Bildung statt Reform

Aus Sacrosanctum Concilium:

Die Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk, „das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, der heilige Stamm, das Eigentumsvolk“ (1 Petr 2,9; vgl. 2,4-5) kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist. Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen. Darum ist sie in der ganzen seelsorglichen Arbeit durch gebührende Unterweisung von den Seelsorgern gewissenhaft anzustreben. Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden. Darum ist es dringend notwendig, daß für die liturgische Bildung des Klerus gründlich gesorgt wird.

Den Hinweis verdanke ich Fr. Joseph Fessio, S.J. (Ignatius Insight), neulich zitiert von Scipio.

Ganz und gar akzeptabel

Klaus Berger, der alte Provokateur, wird in einem (schon anderswo annoncierten) Zenit-Interview auch zur Liturgie und zur Freigabe des Missale von 1962 gefragt und nutzt die Gelegenheit zu dieser kleinen Brandrede:

Die Sehnsucht nach der „Tridentinischen“ Messe ist deshalb so groß, weil diese Messform ein vollendetes Kunstwerk darstellt und keine Spielereien erlaubt. Man hat in den letzten Jahrzehnten die Messe zum Experimentierfeld gemacht und übersehen, dass Liturgie so etwas überhaupt nicht verträgt. Die Aufgabe des Latein war ein weiterer schwerer Fehler, gerade im Zeitalter der Globalisierung. Dadurch sind große Teile der Weltkirche provinzialisiert worden. Den Verlust vieler Formen des „Heiligen“ sehe ich als den zentralen Fehler an, dazu gehört auch die Aufgabe der Gregorianik. In einer Übergangsphase sollte der Papst die Feier der alten Messe unbeschränkt zulassen. Eigentlich fand ich den Zustand von 1962 ganz und gar akzeptabel. [kath.net]

Die Frage ist dann nur: Übergang wohin?

Marktwirtschaftliche Lösung

Spätestens mit dem Artikel von Paul Badde in der Welt hat das Thema eine gewisse Verbreitung in Deutschland gefunden – die (wahrscheinlich? womöglich?) bevorstehende Freigabe der Alten Messe durch ein päpstliches Dekret. Im fonolog zum Beispiel wird bereits diskutiert. Wenn ich richtig sehe, fasst Georg die Bedenken gegen diesen Schritt hier einigermaßen vollständig zusammen:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so weit gehen wird, die eigentlichen Vorsteher der Eucharistie in den Ortskirchen, die Bischöfe nämlich, (vgl. Ignatius von Antiochien) einfach zu desavouieren und ihre Letztverantwortung für diese Genehmigung zu übergehen;
aber er wird den bürokratischen Aufwand, der z.Z. dafür noch nötig ist sicher deutlich entschärfen;

Zu befürchten ist, dass manche „Elitetruppen“ innerhalb der Kirche nun meinen, „ihre Zeit“ sei gekommen. Allerdings glaube ich, dass diese Gruppen sehr bald erkennen werden, dass der Zulauf und die Begeisterung für den alten Ritus letztlich doch auf eine Minderheit beschränkt bleibt.

Nun war es gerade ein Problem der bisherigen Regelung, dass sie den Bischöfen einen Einfluss auf die Gestalt des römischen Ritus gab, der ihnen nicht zukommt. Denn – und das weiß Benedikt XVI. – es kann nur einen römischen Ritus geben, und über dessen konkrete Gestalt haben weder einzelne Bischöfe noch Bischofskonferenzen zu befinden. Fragen des Ritus gehen die ganze römische Kirche an. (Und deshalb ist es auch umso absurder, dass heute praktisch einzelne Priester oder auch Laien über die konkrete Gestalt des Ritus entscheiden.)

Das seit vierzig Jahren bestehende Problem, dass es de facto zwei solcher Riten gibt, von denen der eine nur unter fast grotesk zu nennenden Schwierigkeiten gefeiert werden kann, würde mit der nun diskutierten Regelung auf geradezu salomonische Weise gelöst: ein Ritus in zwei Formen, der gewöhnlichen (Missale 1970ff.) und der außergewöhnlichen (Missale 1962). Das scheint mir eine zugleich praktikable und liturgisch korrekte Lösung für ein schwerwiegendes Problem zu sein.

Sie macht auch den Weg frei für eine – horribile dictu! – längst überfällige Reformvision des Missale von 1962 und der übrigen vorkonziliaren liturgischen Bücher, um zum Beispiel einen einheitlichen liturgischen Kalender wiederherzustellen. Fragen wie diese können überhaupt erst wieder gestellt werden, wenn die Alte Messe (und mit ihr die gesamte Alte Liturgie) aus ihrem Schattendasein befreit werden.

Ob der Zulauf zur traditionellen lateinischen Messe tatsächlich ein Minderheitenphänomen bleiben wird, daran sind doch einige Zweifel erlaubt. Ein Berliner Beispiel spricht eine andere Sprache. Entscheidend dürfte mittelfristig sein, welchen Weg die junge Generation rechtgläubiger und liturgisch wohlinformierter Kapläne (die es zweifelsfrei gibt) gehen wird. Werden sie die außergewöhnliche Form des lateinischen Ritus erlernen? Werden sie sie zelebrieren?

Den Rest regeln dann, ganz marktwirtschaftlich, Angebot und Nachfrage. Die Alte Messe hat sich in ihrem vierzigjährigen Exil als erstaunlich vital erwiesen. Wer weiß, ob sie nicht sogar neue Bewegung in erstarrte und schrumpfende Gemeinden bringt? Auf jeden Fall würde mit einer Freigabe die Absonderung in randständige Traditionalistenclübchen aufgebrochen, und allein das ist eine gute Sache.

Na, und ich habe gut reden – von hier aus sind es über 150 Kilometer zur nächsten traditionellen lateinischen Messe… Ich muss ergänzen: …die in Einheit mit dem Papst gefeiert wird. Denn nach Hamburg ist es nicht so weit.

In Transfiguratione Domini

transfiguratione.png

Als kleinen Nachtrag zur rätselhaften Ergänzung der Oration von Verklärung des Herrn habe ich hier mal die Oratio aus dem alten Missale [PDF, 16 MB] abgedruckt. Wenn es der Wahrheitsfindung dient. Zum Vergleich hier nochmal der Text aus dem Schott:

Allmächtiger Gott,
bei der Verklärung deines eingeborenen Sohnes
hast du durch das Zeugnis der Väter
die Geheimnisse unseres Glaubens bekräftigt.
Du hast uns gezeigt, was wir erhoffen dürfen,
wenn unsere Annahme an Kindes statt
sich einmal vollendet.
Hilf uns, auf das Wort deines Sohnes zu hören,
damit wir Anteil erhalten an seiner Herrlichkeit.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Sinnfrage

Das heutige Tagesgebet wurde mir wie folgt ergänzt zu Gehör gebracht:

Allmächtiger Gott,
bei der Verklärung deines eingeborenen Sohnes
hast du durch das Zeugnis der Mütter und Väter
die Geheimnisse unseres Glaubens bekräftigt.
Du hast uns gezeigt, was wir erhoffen dürfen,
wenn unsere Annahme an Kindes statt
sich einmal vollendet.
Hilf uns, auf das Wort deines Sohnes zu hören,
damit wir Anteil erhalten an seiner Herrlichkeit.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Gibt es unter den geschätzten Lesern dieses Notizbuches jemanden, der mir den Sinn dieser Ergänzung erläutern kann? Ich verstehe ihn nicht.