Kapitalismuskritik

Was mir an der aktuellen Debatte am meisten gefällt, ist ihr Name. Ohne Umschweife wird hier der Kapitalismus beim Namen genannt – und im Grunde genommen für seine pure Existenz kritisiert.

(Das ist übrigens eine Figuration, die sich auch in der Kirchenkritik wiederfindet: Viele Kirchenkritiker kritisieren die katholische Kirche dafür, dass sie katholisch und Kirche ist.)

Aber war nicht bislang immer von (sozialer) Marktwirtschaft die Rede? Und signalisierte das Wort Kapitalismus nicht etwa, dass sein Verwender sich gerade anschickte, den Boden der FDGO zu verlassen?

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.

Wende

Mariam Lau hatte jüngst in ihrer Empörung über die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst von einem Gang nach Canossa geschwafelt, den Jürgen Habermas mit seinem Ratzinger-Treffen im Januar 2004 angetreten habe. Aber die Harald-Schmidt-Biografin ist nicht die einzige, der die Perspektiven etwas verrutscht sind.

Zur Erhellung trägt ein Beitrag von Axel Bohmeyer bei, den er im April 2004 für sciencegarden.de verfasst hat:

Die Friedenspreisrede und das als Bekehrungsversuch gedeutete Gespräch in der Münchner Akademie fügen der früheren Habermasschen Position […] inhaltlich nichts Neues hinzu.

Ob allerdings Bohmeyers Deutung der Intention Ratzingers zutrifft?

Das Zusammentreffen mit dem obersten Glaubenshüter hat eine gewisse Signalwirkung. Ratzinger bescheinigt dem Habermasschen Denken im gewissen Sinne die theologische Unbedenklichkeit.

Kinderwunsch

„Kinder bekommen die Leute sowieso“, gab Konrad Adenauer zurück, als ihm vorgehalten wurde, die umlagefinanzierte Rentenversicherung prämiere Kinderlosigkeit. Knapp 50 Jahre später sind die Folgen dieser epochalen Fehleinschätzung deutlich zu spüren. Wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass Kinderlosigkeit zum Normalfall und Elternschaft rechtfertigungspflichtig wird.

Deutlicher als durch den demographischen Niedergang kann das kollektive Nein zur Zukunft des eigenen Landes und die Verweigerung einer nachhaltigen Einstellung zum Leben nicht ausgedrückt werden. Eine gestern veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) belegt die Katastrophe mit dramatischen Zahlen:

Mehr als elf Prozent der befragten Frauen in Ost und West wünschen sich demnach keine Kinder, bei den Männern beträgt der Wert sogar 26 Prozent. Von den 20 bis 39 Jahre alten Kinderlosen zeigte sich mehr als ein Drittel zufrieden mit diesem Zustand: „Das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit”, so resümieren die Forscher, „hat sich ausgebreitet.”

Auch die gewünschte Kinderzahl ist seit Anfang der neunziger Jahre deutlich gesunken. Das nennen die Demographen „ein unerwartetes Ergebnis”. Planten deutsche Paare 1992 im Durchschnitt noch zwei Kinder, ist dieser Wert nach der aktuellen Studie auf 1,7 gesunken – der Wunsch und die Realität von 1,4 Kindern pro Frau nähern sich damit an. In der Studie heißt es: „Die so häufig zitierte Spanne zwischen tatsächlicher Kinderzahl und dem gewünschten Nachwuchs, auf der viele familienpolitische Hoffnungen ruhen, gibt es nicht mehr.” (FAZ)

Hier geht es längst nicht mehr um eine angesichts globaler Überbevölkerung wünschenswerte Korrektur, wie auch Leute meinen, die es besser wissen müssten. Ein ganzes Land und eine ganze Gesellschaft haben ihre Fähigkeit verloren, ihren eigenen Fortbestand zu sichern.

So viel könnten wir wirklich von der Evolutionstheorie lernen, um zu verstehen, was das heißt.

Philippus und Jakobus


Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
Joh 14,8-10

Gelassenheit

„Der Herr gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Friedrich Christoph Oetinger (aus Wikiquote)

Gelegentlich müssen hier auch Banalitäten notiert werden.

Rushdie

Momentan befinde ich mich, verursacht durch die Lektüre meiner jüngsten Neuerwerbung, im Ratzinger-Modus. Da kommt mir Salman Rushdie gerade recht. Aus einem Interview mit der Welt („Ich fürchte die Macht des Glaubens“):

„Die Welt: Was bedeutet Ihnen Religion?

Rushdie: Für mich als Person war Religion nie wichtig. Ich habe wirklich Angst vor der Macht des Glaubens heutzutage. Keine Angst um meiner selbst willen, sondern weil ich glaube, daß dies schlecht für die Gesellschaft ist. Meiner Meinung nach kann die Religion die Fragestellungen der modernen Welt nicht beantworten. Wir brauchen subtile, schnelle und flexible Antworten in dieser Welt, die sich so rapid verändert wie noch nie zuvor. Die Religionen behaupten von sich natürlich, sie seien eine rein persönliche, innere Angelegenheit. Das ist jedoch falsch. Die Sturheit zu sagen, ’so ist etwas und es ist auch schon immer so gewesen und es wird auch in Zukunft so sein‘ ist nicht die angemessene Art, die Welt von heute zu betrachten.“

Die Religionen behaupten natürlich nicht, eine rein persönliche, innere Angelegenheit zu sein. Ganz im Gegenteil – diese Zuschreibung ist erst ein Resultat der Säkularisierung und des Protestantismus. Dass sie falsch ist, erkennt Rushdie scharfsichtig. Die Frage ist: Gibt es eine unveräußerliche Menschenwürde oder gibt es sie nicht? Rushdie scheint das Beharren darauf als Sturheit abbuchen zu wollen. (Das wird übrigens auch an seiner Bewertung des Lebensendes von Theresa Schiavo deutlich.) Ich neige eher der Ansicht Ratzingers zu, der die großen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts auch in Relativierung und Veräußerung von Menschenwürde und Menschenrechten wurzeln sieht.

Athanasius


Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast dem heiligen Bischof Athanasius
den Geist der Kraft und der Stärke verliehen,
so dass er die Lehre von der wahren Gottheit
deines Sohnes unerschrocken verteidigte.
Höre auf die Fürsprache dieses heiligen Bekenners.
Hilf uns, an der Botschaft festzuhalten,
die er verkündet hat,
und gib, dass wir unter seinem Schutz
dich tiefer erkennen und inniger lieben.

Metz

Theodor Frey verdanke ich den Hinweis (dort mehr) auf ein Interview mit Johann Baptist Metz in der Wochenendausgabe der Süddeutschen. Auszüge:

SZ: Warum sieht man Ratzinger ausgerechnet in Deutschland so kritisch, nennt ihn gar einen Fundamentalisten?

Metz: Durch die „Liberalisierung“ der Theologie bei uns, die häufig provinzieller wirkt, als sie sich selbst eingestehen mag, hat ein ohnehin historisch angestauter antirömischer Affekt noch zugenommen. Aus diesen Grabenkämpfen mit Rom herauszukommen, war übrigens das Motiv meiner Mitarbeiter, als sie 1998 Ratzinger nach Ahaus einluden.

Benedikt XVI. ist kein Fundamentalist, denn Fundamentalisten reflektieren ihre Überzeugungen nicht. Die, die ihn einen Fundamentalisten nennen, sind vermutlich in seinen Augen selbst solche — Fundamentalisten der Beliebigkeit, gehorsam jener „Diktatur des Relativismus“, die er in seiner Rede vor dem Konklave anprangerte. Treffender scheint es mir jedoch, von einem „süßen Gift“ des Relativismus zu sprechen. Dieses Gift will immer mehr unsere Bereitschaft lähmen, etwas für so lebenswichtig, ja für so heilig zu halten, dass wir es weder im modernen Diskurs noch im postmodernen Pluralismus der Stimmen und Stimmungen zur Disposition stellen. […]

SZ: Ihr bekanntestes Wort ist wohl jenes von der „Gotteskrise“. Heute spricht man oft von einer Renaissance des Glaubens. Ist die Gotteskrise Geschichte?

Metz: Die Gotteskrise ist nicht identisch mit einer Religionskrise, sie ist sogar oft in eine religionsfreundliche Atmosphäre getaucht: Religion als Stimmung wird bejaht, Gott als Anspruch aber verneint. Auch diese Verneinung ist dann aber nicht kategorisch gemeint wie noch im Sinne der großen, leidenschaftlichen Atheismen. Der Atheismus in Zeiten der Gotteskrise ist banal geworden.