Konstruiert?

Aus meiner gestern erworbenen FAZ:

„Johannes Paul II. war verübelt worden, daß er angeblich lieber die Verbreitung der Seuche in Kauf nehme, als von den traditionellen moralischen Prinzipien der Kirche abzurücken.

Allerdings: bei der Suche nach einem ausdrücklichen Verbot von Kondomen im Kampf gegen Aids durch Johannes Paul II., etwa bei seinen zahlreichen Reisen in afrikanische Länder, wird man nicht recht fündig. Wurde da etwas konstruiert, um die kirchliche Moral zu diskreditieren?“

Über die Auferstehung und die Beichte

Noch einmal Schmidt:

„Dazu sage ich, ich glaube definitiv an die Auferstehung.

Nein!
Doch!

Sie glauben an ein Weiterleben im Jenseits?
Ja, selbstverständlich.

Und wie schaut es dort aus?
Davon habe ich keine Vorstellung. Ich sehe da nur ein sehr helles Licht.

Könnten Sie nicht versuchen, einem Atheisten wie mir das Jenseits genauer zu beschreiben?
Ob Sie Atheist sind, wird sich noch zeigen. Mir hat mal ein Urologe erzählt, auf dem Sterbebett werden alle katholisch. Diese Erfahrung habe ich auch selbst gemacht, denn ich war während des Zivildienstes in einer Pfarrei beschäftigt. Da wurde der Pfarrer von sogenannten Atheisten schreiend ins Krankenhaus geholt, wenn der Tumor im Endstadium war. Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen.

Haben Sie Angst vor der Hölle?
Nein.

Weil Sie sich für einen guten Menschen halten?

Ich halte mich für einen schwachen Menschen, der sich bemüht.

Das genügt?
Ja, was man so hört…

Gehen Sie beichten?
Schon lange nicht mehr. Aber ich würde gerne. Ein Beichtgespräch mit einem guten Priester stelle ich mir als eine grosse Erleichterung vor.

Welche Sünden hätten Sie anzubieten?
Das verrate ich nicht einmal Ihnen.“

Über die Ehe und den Papst

Harald Schmidt im Interview mit der Weltwoche:

Sie leben seit zwölf Jahren unverheiratet mit Ihrer Freundin und zwei Kindern. Ihr drittes Kind stammt aus einer früheren Beziehung und wohnt bei der Mutter.
Ja. Seit mir die Kinder passiert sind, habe ich festgestellt, dass es etwas sehr Sinnvolles ist, Kinder zu zeugen. Ich bin gerne Vater.

Aber zu heiraten, lehnen Sie ab.
Das hat sich geändert. Früher habe ich gedacht, Heiraten kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Mittlerweile denke ich, es wäre vielleicht doch schön, weil es ein offizielles Bekenntnis ist.

Zur Liebe?
Nein, zur Frau.

Ihre Freundin wünscht sich die Ehe.
Ja, ich glaube, Frauen wünschen das immer.

Sie sind gläubiger Katholik. Uneheliche Kinder sind unvereinbar mit dem, was die katholische Kirche lehrt.
Das ist richtig.

Der Papst sagt, ausserehelicher Geschlechtsverkehr sei eine «Banalisierung des Körpers»
Der Papst muss das sagen.

In einem Gespräch mit Günter Gaus haben Sie erklärt, Sie hätten «beschlossen, der grösste Verehrer des Papstes auf Erden zu werden»
Ja, aber bei Gaus war ich sehr schlecht, weil ich so ehrgeizig war. Ich war wahnsinnig erpicht darauf, von ihm interviewt zu werden, und wollte sozusagen für die Ewigkeit dokumentieren, wie intelligent ich bin. Insofern ist das ein sehr bezeichnendes Gespräch, weil es zeigt, dass ich mehr, als ich dachte, ein Streber bin, der sich um die Anerkennung von Autoritäten, die er für klug hält, bemüht.“ [Spreeblick]

Romantisch

Wo wir gerade über die Moderne sprachen: Ian Buruma zieht heute im Zeit-Interview interessante Parallelen:

„Ursprünglich war die deutsche Kritik an der Moderne eine Reaktion auf die Französische Revolution; heute antwortet der muslimische Fundamentalismus auf die amerikanische Vorherrschaft. Damals glaubten die Franzosen, sie repräsentierten universalistische Werte; heute glauben das die Amerikaner. Und was den romantischen Traum von der nationalen Einheit angeht, so übte er am Ende des 19. Jahrhunderts eine große Anziehungskraft auf all jene Nationen aus, die sich durch die koloniale Macht des Westens gedemütigt fühlten. Nicht nur im Nahen Osten. Auch in China, in Japan und anderen Teilen der Welt.“ [pickings.de]

Ian Buruma, Avishai Margalit: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde. C. Hanser Verlag, 15,90 EUR.

Intelligentes Design?

Das FAZ-Feuilleton berichtet heute über den Schönborn-Kommentar in der New York Times. Der Perlentaucher fasst zusammen:

„Der Kommentar wurde an die New York Times von einer PR Agentur vermittelt, ‚die auch das in Seattle ansässige Discovery Institute, die Denkfabrik der ‚Intelligent Design‘-Bewegung vertritt. Der Vizepräsident dieses Instituts hat denn auch erklärt, er habe den Kardinal zum Verfassen des umstrittenen Kommentars aufgefordert.‘ Außerdem hat Schönborn inzwischen erklärt, den Kommentar ‚in allgemeiner Form‘ mit Kardinal Ratzinger kurz vor dessen Wahl zum Papst besprochen zu haben.“ [Perlentaucher]

Nachtrag: Eine Gegenpolemik zu Schönborn heute in der Zeit

Kafka

Vor fast zwanzig Jahren schon hat Ulrich Beck seine zentrale Denkfigur der Öffentlichkeit vorgetragen („Risikogesellschaft“). Und immer noch wird es spannend, wenn er darauf zurückgreift. So heute im Interview mit Ekkehard Fuhr in der Welt:

„Es gibt eine ziemliche Deckungsgleichheit zwischen der Theoriefigur der Zweiten Moderne und dem, was Kafka mit der ‚Verwandlung‘ auszudrücken versucht. Es handelt sich um eine Verwandlung und nicht um eine Krise. Es gibt also kein Zurück zum alten Zustand. Die Theorie der zweiten Moderne besagt, dass die Radikalisierung der Durchsetzung der Prinzipien der Moderne – Autonomie des Individuums, Markt, Rationalität der Wissenschaft etc. – den Institutionen der Moderne – also vor allem dem Nationalstaat – den Boden entzieht. Wie in der ‚Verwandlung‘ geschieht etwas mit uns, das wir nicht wollen und zunächst auch nicht wahrhaben wollen und verstehen können. Es entsteht eine immer größere Diskrepanz zwischen unserer Lage und unseren Begriffen von Wirklichkeit und Normalität. Das beschreibt Kafka mit unglaublicher Präzision. Er ist ein Klassiker der Soziologie.“ [Perlentaucher]

Ironie

„Wir Blogger bieten all unsere Ironie, unsere Kritik- und Unterscheidungsfähigkeit auf, um klar zu machen, wer heute all zu oft in der Kirche das Sagen hat, wiederholen uns über die Jahre hin, zweifeln an uns, geben schon fast auf – und dann schlägst du das Gemeindeblatt auf und liest, daß in der Nachbarpfarrei zum Familiengottesdienst am nächsten Sonntag die Gruppe ‚Zeitgeist‘ aufspielt.“ [Credo ut intelligam]

Te Deum

Joaquín Navarro-Valls im Interview mit L’espresso:

„‚Do you know what was the first prayer said by the persons in the room at the moment of his death?‘

Q: A Requiem?

A: ‚No, a Te Deum, which is a solemn hymn of thanksgiving. The religious sisters, the secretary, and the few others who were present spontaneously intoned it to thank God, not for his death of course, but for those 84 years that were so fruitful. I myself found it extraordinarily difficult in that moment to recite the usual prayers on behalf of the deceased.'“ [via fonolog]

Gegenseitige Unterwerfung

Der Perlentaucher meldet:

„Der Theologe Klaus Berger empfiehlt im Aufmacher als Ausweg aus den Problemen der Ökumene die gegenseitige Unterwerfung aller Interessenten unter Vorsitz des Papstes.“ [FAZ, 1,50 EUR]

Köstlich schon der Anfang:

Da Benedikt XVI. für Überraschungen gut ist, darf man ihm durchaus zutrauen, daß er allen Ökumenismus links überholt. Denn die Generation der dogmatisierenden Berufsökumeniker geht ihrem biologischen Ende entgegen […]

Da werde ich heute mal die Papier-FAZ kaufen. 1,50 Euro für einen einzigen Artikel ist für professionelle Archiv-Nutzung in Ordnung, aber nicht für mich armen Endverbraucher.

Goya

Bernhard Schulz im Tagesspiegel über die Goya-Ausstellung „Prophet der Moderne“ in der Alten Nationalgalerie Berlin:

„Goya ist nicht ‚modern‘ im Sinne einer Kunstentwicklung. Modern ist er im Verwerfen aller Glaubensgewissheiten, konservativ in der niederschmetternden Auffassung vom Menschen. Goya malt 1794 den ‚Hof der Irren‘ als Parabel unaufhebbarer menschlicher Blödigkeit, 1800 das erschütternd realistische Bild ‚Bandit ermordet eine Frau‘, 1808 gar ‚Kannibalen‘ als höchste Steigerung dessen, wozu Menschen fähig sind. Goya ist der Maler des Schreckens. Wenn das unaussprechlich Schreckliche das Signum der Neuzeit ist, dann ist Goya nicht der Prophet der Moderne, sondern der Künder des modernen Alptraums schlechthin.'“ [via Perlentaucher]