Justin der Märtyrer

Justin war ein Kirchenlehrer des 2. Jahrhunderts, der oft, auch wenn dies sachlich unstimmig erscheint, unter die Apologeten eingereiht wird. Seine Auffassung ist stark vom Platonismus beeinflusst und gilt daher als eigentlicher Beginn der Adaption griechischer Philosophie im Christentum, wenn auch schon das auf dem logos-Gedanken gegründete Evangelium des Johannes deutlich in diese Richtung weist. Justin, der als Sohn eines Priskos und Enkel eines Baccheios bezeichnet wird, wurde wahrscheinlich in Machusa (das nach der Zerstörung durch Vespasian dann Flavia Neapolis hieß) bei Sichem in Palästina geboren und wuchs in eher wohlhabenden Verhältnissen auf. Er entstammte einer heidnischen Familie, erlebte als Erwachsener wahrscheinlich in Ephesus seine Bekehrung und zog, weiterhin ohne sich um seinen Lebensunterhalt sorgen zu müssen, schließlich (ab 165) nach Rom. Dort geriet er in Auseinandersetzungen mit kynischen Philosophen Crescentius und wurde von diesem oder einem seiner Anhänger wahrscheinlich wegen seiner Lehren angezeigt.

Justin wurde so während der Regierungszeit des Kaisers Marc Aurel mit sechs anderen Christen verhaftet, im folgenden Prozess zu deren Wortführer und schließlich verurteilt und hingerichtet.

Die Gebeine Justins wurden zunächst in Rom als Reliquie verehrt, kamen um 850 in die bis heute erhaltene, karolingische Justinuskirche in Frankfurt-Höchst, von wo sie 1298 ins Kloster St. Alban in Mainz verbracht wurden. Von seinen vielen Schriften erhalten geblieben sind:

  • der Dialog mit dem Juden Trypho, der in der Form der platonischen Dialoge das Suchen des einstigen Heiden wiedergibt und ein wichtiges Zeugnis der frühen christlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum ist
  • zwei (wie vielleicht auch der Dialog) an Antoninus Pius gerichtete Apologien, die in teilweise forensisch anmutender, doch in Ton und Inhalt hartnäckiger Rhetorik die Sache des Christentums gegen ihre Gegner wie auch die gängigen Vorurteile zu verteidigen suchen.

Neben der Aufnahme der Philosophie in das Christentum wird mit Justin auch der Beginn der Auslegung der biblischen Schriften, vor allem des Alten Testamentes verbunden. Justin soll hier den Schriftbeweis bis hin in die umfangreiche Sammlung von Belegstellen und deren Katalogisierung hinein betrieben haben. Das hieran erwachende Interesse würde auch das Ende der Naherwartung der urchristlichen Gemeinde und den Beginn der »Verkirchlichung« bekunden. Eine im engeren Sinne theologische Lehre oder Dogmatik ist von Justin jedoch nicht überliefert. Die katholische Kirche verehrt Justin als Heiligen und Patron der Philosophen. Sein Gedenktag ist der 1. Juni.

Aus der Wikipedia

Logos

10.

Offenbar ist unser Glaube erhabener als jede menschliche Lehre, eben weil Christus, der unseretwegen erschienen ist, der ganze Logos ist, sowohl der Leib als auch der Logos und die Seele.

Sokrates schon, der unter jenen allen hierin der Entschiedenste war, wurde derselben Vergehen angeklagt wie wir. Man brachte gegen ihn vor, er führe neue Gottheiten ein, und er verwerfe die Götter, welche der Staat anerkenne.

“Den Vater und Schöpfer des Weltalls zu finden, ist nicht leicht; und wahrhaftig, nicht ungefährlich ist es, ihn vor allen zu verkünden, wenn man ihn gefunden hat.” All das hat unser Christus durch seine Macht zustande gebracht. Denn Sokrates hat niemand soweit geglaubt, daß er für seine Lehre in den Tod gegangen wäre; und doch hatte Sokrates Christus schon zum Teil erkannt.

War und ist er doch der Logos, der jedem innewohnt, der auch durch die Propheten und vor allem in eigener Person das Zukünftige vorher gesagt hat, als er unsere Menschennatur annahm und diese Lehre zu uns brachte!

Christus aber haben nicht allein Philosophen und Gelehrte geglaubt, nein, vielmehr auch Handwerker und ganz gewöhnliche Leute, und zwar mit Verachtung ihrer Ehre, ihrer Furcht und ihres Todes. So offenbart er sich als die Kraft des unnennbaren Vaters, als etwas ganz anderes gegenüber bloßen Gefäßen menschlicher Vernunft.

12.

Möchte doch jemand eine hohe Bühne besteigen und mit mächtiger Stimme herabrufen: “Schämt euch, schämt euch, das, was ihr offenkundig tut, auf Schuldlose zu schieben, und was euch und euren Göttern zugehört, solchen anzuhaften, die auch nicht das Geringste damit zu tun haben. Ändert euch, kommt zur Besinnung!”

13.

Als Christ befunden zu werden, das ist – ich gestehe es – der Gegenstand meines Gebets und meines angestrengten Ringens. Nicht als ob die Lehren Platos denen Christi fremd seien, sondern ich stelle nur fest, daß sie ihnen nicht in allem gleichkommen, wie ebenso wenig die jener anderen, der Stoiker, der Dichter und Geschichtsschreiber. Jeder von ihnen hat treffliche Aussprüche getan, soweit er Anteil an dem keimhaft ausgestreuten göttlichen Logos hat, und soweit er für das diesem Wesensverwandte ein Auge hat. Sie widersprechen sich aber in wesentlicheren Punkten. Sie zeigen also, daß sie es nicht zu einem weitblickenden Wissen, nicht zu einer unfehlbar klaren Erkenntnis gebracht haben. Was alles sich bei ihnen als gut gesagt findet, gehört uns Christen. Denn wir beten nächst Gott den Logos an, der vorn diesem ungezeugten und unnennbaren Gott ausgegangen ist, und wir lieben ihn, nachdem er unseretwegen Mensch geworden ist, um sogar an unseren Lieben teilzuhaben und uns dadurch Heilung zu schaffen. Alle jene Schriftsteller konnten kraft des ihnen innewohnenden, angeborenen Logoskeimes nur dämonenhaft das Wahre schauen. Denn der Keim einer Sache und das Nachbild einer Sache – je nach Empfänglichkeit verliehen – bleibt immer etwas ganz anderes als die Sache selbst.

Justinus: Zweite Apologie

Weisheit von oben

13 Wer von euch ist weise und verständig? Er soll in weiser Bescheidenheit die Taten eines rechtschaffenen Lebens vorweisen.
14 Wenn aber euer Herz voll ist von bitterer Eifersucht und von Ehrgeiz, dann prahlt nicht und verfälscht nicht die Wahrheit!
15 Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, eigennützige, teuflische Weisheit.
16 Wo nämlich Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art.
17 Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht.
18 Wo Frieden herrscht, wird (von Gott) für die Menschen, die Frieden stiften, die Saat der Gerechtigkeit ausgestreut.
Jak 3 (aus der Lesehore vom Mittwoch der 9. Woche im Jahreskreis)

Justinus

Als sie vor seinem Richterstuhl standen, sagte der Stadtpräfekt zu Justinus: „Mein erstes Wort: Gehorche den Göttern und unterwirf dich den Kaisern!“
Justinus: „Es kann nicht Gegenstand des Tadels und nicht der Gerichtsklage sein, wenn jemand den Geboten gehorcht, die unser Erlöser Jesus Christus gegeben hat.“
Rusticus: „Mit was für einer Sorte von Wissenschaft gibst du dich ab?“
Justinus: „Ich habe mich redlich bemüht, alle philosophischen Systeme kennenzulernen. Zuletzt habe ich meine Einsicht den allein wahren Lehren der Christen erschlossen. Das mag nun allerdings den philosophischen Lügenpropheten nicht sonderlich gefallen“
Rusticus: „Du hast demnach Spaß an derlei gelehrtem Zeug, du elender Wicht?“
Justinus: „Jawohl! Denn ich folge diesen Lehren in Kraft einer festen Überzeugung!“
Rusticus: „Was ist denn das für eine Überzeugung?“
Justinus: „Sie lautet: Wir verehren anbetend den Gott der Christen. Wir sind überzeugt, daß da ist ein einziger Gott, der am Uranfang die sichtbare und die unsichtbare Welt geschaffen und ausgestaltet hat. Wir glauben an Jesus als den Kyrios, wir glauben, daß Er der Gesalbte und das Kind Gottes ist, daß Er von den Propheten vorausverkündet wurde als der kommende Herold des Heils und als Lehrer seligmachender Wahrheiten für das ganze Menschengeschlecht.
Ich selbst bin zwar nur ein armer Mensch, und was ich denke, ist lächerlich klein, gemessen an seiner unermeßlichen Gottheit. Aber es gibt, so bekenne ich, eine prophetische Wortgewalt: und in ihr ist schon lange vor uns Kunde geschehen von demjenigen, den ich eben bekannt habe als Sohn Gottes. Ja, ich weiß es gewiß: Propheten haben seit uralten Zeiten schon im voraus verkündet, was jetzt bereits geschehen ist, seine königliche Ankunft inmitten von uns Menschen.“
Rusticus: „Wo haltet ihr eure Versammlungen ab?“
Justinus: „Wo gerade jeder kann oder mag. Du meinst gewiß, wir kämen stets am gleichen Ort zusammen, aber das ist falsch. Denn der Gott der Christen ist nicht auf einen bestimmten Ort eingeschränkt. Unsichtbar ist Er und erfüllt Erde und Himmel. Darum kann Er von seinen Getreuen überall angebetet und verherrlicht werden.“
Rusticus: „Gestehe es nur, wo kommt ihr zusammen? Wo versammelst du deine Schüler?“
Justinus: „Ich wohne zur Miete bei einem gewissen Martinus, im oberen Stockwerk des Timotinischen Badhauses, und zwar all die Zeit her, seitdem ich den zweiten dauernden Aufenthalt in der Stadt Rom genommen habe. Einen andern Versammlungsort als diesen kenne ich nicht. Wer immer sich meiner Führung anvertraute, dem teilte ich dort die Grundlehre der Wahrheit mit.“
Rusticus: „Kurz und gut – du bist also ein Christ?“
Justinus: „Jawohl. Ich bin ein Christ!“

Nun sagte der Stadtpräfekt zu Chariton: „Sage mir, Chariton, bist du auch ein Christ?“
Chariton: „Ich bin ein Christ. Gott will es!“

Rusticus wandte sich an Charito: „Und was hast du zu bekennen, Charito?“
Charito: „Ich bin eine Christin, mit Gottes Gnade!“

Zu Euelpistos sagte der Stadtpräfekt: „Und was bist denn du?“
Euelpistos war ein Sklave aus dem kaiserlichen Hausgesinde. Er antwortete: „Auch ich bin ein Christ. Von Christus bin ich zum Freigelassenen gemacht worden, und dank der Gnade Christi nehme ich teil an der Hoffnung der andern!“

Rusticus sagte zu Hierax: „Bist du auch ein Christ?“
Hierax: „Jawohl. Ich bin ein Christ. Anbetend verehre ich den gleichen Gott wie die übrigen.“
Rusticus: „Hat euch denn dieser Justinus zu Christen gemacht?“
Hierax; „Nein, ich war von Jugend an Christ und werde es immer bleiben.“

Paion, der neben Hierax stand, bekannte nun: „Auch ich bin ein Christ!“
Rusticus sagte zu ihm: „Wer hat dir das eigentlich beigebracht?“
Paion; „Von den Eltern haben wir dieses schöne Bekenntnis gelernt.“

Euelpistos fügte hinzu: „Wohl bin ich mit Freuden dem Unterricht des Justinus gefolgt. Aber auch ich habe es bereits von meinen Eltern gelernt, ein Christ zu sein.“
Rusticus: „Wo wohnen deine Eltern?“
Euelpistos: „In Kappadokien.“

Rusticus wandte sich an Hierax: „Und wo wohnen deine Eltern?“
Hierax: „Unser wahrer Vater ist Christus, und der Glaube an Ihn ist unsere Mutter. Meine irdischen Eltern aber sind schon gestorben. Mich hat man mit Gewalt von Ikonium in Phrygien weggeschleppt, und so kam ich hierher nach Rom.“

Liberianus: „Auch ich bin ein Christ. Ich fürchte und bete an einzig den einen, wahren Gott.“

Der Stadtpräfekt wandte sich wieder zu Justinus und sagte: „Höre, du sogenannter Weltweiser, der du glaubst, die wahre Wissenschaft gepachtet zu haben: Wenn du jetzt ausgepeitscht und geköpft wirst, glaubst du dann stracks in den Himmel aufzufliegen?“
Justinus: „Ich vertraue fest darauf, himmlischer Gaben teilhaftig zu werden, wenn ich dies geduldig erleide. Denn ich weiß es gewiß: Allen, die das Erdenleben so auffassen, wird ein göttliches Gnadengeschenk aufbewahrt bis zu jenem Tage, an dem sich das Schicksal der ganzen Welt vollendet.“
Rusticus: „Du bildest dir also wirklich ein, du werdest einmal in die Himmel auffahren, um dort ich weiß nicht was für Belohnungen einzuheimsen?“
Justinus: „Ich bilde mir das nicht ein, sondern ich weiß es genau. Ich bin ganz erfüllt von dieser Wahrheit!“
Rusticus: „Na ja, kommen wir nun zur Sache! Der Fall ist dringlich. Tretet jetzt gemeinsam vor und bringt einmütig den Göttern ein Opfer dar!“
Justinus entgegnete: „Kein anständig denkender Mensch fällt ab vom Gottglauben zur Gottlosigkeit!“
Rusticus: „Wenn ihr nicht gehorcht, wird man euch erbarmungslos abstrafen!“
Justinus: „Das gerade ist unsere Sehnsucht: für unseren Herrn Jesus Christus den Tod zu erleiden und so gerettet zu werden. Denn dieser Tod wird einmal unser Heil und unsere Zuversicht sein vor unseres gewaltigen Herrn und Erlösers Richterstuhl, der schreckendräuender ist als der deinige und vor dem einmal die ganze Welt erscheinen muss!“
Das gleiche sagten auch die übrigen Blutzeugen: „Tu, was du willst. Wir sind Christen, und den Götzenbildern opfern wir nicht!“

Da verkündete der Stadtpräfekt das Endurteil: „Weil diese den Göttern nicht opfern wollten und sich so dem Befehl des kaiserlichen Selbstherrschers widersetzten, sollen sie ausgepeitscht und zur Hinrichtung abgeführt werden. Sie sind zur Enthauptung verurteilt, wie das Gesetz es vorschreibt.“

Da stimmten die heiligen Blutzeugen ein Loblied an auf Gott und gingen hinaus zur hergebrachten Richtstätte.
Dort wurden sie enthauptet. So vollendeten sie ihr Blutzeugnis in einmütigem Bekenntnis des Erlösers.

G. Rauschen, Frühchristliche Apologeten II: Echte alte Märtyrerakten, Bd. 1, 1913 (Bibliothek der Kirchenväter: eine Auswahl patristischer Werke in deutscher Übersetzung, herausgegeben von O. Bardenhewer, Th. Schermann, K. Weymann, Kösel, Kempten & München, Bd. 14. (zit. nach dem Ökumenischen Heiligenlexikon)

Worum es geht

Matthias in den Kommentaren zu seinem Beitrag „Kirchenkrise – Umkehr und Liebe“:

„Es geht darum, die Menschen auf die Wahrheit, an die wir glauben, hinzuweisen – ihnen persönlich zu vermitteln und zu bezeugen, was das denn heute, hier und jetzt, bedeuten kann, und dass es nicht um ein Gedankengebäude geht, sondern um Versöhnung mit Gott. Dazu gehören der Ruf nach Umkehr und die Vermittlung von Gottes Liebe untrennbar zusammen.“

So ist es. Wir verkündigen keine Ideologie, sondern Jesus Christus.

Doctrine of the Church

Der Pontificator zitiert eine Lecture von Edward Norman aus dem Jahr 1998:

The problem with a “Doctrine of the Church” is in determining how “the People of God” may be identified when there exists, as there has virtually always existed, a division within Christianity. This is compounded by the insistence of some Protestants, in the last five centuries, that no Church is possessed of an indefectible body of teaching, anyway, and that the commission of Christ is in reality distributed to a number of different traditions, some of which, though entirely national and local—as the Church of England was before its replication overseas—claim to be self-sufficient in Christian understanding. Christian believers in this condition have sought to establish their authenticity by reference to Scripture. The difficulty here is that the authority of Scripture derives from the body which selected and canonized it: the Church. A further difficulty is that nineteenth-century scholarship (historical and anthropological as much as theological) has rather compromised the reliability and integrity of Scripture as an infallible resource. It is also awkward for Protestants to argue consistency of teaching since they do not agree among themselves over an impressively wide range of points, and in the case of the Church of England these disagreements extend internally across the whole experience of its adherents. Most of these disagreements, it is true, are over matters of order, discipline and liturgical practice, rather than doctrine; and over the Doctrine of the Church itself there is little disagreement since Protestantism is recognized by the imprecision of the language and images currently used in substitution of having a coherent Doctrine of the Church at all.

Und das ist nur der Anfang. Hier der Schluss:

For the expansion of ecumenical courtesies in the second half of the twentieth century has allowed Anglicanism the illusion of seeing itself as part of a wider context of Christian unity. The reality is actually that the participant Churches in such arrangements each retain their differences, including decisively different understandings of the nature of authority itself, and therefore of the Doctrine of the Church. These measures of inter-communion are not moves towards Christian unity, especially since the historic Churches, who do have distinct ecclesiologies, are largely outside them; they are moves towards a sort of loose federalism in which spiritual camaraderie is mistaken for structural agreement about identifying who the People of God are.

Kirchengeschichte

Philipp liefert in den Kommentaren eine evangelische Version der Kirchengeschichte:

„Die vom Heiligen Geist gestiftete Kirche entwickelte sich an unterschiedlichen Orten unterschiedlich, versuchte aber in den entscheidenden Glaubensfragen durch gemeinsame Beschlüsse verbunden zu bleiben.

Das Wachstum der Kirche schuf auch Machtstrukturen, die leider im Laufe der Jahrhunderte an Bedeutung gewannen. Bei manchen Konzilsbeschlüssen dient die theologische Frage mehr als Arena für Machtkämpfe; bedeutende Kirchenführer wurden mit ihrer unterlegenen Meinung plötzlich zu machtlosen ‚Ketzern‘.

Die Gemeinde in Rom hatte durch ihre Verbindung mit der weltlichen Macht in Rom eine herausragende Position erlangt, die es (wenn ich mich recht entsinne) 451 erstmalig mit einer ‚theologischen‘ Begründung unterfütterte, um seinen Anspruch durchzusetzen. Erfolglos, aber von diesem Zeitpunkt an existiert die Römische Gemeinde als abgespaltene Institution, die zwar noch an Konzilien teilnimmt, aber daneben ihr nicht allgemein anerkanntes Selbstverständnis pflegt.

Da die Römische Gmeinde ihre Auffassungen im Kielwasser der weltlichen Macht des Römischen Reiches verbreitet, wird sie in weiten Teilen der damaligen Welt zur maßgeblichen christlichen Institution und setzt schließlich die eigene Institution mit der vom Heiligen Geist gestifteten Kirche gleich.

Mit der Zeit flossen immer mehr vom jeweiligen Zeitgeist inspirierte Interpretationen, Volksfrömmigkeiten und als Theologie getarnte Maßnahmen zum Machtausbau in die römische Lehre ein, die mehrmals Versuche einer Kurskorrektur provozierten. In der Reformation entzündete sich an diesen Streitpunkten schließlich die Frage, ob diese Kirche überhaupt die Kirche sei. Wieder waren es Machtinteressen (auf beiden Seiten), die zu einer Spaltung führten. Auf Seiten der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen wurde in der Folgezeit ein Großteil der damaligen Lehre hinterfragt und in unterschiedlichem Maße verworfen. Dieser Prozeß dauert bis heute an und wird bis zum Jüngsten Tag andauern.

Als Folgeinstitution der Konzilien erscheint der Ökumenische Rat der Kirchen, in dem es den verschiedenen Orthodoxen Kirchen, „Lutheranern“, Reformierten, Baptisten, Charismatikern, Altkatholiken, einigen Anglikanischen Kirchen usw. gelingt, gemeinsame Positionen zu finden. Es fällt auf, daß unter den wenigen Nichtmitgliedern gerade jene Kirchen sind, die in gewaltsame Glaubensauseinandersetzungen verwickelt sind, etwa die die nordirischen Protestanten mit der Römischen Kirche.“

Cool. Sounds strange to me. Gibt es dazu Quellen?

Was mir auf Anhieb auffällt: Es ist im Grunde eine politikwissenschaftliche Betrachtungsweise. Die hat als solche sicher ihre Berechtigung. Aber es kann doch nicht sein, dass die evangelische Kirchengeschichte völlig von theologischen Fragen abstrahiert oder sie nur als Vorwand für weltliche Machtinteressen gelten lässt.

Außerdem vermisse ich den Bezug zum Schisma von 1054 (Rom/Byzanz). Hier ist eine machtpolitische Analyse sehr am Platz, denn in theologischen Fragen sind die Differenzen zwischen orientalischen Kirchen und Rom eher überschaubar. Ganz anders hingegen im Falle der Reformation.

Agnostizismus

Das 1. Vaticanum genießt, weitgehend zu Unrecht, in gewissen Kreisen einen schlechten Ruf. Es hat ein paar sperrige Lehrentscheide getroffen, die auf den ersten Blick so manchen verstören. (Aber das allein kann ja kein Kriterium sein, denn wer die Bibel liest, dem ergeht es nicht anders.)

Ich hatte ja neulich schon einmal (aus seinerzeit gegebenem Anlass) einen Kanon aus dem Lehrentscheid über den katholischen Glauben zitiert, den ich hier noch einmal im Zusammenhang (und mit deutscher Übersetzung) vorstellen möchte:

2. De revelatione 2. Die Offenbarung
3026
1. Si quis dixerit, Deum unum et verum, creatorem et Dominum nostrum, per ea, quae facta sunt, naturali rationis humanae lumine certo cognosci non posse: anathema sit [cf. DH 3004].
1. Wer sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft sicher erkannt werden: der sei mit dem Anathema belegt [vgl. DH 3004].
3027
2. Si quis dixerit, fieri non posse aut non expedire, ut per revelationem divinam homo de Deo cultuque ei exhibendo doceatur: anathema sit.
2. Wer sagt, es sei unmöglich oder unnütz, daß der Mensch durch die göttliche Offenbarung über Gott und die ihm zu erweisende Verehrung belehrt werde: der sei mit dem Anathema belegt.
3028
3. Si quis dixerit, hominem ad cognitionem et perfectionem, quae naturalem superet, divinitus evehi non posse, sed ex se ipso ad omnis tandem veri et boni possessionem iugi profectu pertingere posse et debere: anathema sit.
3. Wer sagt, der Mensch könne nicht von Gott zu einer Erkenntnis und Vollkommenheit emporgehoben werden, die die natürliche übertrifft, sondern könne und müsse aus sich selbst in beständigem Fortschritt schließlich zum Besitz alles Wahren und Guten gelangen: der sei mit dem Anathema belegt.
3029
4. Si quis sacrae Scripturae libros integros cum omnibus suis partibus, prout illos sancta Tridentina Synodus recensuit DH 1501-1508], pro sacris et canonicis non susceperit aut eos divinitus inspiratos esse negaverit: anathema sit [cf. DH 3006].
4. Wer die Bücher der heiligen Schrift nicht vollständig mit allen ihren Teilen, wie sie das heilige Konzil von Trient aufgezählt hat [ DH 1501-1508], als heilig und kanonisch annimmt oder leugnet, daß sie von Gott inspiriert sind: der sei mit dem Anathema belegt [vgl. DH 3006].

Ich lese hier, ohne dass ich schon Sekundärliteratur konsultiert hätte, eine starke Zurückweisung jeglicher agnostischer Position. Es ist die schlichte Feststellung, dass Agnostizismus und Glaube sich nicht miteinander vereinbaren lassen.

Wo ist die Begründung? Die steht weiter vorne im Text:

Cap. 2 De Revelatione Kap. 2 Die Offenbarung
3004
Eadem sancta mater Ecclesia tenet et docet, Deum, rerum omnium principium et finem, naturali humanae rationis lumine e rebus creatis certo cognosci posse; „invisibilia enim ipsius, a creatura mundi, per ea quae facta sunt, intellecta, conspiciuntur“ [Rm 1,20]: attamen placuisse eius sapientiae et bonitati, alia eaque supernaturali via se ipsum ac aeterna voluntatis suae decreta humano generi revelare, dicente Apostolo: „Multifariam multisque modis olim Deus loquens patribus in Prophetis: novissime diebus istis locutus est nobis in Filio“ [Hbr 1,1s; can. 1].
Dieselbe heilige Mutter Kirche hält fest und lehrt, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiß erkannt werden kann; „das Unsichtbare an ihm wird nämlich seit der Erschaffung der Welt durch das, was gemacht ist, mit der Vernunft geschaut [Röm 1,20]: jedoch hat es seiner Weisheit und Güte gefallen, auf einem anderen, und zwar übernatürlichen Wege sich selbst und die ewigen Ratschlüsse seines Willens dem Menschengeschlecht zu offenbaren, wie der Apostel sagt: „Oftmals und auf vielfache Weise hat Gott einst zu den Vätern in den Propheten gesprochen: zuletzt hat er in diesen Tagen zu uns gesprochen in seinem Sohn“ [Hebr 1,1f; Kan. 1].
3005
Huic divinae revelationi tribuendum quidem est, ut ea, quae in rebus divinis humanae rationi per se impervia non sunt, in praesenti quoque generis humani condicione ab omnibus expedite, firma certitudine et nullo admixto errore cognosci possint
1. Non hac tamen de causa revelatio absolute necessaria dicenda est, sed quia Deus ex infinita bonitate sua ordinavit hominem ad finem supernaturalem, ad participanda scilicet bona divina, quae humanae mentis intelligentiam omnino superant; siquidem „oculus non vidit, nec auris audivit, nec in cor hominis ascendit, quae praeparavit Deus iis, qui diligunt illum“ [1 Cor 2,9; can. 2 et 3].
Zwar ist es dieser göttlichen Offenbarung zuzuschreiben, daß das, was an den göttlichen Dingen der menschlichen Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann
1. Jedoch ist die Offenbarung nicht aus diesem Grund unbedingt notwendig zu nennen, sondern weil Gott aufgrund seiner unendlichen Güte den Menschen auf ein übernatürliches Ziel hinordnete, nämlich an den göttlichen Gütern teilzuhaben, die das Erkenntnisvermögen des menschlichen Geistes völlig übersteigen; denn „kein Auge hat gesehen, kein Ohr hat gehört, noch ist in das Herz eines Menschen gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ [1 Kor 2,9; Kan. 2 und 3].

Die Macht der Zunge

1 Nicht so viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden.
2 Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen. Wer sich in seinen Worten nicht verfehlt, ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen Körper völlig im Zaum halten.
3 Wenn wir den Pferden den Zaum anlegen, damit sie uns gehorchen, lenken wir damit das ganze Tier.
4 Oder denkt an die Schiffe: Sie sind groß und werden von starken Winden getrieben und doch lenkt sie der Steuermann mit einem ganz kleinen Steuer, wohin er will.
5 So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich doch großer Dinge. Und wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt.
6 Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt; sie selbst aber ist von der Hölle in Brand gesetzt.
7 Denn jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, was am Boden kriecht und was im Meer schwimmt, lässt sich zähmen und ist vom Menschen auch gezähmt worden;
8 doch die Zunge kann kein Mensch zähmen, dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem Gift.
9 Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind.
10 Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Brüder, so darf es nicht sein.
11 Läßt etwa eine Quelle aus derselben Öffnung süßes und bitteres Wasser hervorsprudeln?
12 Kann denn, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven tragen oder ein Weinstock Feigen? So kann auch eine salzige Quelle kein Süßwasser hervorbringen.
Jak 3 (aus der Lesehore vom Dienstag der 9. Woche im Jahreskreis)

Ad fontes

Wozu Ökumene? Ganz einfach – um den Auftrag des Herrn zu erfüllen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! (Mk 16,15) Das griechische Wort oikoumenê bezeichnet genau diese ganze (bewohnte) Welt, in die wir Christen das Evangelium tragen sollen.

Deshalb bleibt allen ökumenischen Bemühungen nur eines zu tun: zurückzugehen zu den Quellen der Verkündigung – zu dem, was die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ausmacht. Ich erwarte vom ökumenischen Dialog ein gemeinsames Ringen um ein besseres Verständnis dieser Quellen des Heiles. Meine von Rom getrennten Gesprächspartner sollen mir erklären, wie sie die Quellen der Kirche, das Evangelium und seine, eine und einzige Wahrheit verstehen.

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche in der katholischen Kirche verwirklicht ist (subsistit), so denke ich, dass nach wie vor Potentiale zu entfalten und zeitbedingte Irrtümer zu erkennen sind. Auch die katholische Kirche kann im Rückgang zu den Quellen und insbesondere zu den Kirchenvätern noch und wieder eine Menge lernen, kann wachsen und besser verwirklichen, was die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche dem Auftrag des Herrn gemäß ist.

Rein praktisch denke ich, dass die Gemeinschaften der Reformation zunächst einmal zu ihren Urtexten zurückkehren müssten, bevor an eine Rückkehr zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche auch nur zu denken ist. Jene Revision der lutherischen und sonstigen reformatorischen Texte, die ich neulich skizziert habe, ist wohl unumgänglich.

Es müsste festgestellt werden, was davon noch gilt, was falsch war – und was sich im Widerspruch zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche befindet. Das ist eine Aufgabe, die den Protestanten eigentlich niemand abnehmen kann: Es betrifft ihr Selbstverständnis und ihre Existenzberechtigung. Aber erst mit einem geklärten Verständnis der eigenen Grundlagen wäre überhaupt die Möglichkeit geschaffen, von dort aus zu den Quellen zu gelangen.

Ist das eine Rückkehr-Ökumene? Nicht im landläufigen Sinne, aber wohl in dem Sinn, dass allen Christen an einer Rückkehr zu dem, woraus die Kirche hervorgeht, gelegen sein muss. Ausgeschlossen jedenfalls ist eine Subtraktions-Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners, die die Wahrheit zugunsten der Einheit aufgibt.

Die Wahrheit des Evangeliums steht in der Hierarchie der Werte ganz klar über der Ökumene, der ganzen Welt, in die wir das Evangelium tragen sollen – und nicht umgekehrt die Wahrheit solange biegen, bis sie aller Welt in den Kram passt. Wenn deshalb die Wahrheit die Ökumene verhindert – who cares? Niemand, der die Wahrheit liebt.