.

Ist das die Diktatur des Relativismus?

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Immer noch Habermas und Ratzinger

Isolde Charim erläutert in der heutigen taz (unter der an Botho Strauß gemahnenden Überschrift Anschwellender Papstgesang), was diese beiden Päpste miteinander verbindet:

„Habermas geht es um Konzepte wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen und um die absolute Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpfen. Denn das sind jene Vorstellungen, die Gründe für den Einspruch liefern, jene Vorstellungen eines ‚Wissens‘ um die eigenen Grenzen, die die Religion plötzlich vernünftiger erscheinen lassen als eine ungezügelte Vernunft. Um Letztere zu hegen, wendet sich Habermas an die Religion, die ihr gegenüber die ‚unbedingte Geltung moralischer Pflichten‘ auch in postsäkularen Gesellschaften garantieren soll. Kein Wunder, dass Ratzinger sich mit ihm absolut einig wusste. Der nunmehrige Papst war der ideale Ansprechpartner dafür.“

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Weckruf

Ging mir gestern schon durch den Sinn, aber dann geriet es wieder in Vergessenheit. Eines meiner liebsten klassischen Kirchenlieder, aus gegebenem Anlass:

  1. Sonne der Gerechtigkeit,
    gehe auf zu unsrer Zeit;
    brich in deiner Kirche an,
    daß die Welt es sehen kann.
    Erbarm dich, Herr.

  2. Weck die tote Christenheit
    aus dem Schlaf der Sicherheit;
    daß sie deine Stimme hört,
    sich zu deinem Wort bekehrt.
    Erbarm dich, Herr.

  3. Schaue die Zertrennung an,
    der sonst niemand wehren kann.
    Sammle, großer Menschenhirt,
    alles, was sich hat verirrt.
    Erbarm dich, Herr.

  4. Tu der Völker Türen auf;
    deines Himmelreiches Lauf
    hemme keine List noch Macht.
    Schaffe Licht in dunkler Nacht.
    Erbarm dich, Herr.

  5. Gib den Boten Kraft und Mut,
    Glauben, Hoffnung, Liebesglut,
    und laß reiche Frucht aufgehn,
    wo sie unter Tränen sä’n.
    Erbarm dich, Herr.

  6. Laß uns deine Herrlichkeit
    sehen auch in dieser Zeit
    und mit unsrer kleinen Kraft
    suchen, was den Frieden schafft.
    Erbarm dich, Herr.

  7. Laß uns eins sein, Jesu Christ,
    wie du mit dem Vater bist,
    in dir bleiben allezeit
    heute wie in Ewigkeit.
    Erbarm dich, Herr.

Verzeihung

Wahre Worte, gelassen ausgesprochen:

Immer noch das Thema: Papst Benedikt XVI. – ein Papst
aus Deutschland. Viele fortschrittliche Katholiken sind
begeistert: „Toll, ein Papst aus Deutschland. Endlich
mal ein Papst aus einem Entwicklungsland!“

Es gibt aber auch kritische Stimmen zum neuen Papst.
Alice Schwarzer hat gesagt: „Das ist alles ein bisschen
konservativ.“ Indirekt meinte sie: „Liebe katholische
Frauen, wenn ihr das nicht mittragen wollt, dann tretet
aus der katholischen Kirche aus.“ Der Vatikan hat
sofort reagiert und heute um 16 Uhr sein Abo von „Emma“
gekündigt.

Was bedeutet es, dass wir nach 482 Jahren wieder
einen Papst aus Deutschland haben? Es bedeutet: der
Herr hat uns Martin Luther verziehen.

Harald Schmidt, 21. April 2005

Zeitgeist

Telepolis analysiert messerscharf:

„Man hätte es ahnen müssen: Als Maria Jepsen, protestantische Bischöfin von Hamburg, am Dienstagmorgen im Deutschlandradio mit weinerlich-drängender Stimme mahnte, es dürfe ‚auf keinen Fall Ratzinger‘ werden, hätte man es ahnen müssen. Niemand steht dem Zeitgeist näher, als die protestantische Kirche in Deutschland und so war Jepsen genau das richtige Fähnlein, um früh zu signalisieren, woher der Wind wehte.“

Jepsen im Originalton

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Habemus Habermas

Ich habe da doch meine Zweifel, ob Mariam Lau ihr Diplom an der Frankfurter Schule wirklich bestanden hat. Sie schreibt heute bei Spiegel Online:

„Den Anfang hatte Jürgen Habermas gemacht – derselbe Habermas, der noch vor ein paar Jahren das ’nachmetaphysische Denken‘ verteufelte. In den achtziger Jahren hat er jedermann des ‚Neokonservatismus‘ verdächtigt, der auch nur den leisesten Zweifel daran äußerte, dass ‚die Moderne den sinnstiftenden und tröstenden Gegenhalt nicht aus sich selber produzieren kann‘, so Habermas 1985 in einem programmatischen Aufsatz. Er goss Häme aus über jene Denker, die der haltlosen Moderne einen Bedarf an ‚gegenwirkenden Traditionen‘ attestierten. Sie waren Reaktionäre, Philosophen der Kohlschen Tendenzwende und gehörten als solche entlarvt und an den Pranger gestellt.

Derselbe Habermas räumte vor einem Jahr im Gespräch mit Ratzinger ein, der säkulare Verfassungsstaat sei auf die ’säkularisierende Entbindung religiös verkapselter Bedeutungspotentiale‘ dringend angewiesen – was für ein Gang nach Canossa! Da wurde die Religion zur Revitalisierung des politischen Systems schamlos eingespannt. Wer da Erfahrungen sucht, sollte mal nach Iran fahren: Von dieser Wechselbeziehung hat weder Religion noch Staat profitiert. In den religiösen Gemeinden, so Habermas, könne ‚etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist‘, nämlich ‚Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und Deformation entstellter Lebenszusammenhänge‘.“

Schusterin, bleib bei deinem Leisten?

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