Heil

Fachbegriffe des Christentums, zweite Lieferung.

Was heil ist, ist nicht kaputt. Kinder wissen das, wenn sie mit ihrem zerbrochenen Spielzeug zum Vater kommen und ihn fragen, ob er das wieder heil machen kann. Oft kann er das, oft auch nicht.

Auch Menschen können kaputt sein: erschöpft, ausgelaugt, am Boden, am Ende. So ein Menschenleben ist nicht so leicht wieder ganz zu machen. Je schwerer der Schaden, desto weniger genügt die eigene Kraft – andere Menschen müssen zu Hilfe kommen.

Das Wort Heil ist in der deutschen Sprache seit sechzig Jahren verbrannt. Wer es noch in den Mund nimmt, riskiert Missverständnisse. Mit Faschismus und Kommunismus sind zwei Versuche atheistischer Regimes gescheitert, ohne Gott das Heil auf Erden zu verwirklichen. Heil in Vollendung, perfektes Heil gibt es nur in Gott, bei Gott und durch Gott. Was heilig ist, ist ungebrochen, ganz, vollendet.

Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, heißt es im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel über Jesus Christus, den einen Herrn. Das Heil ist der ganze Sinn, der einzige Zweck und das letzte Ziel des Christentums, der Anspruch, den die Kirche an sich selbst stellt und an dem sie sich messen lassen muss.

Heilige sind Menschen, von denen wir uns sicher sein können, dass sie das Heil in Vollendung erreicht haben. Sie sind am Ziel, das wir noch anstreben, und können deshalb Vorbilder für uns sein.

Ach so, was uns am Heil hindert, ist die Sünde.

Heinz Rudolf Kunze

Von ihm, zahlendes Mitglied der evangelischen Kirche, hat sich der Evangelische Kirchentag sein offizielles Lied anfertigen lassen. Heinz Rudolf Kunze im Interview:

„Wenn es darum geht, die Sehnsucht zu befriedigen und die Seele anzusprechen, liegt die katholische Kirche eindeutig vorn.“ Der Sänger befürchtet, daß die evangelische Kirche „irgendwann von der katholischen Kirche geschluckt“ wird, „wenn die Protestanten keine Wende zum Geheimnis vollziehen“. Sollte sich die evangelische Kirche „vor lauter Aufklärung“ in eine reine Sozialarbeit auflösen, werde sie nicht mehr gebraucht.“

Rücknahme ins Subjektive

Das Kirchenbewusstsein ist aber auch bei Katholiken relativiert. Sie können weithin nicht mehr annehmen, dass die katholische Kirche ihnen wirklich die Bürgschaft der Wahrheit ist. Und vor allen Dingen ist die Sicht des Sakraments auf beiden Seiten sehr unscharf geworden. Mit der Leuenburger Konkordie haben die Protestanten erst vor dreißig Jahren mühsam eine Kommuniongemeinschaft gefunden, wobei die Lutheraner ihren Glauben an die Realpräsenz ins zweite Glied zurückstellen mussten. Das ist schon ein bedeutsamer Vorgang, dass man etwas, was bisher grundlegend war, ins Subjektive zurücknimmt und damit sowohl den eigenen Glauben wie die äußere Gestalt relativiert. Da ist sowohl auf der protestantischen als auch der katholischen Seite eine Grundbesinnung darüber nötig, was das Sakrament ist, wie es recht gefeiert wird, was die Bedingungen dafür sind und wie Einheit eine wirkliche Einheit und nicht eine Reduktion sein kann, die das Sakrament dann selber herabstuft.
Joseph Ratzinger (2003) im Interview mit der Tagespost

Zerfall des Kirchenbewusstseins

Die Krise der Kirche ist die ganz konkrete Gestalt dieser Bewusstseins- und Glaubenskrise. Die Kirche erscheint nicht mehr als die lebendige Gemeinschaft, die von Christus selber herkommt und uns verbürgt, was Christus sagt, uns damit auch die geistige Heimat und die innere Gewissheit gibt, dass der Glaube wahr ist. Aber heute erscheint sie als eine Gemeinschaft unter vielen anderen: Es gibt viele Kirchen, wird jeder sagen, und es wäre menschlich unanständig, die eigene als die bessere anzusehen. Schon der menschliche Anstand gebietet einem also, die eigene so relativ zu sehen, wie man alle anderen auch sehen muss. Dann sind es also soziologische Zufallsgebilde, die unvermeidbar waren, aber die uns nicht mehr das Bürgnis geben: „Da bist du recht zu Hause“. Dieser Zerfall des Kirchenbewusstseins, der natürlich auch wieder mit dem ganzen Diktat der geistigen Situation von heute zusammenhängt und der konkrete Anwendungsfall davon ist, ist sicher ein Hauptgrund dafür, dass uns das Wort nicht mit Autorität erreicht, sondern wir allenfalls sagen: Da ist Schönes dran, aber ich muss mir selber aussuchen, was ich richtig finde.
Joseph Ratzinger (2003) im Interview mit der Tagespost

Bibelfundamentalismus

Und wieder trägt Erich, erneut mit einem Zitat von Joseph Ratzinger (2003), indirekt zu unserer Debatte bei:

„Es ist ja sehr bezeichnend, dass sich im Protestantismus die fundamentalistischen Gemeinschaften gebildet haben, die diesen Auflösungstendenzen entgegentreten und den Glauben durch Ablehnung der historisch-kritischen Methode integral wieder erhalten wollten. Dass heute die fundamentalistischen Gemeinschaften wachsen, weltweit Erfolg haben, während die mainstream-churches in einer Überlebenskrise stehen, zeigt die Größe des Problems an.

In vieler Hinsicht haben wir Katholiken es da besser. Für die Protestanten, die nun den exegetischen Strom nicht annehmen wollten, blieb eigentlich nur der Rückzug, die Wörtlichkeit der Bibel zu kanonisieren, sie für unverhandelbar zu erklären. Die katholische Kirche hat sozusagen einen größeren Raum, insofern die lebendige Kirche der Raum des Glaubens ist, der einerseits Grenzen absteckt, der andererseits aber auch eine Variationsbreite zulässt.“

Der Textauszug stammt aus einem absolut lesenswerten Interview mit der Tagespost.

Verschlossene Rückwege

Scipio zitiert Erik Peterson (aus dem Epilog zu seinem Briefwechsel mit Adolf Harnack von 1928):

Nimmt man jedoch seine Zuflucht zu dem Begriff einer spezifisch kirchlichen Öffentlichkeit, dann erhebt sich notwendigerweise die Forderung nach einer Dogmenbildung im Sinne des Katholizismus und nach einer dogmatischen Lehrautorität in der Kirche, was doch durch die protestantischen Voraussetzungen wiederum ausgeschlossen ist. Wenn es nun aber kein Dogma im echten Sinne in der protestantischen Kirche gibt, dann ist auch keine Theologie möglich. Denn es gibt keine Theologie ohne Dogmatik und keine Dogmatik ohne Dogma.

Ja, das Dogma. Sperrig steht es da im kirchlichen Raum, als Stein des Anstoßes. Mit schlechtem Ruf, denn dogmatisch möchte doch niemand mehr sein, da anything goes. Und es offenkundig rechtfertigungspflichtig geworden ist, dem Relativismus zu widersprechen.

Revision

Ausgangspunkt der jüngsten heißen Debatten war meine angesichts der theologischen Position von Matthias Kroeger aufgestellte These, der Protestantismus sei nach knapp fünfhundert Jahren endgültig erledigt:

Seine ursprünglichen Anliegen sind erfüllt, seine intellektuelle Kraft erschöpft. Was bleibt, ist nur noch Häresie. Wäre nicht 2017 ein guter Termin, die Reformation ad acta zu legen?

Bis 2017 ist noch genug Zeit zur Revision. Beginnen möchte ich mit dem Gründungsdokument der lutherischen Reformation, den 95 Thesen. An jeder einzelnen These müsste sich aufweisen lassen, ob ihr Anliegen erfüllt oder sie eindeutig dem Bereich der Häresie zuzuordnen ist. Diese Revision wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen, zumal ich ja auch noch eine andere Artikelserie in petto habe.

Der Thesentext beginnt mit einer programmatischen Aussage:

Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. [Hervorhebung von mir]

Also, disputieren wir!

95 Thesen

Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.

1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
2. Dieses Wort kann nicht von der Buße als Sakrament – d. h. von der Beichte und Genugtuung -, die durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.
3. Es bezieht sich nicht nur auf eine innere Buße, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.
4. Daher bleibt die Strafe, solange der Haß gegen sich selbst – das ist die wahre Herzensbuße – bestehen bleibt, also bis zum Eingang ins Himmelreich.
5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.
6. Der Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, daß er sie als von Gott erlassen erklärt und bezeugt, natürlich kann er sie in den ihm vorbehaltenen Fällen erlassen; wollte man das geringachten, bliebe die Schuld ganz und gar bestehen.
7. Gott erläßt überhaupt keinem die Schuld, ohne ihn zugleich demütig in allem dem Priester, seinem Stellvertreter, zu unterwerfen.
8. Die kirchlichen Bestimmungen über die Buße sind nur für die Lebenden verbindlich, den Sterbenden darf demgemäß nichts auferlegt werden.
9. Daher handelt der Heilige Geist, der durch den Papst wirkt, uns gegenüber gut, wenn er in seinen Erlassen immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt.
10. Unwissend und schlecht handeln diejenigen Priester, die den Sterbenden kirchliche Bußen für das Fegefeuer aufsparen.
11. Die Meinung, daß eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe schliefen.
12. Früher wurden die kirchlichen Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam als Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Reue.
13. Die Sterbenden werden durch den Tod von allem gelöst, und für die kirchlichen Satzungen sind sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.
14. Ist die Haltung eines Sterbenden und die Liebe (Gott gegenüber) unvollkommen, so bringt ihm das notwendig große Furcht, und diese ist um so größer, je geringer jene ist.
15. Diese Furcht und dieser Schrecken genügen für sich allein – um von anderem zu schweigen -, die Pein des Fegefeuers auszumachen; denn sie kommen dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe.
16. Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und Sicherheit.
17. Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens.
18. Offenbar ist es auch weder durch Vernunft- noch Schriftgründe erwiesen, daß sie sich außerhalb des Zustandes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder in dem die Liebe zunehmen kann.
19. Offenbar ist auch dieses nicht erwiesen, daß sie – wenigstens nicht alle – ihrer Seligkeit sicher und gewiß sind, wenngleich wir ihrer völlig sicher sind.
20. Daher meint der Papst mit dem vollkommenen Erlaß aller Strafen nicht einfach den Erlaß sämtlicher Strafen, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat.
21. Deshalb irren jene Ablaßprediger, die sagen, daß durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde.
22. Vielmehr erläßt er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen Satzungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen.
23. Wenn überhaupt irgendwem irgendein Erlaß aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiß allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.
24. Deswegen wird zwangsläufig ein Großteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen und großsprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht.
25. Die gleiche Macht, die der Papst bezüglich des Fegefeuers im allgemeinen hat, besitzt jeder Bischof und jeder Seelsorger in seinem Bistum bzw. seinem Pfarrbezirk im besonderen.
26. Der Papst handelt sehr richtig, den Seelen (im Fegefeuer) die Vergebung nicht auf Grund seiner – ihm dafür nicht zur Verfügung stehenden – Schlüsselgewalt, sondern auf dem Wege der Fürbitte zuzuwenden.
27. Menschenlehre verkündigen die, die sagen, daß die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald das Geld im Kasten klingt.
28. Gewiß, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.
29. Wer weiß denn, ob alle Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise beim heiligen Severin und Paschalis nicht der Fall gewesen sein soll.
30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.
31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.
32. Wer glaubt, durch einen Ablaßbrief seines Heils gewiß sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.
33. Nicht genug kann man sich vor denen hüten, die den Ablaß des Papstes jene unschätzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.
34. Jene Ablaßgnaden beziehen sich nämlich nur auf die von Menschen festgesetzten Strafen der sakramentalen Genugtuung.
35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.
36. Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbrief.
37. Jeder wahre Christ, sei er lebendig oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche, von Gott ihm auch ohne Ablaßbrief gegeben.
38. Doch dürfen der Erlaß und der Anteil (an den genannten Gütern), die der Papst vermittelt, keineswegs geringgeachtet werden, weil sie – wie ich schon sagte – die Erklärung der göttlichen Vergebung darstellen.
39. Auch den gelehrtesten Theologen dürfte es sehr schwerfallen, vor dem Volk zugleich die Fülle der Ablässe und die Aufrichtigkeit der Reue zu rühmen.
40. Aufrichtige Reue begehrt und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig und lehrt sie hassen, wenigstens legt sie das nahe.
41. Nur mit Vorsicht darf der apostolische Ablaß gepredigt werden, damit das Volk nicht fälschlicherweise meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen.
42. Man soll die Christen lehren: Die Meinung des Papstes ist es nicht, daß der Erwerb von Ablaß in irgendeiner Weise mit Werken der Barmherzigkeit zu vergleichen sei.
43. Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablaß zu kaufen.
44. Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch Ablaß wird er nicht besser, sondern nur teilweise von der Strafe befreit.
45. Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und statt dessen für den Ablaß gibt, kauft nicht den Ablaß des Papstes, sondern handelt sich den Zorn Gottes ein.
46. Man soll die Christen lehren: Die, die nicht im Überfluß leben, sollen das Lebensnotwendige für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablaß verschwenden.
47. Man soll die Christen lehren: Der Kauf von Ablaß ist eine freiwillige Angelegenheit, nicht geboten.
48. Man soll die Christen lehren: Der Papst hat bei der Erteilung von Ablaß ein für ihn dargebrachtes Gebet nötiger und wünscht es deshalb auch mehr als zur Verfügung gestelltes Geld.
49. Man soll die Christen lehren: Der Ablaß des Papstes ist nützlich, wenn man nicht sein Vertrauen darauf setzt, aber sehr schädlich, falls man darüber die Furcht Gottes fahrenläßt.
50. Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablaßprediger wüßte, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als daß sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.
51. Man soll die Christen lehren: Der Papst wäre, wie es seine Pflicht ist, bereit – wenn nötig -, die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen Teil jener zu geben, denen gewisse Ablaßprediger das Geld aus der Tasche holen.
52. Auf Grund eines Ablaßbriefes das Heil zu erwarten ist eitel, auch wenn der (Ablaß-)Kommissar, ja der Papst selbst ihre Seelen dafür verpfändeten.
53. Die anordnen, daß um der Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in den umliegenden Kirchen völlig zum Schweigen komme, sind Feinde Christi und des Papstes.
54. Dem Wort Gottes geschieht Unrecht, wenn in ein und derselben Predigt auf den Ablaß die gleiche oder längere Zeit verwendet wird als für jenes.
55. Die Meinung des Papstes ist unbedingt die: Wenn der Ablaß – als das Geringste – mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert wird, sollte das Evangelium – als das Höchste – mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Gottesdiensten gepredigt werden.
56. Der Schatz der Kirche, aus dem der Papst den Ablaß austeilt, ist bei dem Volke Christi weder genügend genannt noch bekannt.
57. Offenbar besteht er nicht in zeitlichen Gütern, denn die würden viele von den Predigern nicht so leicht mit vollen Händen austeilen, sondern bloß sammeln.
58. Er besteht aber auch nicht aus den Verdiensten Christi und der Heiligen, weil diese dauernd ohne den Papst Gnade für den inwendigen Menschen sowie Kreuz, Tod und Hölle für den äußeren bewirken.
59. Der heilige Laurentius hat gesagt, daß der Schatz der Kirche ihre Armen seien, aber die Verwendung dieses Begriffes entsprach der Auffassung seiner Zeit.
60. Wohlbegründet sagen wird, daß die Schlüssel der Kirche – die ihr durch das Verdienst Christi geschenkt sind – jenen Schatz darstellen.
61. Selbstverständlich genügt die Gewalt des Papstes allein zum Erlaß von Strafen und zur Vergebung in besondern, ihm vorbehaltenen Fällen.
62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
63. Dieser ist zu Recht allgemein verhaßt, weil er aus Ersten Letzte macht.
64. Der Schatz des Ablasses jedoch ist zu Recht außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht.
65. Also ist der Schatz des Evangeliums das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing.
66. Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt.
67. Der Ablaß, den die Ablaßprediger lautstark als außerordentliche Gnaden anpreisen, kann tatsächlich dafür gelten, was das gute Geschäft anbelangt.
68. Doch sind sie, verglichen mit der Gnade Gottes und der Verehrung des Kreuzes, in der Tat ganz geringfügig.
69. Die Bischöfe und Pfarrer sind gehalten, die Kommissare des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.
70. Aber noch mehr sind sie gehalten, Augen und Ohren anzustrengen, daß jene nicht anstelle des päpstlichen Auftrags ihre eigenen Phantastereien predigen.
71. Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht.
72. Aber wer gegen die Zügellosigkeit und Frechheit der Worte der Ablaßprediger auftritt, der sei gesegnet.
73. Wie der Papst zu Recht seinen Bannstrahl gegen diejenigen schleudert, die hinsichtlich des Ablaßgeschäftes auf mannigfache Weise Betrug ersinnen,
74. So will er viel mehr den Bannstrahl gegen diejenigen schleudern, die unter dem Vorwand des Ablasses auf Betrug hinsichtlich der heiligen Liebe und Wahrheit sinnen.
75. Es ist irrsinnig zu meinen, daß der päpstliche Ablaß mächtig genug sei, einen Menschen loszusprechen, auch wenn er – was ja unmöglich ist – der Gottesgebärerin Gewalt angetan hätte.
76. Wir behaupten dagegen, daß der päpstliche Ablaß auch nicht die geringste läßliche Sünde wegnehmen kann, was deren Schuld betrifft.
77. Wenn es heißt, auch der heilige Petrus könnte, wenn er jetzt Papst wäre, keine größeren Gnaden austeilen, so ist das eine Lästerung des heiligen Petrus und des Papstes.
78. Wir behaupten dagegen, daß dieser wie jeder beliebige Papst größere hat, nämlich das Evangelium, „Geisteskräfte und Gaben, gesund zu machen“ usw., wie es 1. Kor. 12 heißt.
79. Es ist Gotteslästerung zu sagen, daß das (in den Kirchen) an hervorragender Stelle errichtete (Ablaß-) Kreuz, das mit dem päpstlichen Wappen versehen ist, dem Kreuz Christi gleichkäme.
80. Bischöfe, Pfarrer und Theologen, die dulden, daß man dem Volk solche Predigt bietet, werden dafür Rechenschaft ablegen müssen.
81. Diese freche Ablaßpredigt macht es auch gelehrten Männern nicht leicht, das Ansehen des Papstes vor böswilliger Kritik oder sogar vor spitzfindigen Fragen der Laien zu schützen.
82. Zum Beispiel: Warum räumt der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten Not der Seelen willen – als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er doch unzählige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau einer Kirche willen – als aus einem sehr fadenscheinigen Grund -?
83. Oder: Warum bleiben die Totenmessen sowie Jahrfeiern für die Verstorbenen bestehen, und warum gibt er (der Papst) nicht die Stiftungen, die dafür gemacht worden sind, zurück oder gestattet ihre Rückgabe,wenn es schon ein Unrecht ist, für die Losgekauften zu beten?
84. Oder: Was ist das für eine neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, daß sie einem Gottlosen und Feinde erlauben, für sein Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser frommen und geliebten Seele willen erlösen sie diese nicht aus freigeschenkter Liebe?
85. Oder: Warum werden die kirchlichen Bußsatzungen, die „tatsächlich und durch Nichtgebrauch“ an sich längst abgeschafft und tot sind, doch noch immer durch die Gewährung von Ablaß mit Geld abgelöst, als wären sie höchst lebendig?
86. Oder: Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?
87. Oder: Was erläßt der Papst oder woran gibt er denen Anteil, die durch vollkommene Reue ein Anrecht haben auf völligen Erlaß und völlige Teilhabe?
88. Oder: Was könnte der Kirche Besseres geschehen, als wenn der Papst, wie er es (jetzt) einmal tut, hundertmal am Tage jedem Gläubigen diesen Erlaß und diese Teilhabe zukommen ließe?
89. Wieso sucht der Papst durch den Ablaß das Heil der Seelen mehr als das Geld; warum hebt er früher gewährte Briefe und Ablässe jetzt auf, die doch ebenso wirksam sind?
90. Diese äußerst peinlichen Einwände der Laien nur mit Gewalt zu unterdrücken und nicht durch vernünftige Gegenargumente zu beseitigen heißt, die Kirche und den Papst dem Gelächter der Feinde auszusetzen und die Christenheit unglücklich zu machen.
91. Wenn daher der Ablaß dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäß gepredigt würde, lösten sich diese (Einwände) alle ohne weiteres auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht.
92. Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: „Friede, Friede“, und ist doch kein Friede.
93. Wohl möge es gehen allen den Propheten, die den Christen predigen: „Kreuz, Kreuz“, und ist doch kein Kreuz.
94. Man soll die Christen ermutigen, daß sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten
95. und daß die lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.

Quelle: luther.de

Ökumene

Vom wahren Christenthum kündet derzeit eine Ausstellung in Jork. Ihren Titel hat sie von einer Schrift des „Erbauungstheologen“ und Celler Generalsuperintendenten Johann Arndt.

Seine Schrift „Vom wahren Christenthum“ ist das zentrale Erbauungsbuch der lutherischen Orthodoxie und in Altländer Haushalten in etlichen Exemplaren und Ausgaben vorhanden.

Zu Arndts Zeiten (er wurde vor 450 Jahren geboren) war noch völlig klar, dass der Protestantismus um die Wahrheit kämpfte – und gegen die Irrtümer des Katholizismus.

Und das erwarte ich auch heute vom ökumenischen Dialog: Dass alle Beteiligten darlegen, wie sie die Wahrheit sehen, was sie für die Wahrheit halten und warum sie das tun. Luther und Arndt kann man sicher nicht vorwerfen, nicht klar und deutlich gesagt zu haben, wofür und wogegen sie stehen.

Ich will die Wahrheit besser verstehen, und ich spreche den nicht-katholischen Kirchen von Rom getrennten Christen nicht pauschal ab, dass sie dazu beitragen können. Weil sie womöglich die Wahrheit besser verstehen als ich. Weil der Heilige Geist zweifelsohne weht, wo er will.

Dazu ist es allerdings notwendig, dass meine Dialogpartner ihr Verständnis von der Wahrheit darlegen – und sich nicht selbst dementieren, indem sie sagen, niemand verstehe die Wahrheit, deshalb könnten wir letztlich nicht erkennen, ob eine konkrete Glaubensaussage der Wahrheit entspricht oder nicht.

Diese Position halte ich für eine intellektuelle Bankrotterklärung. Sollte sie in den deutschen protestantischen Denominationen mehrheitsfähig sein, dann würde ich die deutsche Variante des Protestantismus in der Tat für erledigt halten. Das käme nämlich einer Selbstabschaffung gleich. Eine Kirche, die das, was sie lehrt, nicht mehr für die Wahrheit hält (unabhängig davon, ob sie darin irrt oder nicht), entzieht sich selbst die Existenzgrundlage.

Dreifaltigkeit


In jenen Tagen
stand Mose am Morgen zeitig auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der Herr aufgetragen hatte.
Der Herr aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen Jahwes aus.
Der Herr ging an ihm vorüber und rief: Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.
Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden.
Er sagte: Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch mein Herr mit uns. Es ist zwar ein störrisches Volk, doch vergib uns unsere Schuld und Sünde, und lass uns dein Eigentum sein!
Ex 34, 4b.5.-6.8-9