Sehr schräg und deshalb unterhaltsam: E-Mail-Interview in derStandard.at.
Rückkehr
Heute in der Süddeutschen, sagt der Perlentaucher:
Zur Frage, ob es eine Rückkehr der Religionen gibt, weist der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen Religiösität, diffusem religiösen Interesse und die Sehnsucht nach sakraler Aura.
Falls jemand Zugriff hat…
Sonntagsruhe

Jetzt muss sich schon die Wirtschaftspresse um die Rettung des vielfach bedrohten Sonntags kümmern. Nach der Wirtschaftswoche befasst sich nun auch die Financial Times Deutschland ausführlich mit dem Sinn und Zweck des ersten Tags der Woche (oder auch letzten Tags des Wochenendes).
In diesem Jahr ist der 1. Mai ein Sonntag der Arbeit. Nun muss uns schon der Kalender darauf hinweisen, dass nicht wirklich die Arbeit in Gefahr ist, sondern die freie Zeit, die Muße, die Ruhe. „Dies solis“, der Sonntag, bröckelt ohne großen Protest. Die Kirchen können froh sein, wenn der Vormittag still bleibt. Die Gewerkschaften sorgen sich eher um die steuerfreien Zuschläge.
Ordination
Petra schreibt über Frauenordination. Höchst interessant und vielsagend finde ich in der ganzen Debatte übrigens die Doppeldeutigkeit des Wortes Ordination: Im evangelisch-lutherischen Verständnis bedeutet es etwas anderes als im katholischen, weshalb gerade im deutschen Sprachraum eher von Priesterweihe die Rede ist, obwohl natürlich die Ordination gemeint ist.
Federazione dei Comunisti Anarchici
Die Föderation der anarchistischen Kommunisten hat auch etwas zur Papstwahl zu sagen. Schon sehr lustig, wie sich weitreichende Ahnungslosigkeit in der Sache mit der Pose der eigenen Allwissenheit verbindet. (Die schärfsten Kritiker der Elche sind meistens selber welche.) Diese im Gefolge von 1968 weitverbreitete Haltung hat sich ja heute nur noch in ganz wenigen abseitigen Biotopen gehalten. Aber an einem Punkt trifft der Bund ins Schwarze:
„Die frömmlerischen Meinungsmacher haben jetzt mit ein bißchen Verwirrung gesehen, wie ihre Glorienträume zusammengebrochen sind. Sie kommen uns griesgrämig vor wie Kinder, denen ein neues Spielzeug verweigert worden ist.“
Der Vollständigkeit halber sei noch nachgetragen, dass die Pressemitteilung schon vom 19. April datiert. Auch anarchistische Kommunisten betreiben offenbar heutzutage eine reaktionsschnelle Öffentlichkeitsarbeit.
Papst-Zeit
Auch die zweite Ausgabe der Zeit nach der Wahl Benedikts XVI. bringt relativ viel Papst ins Haus: Elisabeth von Thadden eiert, eine weibliche Perspektive einnehmend, ziemlich herum. Jan Ross verhilft den Büchern Joseph Ratzingers zu weiterem Abverkauf:
Das Europäische, wie Benedikt XVI. es liebt und gefährdet sieht, ist das Miteinander von Vernunft und Glaube – die kunstvollen Ideenkathedralen der Theologie, die strengen und gerade nicht orgiastisch ausufernden Formen des Gottesdienstes (dem Geist der Liturgie hat Ratzinger ein eindringliches Buch gewidmet), ein christliches Ethos, das sich die apokalyptische Revolutionsschwärmerei verbietet (daher der Widerstand gegen die marxistisch inspirierte Befreiungstheologie). Dass Religion und Vernunft zusammengehören, dass sie sich wechselseitig »reinigen« und »heilen« müssen, weil der Glaube sonst fundamentalistisch eng und die Vernunft materialistisch leer wird – das ist ein, vielleicht das Leitmotiv im Denken des neuen Papstes.
[via Perlentaucher]
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Neoliberalismus
Nun habe ich hier ja kein allgemeinpolitisches Mandat. Dennoch möchte ich dieses Zitat aus einem Kommentar der taz von gestern meinen Lesern nicht vorenthalten:
Sollte das Wachstum nicht bald anziehen, steht ein ideologischer Verlierer schon fest: der Neoliberalismus. Wer die realen Verlierer im Verteilungskampf sein werden, ist hingegen unklar. Denn Kapitalismus ohne Wachstum – das ist historisch so neu, dass alle Parteien überfordert sind. Sehr beunruhigend.
[via Deutschlandfunk/Presseschau]
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Benedikt und Teilhard
Es ist noch nicht lange her, dass sich der Todestag von Pierre Teilhard de Chardin zum fünfzigsten Male jährte. Ich hatte damals, als kaum einer (mich eingeschlossen) an Benedikt XVI. dachte, ein Chardin-Zitat seitens Joseph Ratzingers ausgegraben. Gestern ist nun mein Exemplar der Einführung in das Christentum eingetroffen. Und just berichtet Theodor Frey in seinem neuen Blog Benedikt XVI. ausführlich über erste Resultate seiner Lektüre eben dieses Buches: Der Theologe Ratzinger bezieht sich auf Teilhard de Chardin. Hätt‘ ich doch mehr Zeit zum Lesen!
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Theosophie
Diese Variante zeitgenössischen Denkens muss bislang erfolgreich einen Bogen um mich gemacht haben. Man tut der Theosophie wohl nicht Unrecht, wenn man sie ins Spektrum der Esoterik einordnet. (Interessant übrigens, wie nahe der einschlägige Artikel in der Wikipedia an der Website der Theosophischen Gesellschaft liegt.)
Heute vor 90 Jahren starb der Komponist Alexander Skrjabin, dessen musikalisches Werk unter dem Einfluss der Theosophie entstand. Der Deutschlandfunk erinnert an ihn:
Drei Symphonien, die zwischen 1900 und 1905 entstehen, bereiten das Poéme de l’extase für Orchester vor, in dem sich eine völlig neue Klangwelt manifestiert – so wie die Theosophie auch Skrjabins Gedankenwelt verändert hat. Er versteht sich als neuer Prometheus, der alle schöpferischen Kräfte des Lebens in sich trägt. In Gedichten und Tagebuch-Notizen hält er seine Ideen fest.
Ich bin tätig – ich bin in Zeit und Raum. Ich will leben. Ich will schaffen. Ich will siegen. Die Welt sucht Gott. Ich suche mich. Ich bin Gott, der dein Bewusstsein durch die Kraft meines freien schöpferischen Aktes hervorgebracht hat. Die Welt lebt in meinem Bewusstsein, als mein Schöpfungsakt.
Rüge
Harry Nutt rügt Jürgen Rüttgers (in der FR):
„Rüttgers Gerede von der Überlegenheit des christlichen Glaubens ist so gesehen Ausdruck einer Irritation angesichts der gegenwärtigen Hypertrophie des Religiösen. Eine Überlegenheit feststellen kann nur der, der vergleicht. Der Gläubige aber, der vergleicht, ist sich seines Glaubens bereits nicht mehr sicher. Er lebt mit der ständigen Ungewissheit, dass der Glaube der anderen der bessere sein könnte.“
Moment mal! Selbstverständlich tut er das. Wer kann sich seines Glaubens schon sicher sein? Der Zweifel ist die Kehrseite der Medaille. Ohne Zweifel kein Fortschritt im Glauben. Aber, und da sind wir jetzt ganz nah bei Benedikt XVI., muss sich der Glauben gegenüber der Vernunft ausweisen, ja als vernünftig erweisen. Und das kann er auch. Christian Schlüter schrieb dazu, ebenfalls in der Rundschau:
„Ratzinger stellt die Vernunft vor den Glauben. Erfahrungswissen und Skepsis sind ihm die einzig angemessenen Mittel, um sich des Aberglaubens, des mythischen Wissens zu erwehren (an diesem Punkt offenbart sich auch die Verpflichtung auf Augustinus, über den Ratzinger seine Dissertation schrieb). Die Grenzen der Aufklärung sieht der Theologe allein in der ‚Verabsolutierung‘ der Vernunft: ‚Wir müssen den Traum der absoluten Autonomie der Vernunft und ihrer Selbstgenügsamkeit verabschieden.‘ Die mit absoluten Ansprüchen einhergehende Maßlosigkeit sieht er in Teilen der Aufklärung, vor allem bei Rousseau angelegt, in dessen Ideal völliger Herrschaftsfreiheit.“
Skepsis, lieber Harry Nutt, muss also nicht zermürbend sein. Weiter in seinem Text:
„Nicht zuletzt, um dieser zermürbenden Skepsis beizukommen, hat die Moderne über Jahrhunderte hinweg den Gedanken der Toleranz entwickelt. Wenn sie gelingt, gewährt sie nicht nur Frieden, sondern kann auch zur Entlastung von eigenen Zweifeln beitragen. Es ist letztlich die hohe Kunst des anything goes, gleich gültige Passionen anzuerkennen und auszuhalten.“
Stop! Wie verwaschen ist denn dieser Toleranzbegriff? Toleranz dient der Bewältigung von Skepsis? Weil ich zweifle, toleriere ich – ja, was denn? Alles ist gleich gültig – also gleichgültig?
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