Theosophie

Diese Variante zeitgenössischen Denkens muss bislang erfolgreich einen Bogen um mich gemacht haben. Man tut der Theosophie wohl nicht Unrecht, wenn man sie ins Spektrum der Esoterik einordnet. (Interessant übrigens, wie nahe der einschlägige Artikel in der Wikipedia an der Website der Theosophischen Gesellschaft liegt.)

Heute vor 90 Jahren starb der Komponist Alexander Skrjabin, dessen musikalisches Werk unter dem Einfluss der Theosophie entstand. Der Deutschlandfunk erinnert an ihn:

Drei Symphonien, die zwischen 1900 und 1905 entstehen, bereiten das Poéme de l’extase für Orchester vor, in dem sich eine völlig neue Klangwelt manifestiert – so wie die Theosophie auch Skrjabins Gedankenwelt verändert hat. Er versteht sich als neuer Prometheus, der alle schöpferischen Kräfte des Lebens in sich trägt. In Gedichten und Tagebuch-Notizen hält er seine Ideen fest.

Ich bin tätig – ich bin in Zeit und Raum. Ich will leben. Ich will schaffen. Ich will siegen. Die Welt sucht Gott. Ich suche mich. Ich bin Gott, der dein Bewusstsein durch die Kraft meines freien schöpferischen Aktes hervorgebracht hat. Die Welt lebt in meinem Bewusstsein, als mein Schöpfungsakt.

Rüge

Harry Nutt rügt Jürgen Rüttgers (in der FR):

„Rüttgers Gerede von der Überlegenheit des christlichen Glaubens ist so gesehen Ausdruck einer Irritation angesichts der gegenwärtigen Hypertrophie des Religiösen. Eine Überlegenheit feststellen kann nur der, der vergleicht. Der Gläubige aber, der vergleicht, ist sich seines Glaubens bereits nicht mehr sicher. Er lebt mit der ständigen Ungewissheit, dass der Glaube der anderen der bessere sein könnte.“

Moment mal! Selbstverständlich tut er das. Wer kann sich seines Glaubens schon sicher sein? Der Zweifel ist die Kehrseite der Medaille. Ohne Zweifel kein Fortschritt im Glauben. Aber, und da sind wir jetzt ganz nah bei Benedikt XVI., muss sich der Glauben gegenüber der Vernunft ausweisen, ja als vernünftig erweisen. Und das kann er auch. Christian Schlüter schrieb dazu, ebenfalls in der Rundschau:

„Ratzinger stellt die Vernunft vor den Glauben. Erfahrungswissen und Skepsis sind ihm die einzig angemessenen Mittel, um sich des Aberglaubens, des mythischen Wissens zu erwehren (an diesem Punkt offenbart sich auch die Verpflichtung auf Augustinus, über den Ratzinger seine Dissertation schrieb). Die Grenzen der Aufklärung sieht der Theologe allein in der ‚Verabsolutierung‘ der Vernunft: ‚Wir müssen den Traum der absoluten Autonomie der Vernunft und ihrer Selbstgenügsamkeit verabschieden.‘ Die mit absoluten Ansprüchen einhergehende Maßlosigkeit sieht er in Teilen der Aufklärung, vor allem bei Rousseau angelegt, in dessen Ideal völliger Herrschaftsfreiheit.“

Skepsis, lieber Harry Nutt, muss also nicht zermürbend sein. Weiter in seinem Text:

„Nicht zuletzt, um dieser zermürbenden Skepsis beizukommen, hat die Moderne über Jahrhunderte hinweg den Gedanken der Toleranz entwickelt. Wenn sie gelingt, gewährt sie nicht nur Frieden, sondern kann auch zur Entlastung von eigenen Zweifeln beitragen. Es ist letztlich die hohe Kunst des anything goes, gleich gültige Passionen anzuerkennen und auszuhalten.“

Stop! Wie verwaschen ist denn dieser Toleranzbegriff? Toleranz dient der Bewältigung von Skepsis? Weil ich zweifle, toleriere ich – ja, was denn? Alles ist gleich gültig – also gleichgültig?

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Benedikts Schriften

Der Deutschlandfunk hat in der Sendung Politische Literatur heute einen kurzen Überblick [jetzt mit funktionierendem Link!] über die Bücher Joseph Ratzingers gegeben. Interessant, weil neu, war vor allem die kurze Rezension des jüngsten Buches.

Etwas schräg wird es dann beim Rückblick auf ein Mitte der 90er Jahre erschienenes Buch:

Bereits über zehn Jahre zuvor, in seiner Analyse „Zur Lage des Glaubens“, hatte er die Einstellung der Katholiken zur säkularen Welt beschrieben und gefordert:

Auch hier müssen wir zu einem neuen Mut zum Nonkonformismus gegenüber den Tendenzen der Wohlstandsgesellschaft zurückfinden. Anstatt dem Zeitgeist zu folgen, müssten gerade wir ihm von neuem mit evangelischem Ernst entgegentreten. Wir haben den Sinn dafür verloren, dass die Christen nicht wie >jedermann Das ist eine andere Grundhaltung als jene, die das Zweite Vaticanum zum Ausdruck brachte. Das Konzil hatte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kirche nicht im Gegenüber, sondern in der Welt gesehen und den Christen zugemutet, auf sie zuzugehen, nicht um sich anzupassen, sondern um sie mit christlichem Geist zu durchformen. Ratzinger macht vor allem das Konzil dafür verantwortlich, dass die katholische Kirche seiner Ansicht nach angekränkelt ist. Erstaunlich, denn der damals junge, progressiv eingeschätzte Professor hat als theologischer Berater nachweisbar dazu beigetragen, dass die Kirche sich der modernen Welt öffnete und dazu sich selbst reformierte.

Ja, erstaunlich. Aber das veranlasst den Autor nicht, noch einmal etwas genauer hinzusehen. Dann hätte er vielleicht merken können, dass weder der neue Papst noch sein Vorgänger das Konzil für irgendwelche Fehlentwicklungen verantwortlich machen. Beide standen und stehen, soweit ich das beurteilen kann, vollständig auf dem Boden des Konzils – allerdings definitiv nicht eines diffusen Geists des zweiten Vaticanums, wie er häufig beschworen wird und sich in den Konzilstexten nicht finden lässt…

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Open Pope

If I was pope I’d be Linus II because I’m a fan of open source software. And also because he’s the next one after Peter.

Ein Kommentar bei The Curt Jester

Markus


1 Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.
2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält.
4 Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist;
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.
7 Aber jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat.
8 Deshalb heißt es: Er stieg hinauf zur Höhe und erbeutete Gefangene, er gab den Menschen Geschenke.
9 Wenn er aber hinaufstieg, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?
10 Derselbe, der herabstieg, ist auch hinaufgestiegen bis zum höchsten Himmel, um das All zu beherrschen.
11 Und er gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,
12 um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi.
13 So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.
14 Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert, der Verschlagenheit, die in die Irre führt.
15 Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt.
16 Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und wird in Liebe aufgebaut.
Eph 4,1-16

Via Veritas et Vita


Wäre das Christentum nur eine Summe von Geboten und Lebensregeln, es wäre leichter zu begreifen, aber auch leichter zu ersetzen und zu erledigen. Aber Christus sagt: Ich bin. Er ist der Fels, das Fundament. Er ist auch der Weg, und er ist das Leben. Wer ihm folgt, geht sicher; er ist in der Wahrheit und Treue Gottes geborgen.
Schott-Messbuch zum 5. Sonntag der Osterzeit A

Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
Joh 14,6

Abrechnung

Auch wenn es jetzt ein wenig zirkulär wird: Scipio seziert gnadenlos (schon wieder dieses Wort) die Rüttgers-Kritiker und kommt zu folgendem furiosen Schluss:

„Was die Rüttgers-Kritiker fordern, ist ein Verzicht, irgendetwas öffentlich für wahr zu halten und Wahrheitsüberzeugungen auf einen privaten Raum zu begrenzen – den es in Wahrheit (halt, das darf ich ja jetzt nicht mehr sagen…) nicht gibt. Es ist die Forderung, Religion nicht mehr als Weg der Wahrheitserkenntnis zu sehen und zu praktizieren, sondern alle indikativen Sätze einer Religion zu relativieren, menschheits-, gesellschafts- oder individualgeschichtlich zu historisieren. Es ist die Forderung nach dem Tod von Religion, wie wir sie kennen, und nach ihrer Auferstehung als Therapeutikum, als Meinung mit dem Radius Null, als neuronale Abläufe ohne Bezug zur Außenwelt: Denn der liesse sich ja schon wieder als richtig oder falsch, als adäquat oder „daneben“, als wahr oder unwahr qualifizieren…“

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Relativismus

Bevor der Artikel im Nirvana des NZZ-Archives verschwindet – Helmut Hoping und Jan-Heiner Tück, tätig am Institut für systematische (katholische) Theologie der Universität Freiburg i. Br., skizzieren die Theologie Benedikts XVI.:

An der Gestalt des Gekreuzigten und seinem rückhaltlosen Selbsteinsatz wird ablesbar, dass Gott sich selbst als Liebe definiert hat. Diese Selbstdefinition Gottes im Fleisch eines Menschen ist für die religionsfreudige Gottlosigkeit heute eine Provokation. Wer die Wahrheit bejaht, die mit dieser Selbstdefinition gegeben ist, kann die achselzuckende Indifferenz gegenüber der Wahrheitsfrage nicht teilen, welche der gegenwärtige Relativismus empfiehlt. Das Festhalten am universalen Wahrheitsanspruch des Glaubens mag unbequem sein, ist aber zugleich die Voraussetzung dafür, mit einer klar konturierten Position den Dialog zu suchen. Gegenüber diversen Spielarten heutiger Rationalitätsskepsis hat Ratzinger nicht nur die Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft immer betont, sondern auch mit Sorge eine gewisse Verabsolutierung der säkularen Vernunft diagnostiziert:

«Wissenschaft wird pathologisch und lebensgefährlich, wo sie sich aus dem Zusammenhang der sittlichen Ordnung des Menschseins verabschiedet und nur noch autonom ihre eigenen Möglichkeiten als ihren einzig zulässigen Massstab anerkennt.»

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Freiheit bei Rahner

Leider nur teilweise gehört, und der Hinweis kommt jetzt auch zu spät. Eine hörenswerte Sendung heute im Deutschlandfunk:

19:15 Uhr

Hintergrund Kultur

Im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Manipulation
Karl Rahner und seine Sicht der institutionellen Schuld von Kirche und Gesellschaft
Von Hartmut Kriege