Nicht auf Provokation aus

DIE WELT: Sie wurden über Nacht bekannt durch den Skandal, den Ihr Bild eines in Flüssigkeit getauchten Kruzifixes auslöste. Sie nannten es „Piss Christ“. Sie behaupten, die Reaktionen hätten Sie überrascht. Wie naiv sind Sie?

Serrano: Wirklich, das war keineswegs abzusehen. Ich habe das Bild 1987 gemacht, ein Jahr später wurde es mehrere Monate in Brüssel gezeigt – und nichts passierte. Erst ein weiteres Jahr später in den USA fand eine dieser ultrareligiösen Organisationen zufällig heraus, daß die dortige Schau indirekt mit amerikanischen Bundesgeldern gefördert wurde. Sie haben eine riesige Kampagne gegen die Ausstellung gestartet mit 180 000 Briefen. Nur dadurch wurde „Piss Christ“ ein Skandal.

DIE WELT: Die beste Werbung für Sie, der damalige Preis von 2000 Dollar stieg auf inzwischen 250 000 Dollar.

Serrano: Sicher – auch wenn das nicht deren Absicht war. Ich bin nicht per se auf Provokation aus. Obwohl ich kein praktizierender Christ bin, fühle ich mich von der katholischen Ästhetik sehr angezogen. Ich sammle Möbel und Bilder aus alten Kirchen, vor allem aus der Zeit vor 1700. [Die Welt via Perlentaucher]

Norbert Lammert

Der Vorsitz des Bundestagspräsidiums bleibt fest in katholischer Hand. Nach dem streitbaren ZdK-Mitglied Wolfgang Thierse (SPD) hat nun Norbert Lammert (CDU) dieses protokollarisch zweithöchste Amt im Staate inne. Ein konfessionelles Gegengewicht zu den Protestanten Horst Köhler und Angela Merkel (deren Website übrigens noch komplett im Wahlkampfmodus ist)?

Anders als der nominell evangelisch-lutherische Gerhard Schröder wird die Pfarrerstochter Merkel vermutlich ihren etwaigen Amtseid mit der „religiösen Beteuerung“ (Art. 56 Satz 2 GG) leisten. Schröder hatte als erster Kanzler darauf verzichtet, und sein Kabinett tat es überwiegend ihm gleich. Die neue Kabinettsliste ist konfessionell paritätisch besetzt, zuzüglich zweier Ministerkandidaten ohne Bekenntnis.

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Christus des nordischen Abendlandes

Henry Bernhard rezensiert im Deutschlandfunk eine neue Biografie zu Alfred Rosenberg. Für dieses Notizbuch ist folgende Passage von Belang:

Im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ versuchte er, seine rassistische Geschichtsdeutung durch Mystizismus religiös zu überhöhen. Er glaubte wohl sogar selbst daran, „dass das nordische Blut jenes Mysterium darstellt, welches die alten Sakramente ersetzt und überwunden hat.“

„Die Mariensäulen sollten durch Kriegerdenkmäler ersetzt werden, an die Stelle „zerquälter Heiliger“ sollten Statuen großer Deutscher treten. Der Christus des nordischen Abendlandes war schlank, hoch, blond, steilstirnig, schmalköpfig.“

Rosenbergs große Welterklärung wurde von katholischer Seite scharf kritisiert, ansonsten aber, bis der „Mythus“ nach 1933 zur quasi halbamtlichen Literatur wurde, ignoriert.

Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. Karl Blessing Verlag München, 646 Seiten plus Anmerkungsapparat von 150 Seiten, 26 Euro.

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Luther-Bonbon

Mit einem Luther-Bonbon nebst zugehöriger Website ringt die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche um die Deutungshoheit des 31. Oktober als Reformationstag – gegen Halloween, das sich von Allhallows Eve(ning) ableitet, dem Vorabend von Allerheiligen (1. November), wie dort korrekt erklärt wird. Neuheiden feiern übrigens Samhain am 31. Oktober.

Wir brauchen ein Allerheiligen-Bonbon…

Nachtrag: Habe mal eine Tüte mit 2218 Bonbons für schlappe 2,90 EUR zzgl. nicht ausgewiesener Versandkosten bestellt. Deren Shop müsste mal auf den heutigen Stand der Technik gebracht werden. Aber sie haben ja kein Geld. Dafür aber Blogs.

Zweiter Nachtrag: fono befasst sich ebenfalls mit dem Thema.

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Lukas


Demas hat mich aus Liebe zu dieser Welt verlassen und ist nach Thessalonich gegangen; Kreszenz ging nach Galatien, Titus nach Dalmatien.
Nur Lukas ist noch bei mir. Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein.
Tychikus habe ich nach Ephesus geschickt.
Wenn du kommst, bring den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente.
Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses getan; der Herr wird ihm vergelten, wie es seine Taten verdienen.
Nimm auch du dich vor ihm in acht, denn er hat unsere Lehre heftig bekämpft.
Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Möge es ihnen nicht angerechnet werden.
Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören.
Lesung zum Fest des heiligen Lukas (2 Tim 4, 10-17b)

Liebe wagen

Sie heißt Ariadne von Schirach, ist 27 und studiert Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Spiegel dieser Woche hält sie einer pornografischen Gesellschaft den Spiegel vor und schließt ihre Rede mit diesen Sätzen:

Houellebecq schreibt in seinem neuen Buch „Die Möglichkeit einer Insel“, dass die konsequente Auslebung der Individualität unweigerlich zum Tod der Liebe führen müsse, dass die Eigenliebe zu groß geworden sein wird, um jemanden mehr zu lieben als sich selbst.

Ist das wirklich wahr? Sind wir die abgebrühten Hedonisten geworden, vor denen uns unsere Großeltern/der Papst/die Frankfurter Schule immer gewarnt haben? Gibt es überhaupt noch Hoffnung für optisch minderwertige Wettkampfteilnehmer?

Und was können wir tun? Christliche Werte wiederentdecken? Den multimedialen Papst geil finden? Mit dem Sex bis zur Ehe warten und hoffen, dass einer oder eine kommt, die uns nimmt? Oder auf Kuschelpartys gehen? Oder asexuell werden? Multisexuell?

Wahrscheinlich doch müssen wir einfach die Liebe wagen, immer und immer wieder die Liebe wagen, weil nur sie es schafft, uns aus den hedonistischen Referenzsystemen zu befreien – und das wäre die wahre Revolte.

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Bekehrung

Kurz nachgetragen sei der Hinweis auf einen Bericht von Dirk Schümer im FAZ-Feuilleton vom 8. Oktober mit der Überschrift „Genosse Gott“, der sich mit der neuen Hinwendung der italienischen Linken zum Katholizismus befasst.

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Wachstum und Schrumpfung

Mit einer Grafik illustrierte die Welt am Sonntag gestern die Bevölkerungsentwicklung bis 2050 (Quelle: UNFPA). Das plakative Ergebnis: Auf allen Kontinenten wächst bis dahin die Bevölkerung, mit einer Ausnahme – Europa.

Die Szenen an der Grenze zu Spaniens afrikanischer Exklave, wo Tausende gegen Europas Grenzzaun anrennen, sind Ausruck der Bevölkerungsentwicklung. […] Der Druck an seinen Grenzen steigt.

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