Die wahrscheinlich größte Filialkirche der Welt

Am 14. August 2008 haben wir den Kölner Dom besucht. Daran habe ich mich gestern erinnert, als ich auf dem frisch entwickelten analogen Film noch ein paar Bilder entdeckt habe. Meine gute, alte Spiegelreflexkamera macht immer noch die besten Fotos und hat ihre digitalen Nachfolger bis jetzt noch alle überlebt.

Hohe Domkirche St. Peter und Maria zu Köln

Dieses Bild allerdings habe ich mit einem Nokia E61i gemacht.

Etwas irritierend finde ich ja die Tatsache, dass der Dom seit dem 1. Januar 2010 Filialkirche (!) der Kirchengemeinde St. Aposteln ist. Wedelt da nicht der Schwanz mit dem Hund?

ostendit populo

Iesu, quem velatum nunc aspicio,
Oro fiat illud quod tam sitio;
Ut te revelata cernens facie
Visu sim beatus tuae gloriae.

O Jesu, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht;
Wann stillst das Sehnen du, das in der Brust mir glüht:
Daß ich enthüllet dich anschau‘ von Angesicht
Und ewig selig sei in deiner Glorie Licht?

(Thomas von Aquin, Adoro te devote)

Elevation

Analoge Fotos brauchen ja immer etwas länger. Ein paar neue Bilder aus Mariawald jetzt bei flickr.

Vom Bedeutungsgehalt liturgischer Formen

Verlieh das Durchschimmern der alten Form nach der Liturgiereform der sechziger Jahre den neuen Formen einen Bedeutungsgehalt, den sie aus sich heraus nicht haben? Diese These hat Widerspruch hervorgerufen:

Ich bin zweieinhalb Jahrzehnte ohne auch nur geringste Kenntnis des “alten Ritus” aufgewachsen und habe, zumindest ab dem Zeitpunkt, da ich mich bewußt damit befasste, die Formen des “neuen Ritus” durchaus als bedeutungsvoll erlebt und Schritt für Schritt Bedeutung in der Messe entdeckt (damals ohne irgendwie liturgisch etwas mir anzulesen).

Ich will meinerseits nicht polemisieren, aber eine Messeform, in der weitgehend Schweigen herrscht, da wäre das nicht möglich gewesen, abgesehen davon, daß viele der (sicherlich organisch gewachsenen) Formen des “alten Ritus” gar keine Bedeutung haben, etwa das Wiederholen des Agnus Dei oder das Hin- und hertragen von Büchern.

In diesem Absatz stecken mindestens zwei starke Thesen:

  1. In der alten Messe herrscht weitgehend Schweigen.
  2. Viele ihrer Formen haben gar keine Bedeutung.

Ich bin kein Liturgiker, aber beide Thesen halte ich für eindeutig falsch. Schweigen herrscht im Usus antiquior vor allem im Hauptteil der Messe, und zwar bei der Opferung, beim Hochgebet und bei der Kommunion. Hier ist die alte Messe durchaus anders gestrickt als der meistens nach dem Motto „The show must go on“ zelebrierte Novus ordo. Das Schweigen hat seinen Sinn und seine tiefe Bedeutung.

Die Kanonstille hat die Funktion eines verhüllenden Schleiers zum Schutz des Heiligen. Sie drückt Ehrfurcht und Demut aus, denn vor dem, was hier geschieht, muss jedes menschliche Wort verstummen. […] Durch den stillen Vollzug des Kanons wird der eigentliche eucharistische Konsekrations- und Opferakt als ausschließlich priesterliche Handlung gekennzeichnet, denn die sakramentale Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers vollzieht Christus selbst durch den geweihten Priester. […] Die Gläubigen lädt die Kanonstille zu Einkehr und innerem Mitvollzug, denn kraft ihres in der Taufe erworbenen allgemeinen Priestertums sind sie befähigt, sich auf ihre Weise als Mitopfernde innigst mit dem Priester am Altar zu vereinen. […] Obwohl der römische Kanon weitgehend in Stille vollzogen wird, wirkt er doch durch zahlreiche begleitende Gesten sehr lebendig. Besonders bedeutsam sind dabei die vielen Kreuzzeichen.
P. Martin Ramm FSSP: Zum Altare Gottes will ich treten. Die Messe in ihren Riten erklärt

Womit wir auch schon bei der zweiten These wären. Hier ist das genaue Gegenteil wahr: Jedes einzelne Element der außerordentlichen Form hat seine Bedeutung. Nicht alle werden immer auf Anhieb verstanden, aber das gilt für Liturgie grundsätzlich, daran wird keine Reform etwas ändern.

Die dreimalige Wiederholung [des Domine non sum dignus, das wahrscheinlich oben gemeint ist] drückt gemäß einer besonderen Eigenart der hebräischen Sprache Steigerung und Ernsthaftigkeit aus.

Und auch der Wechsel von der Epistel- zur Evangelienseite hat selbstverständlich eine Bedeutung:

Die tiefere Symbolik der Evangelienseite kommt aus den Himmelsrichtungen, denn wo der Altar nach Osten hin ausgerichtet ist, weist sie in Richtung Norden. Da in unseren Breiten im Norden niemals die Sonne steht, gilt er als Symbol der Finsternis. Das nach Norden hin verkündete Evangelium ist wie ein Licht, das leuchtet in der Finsternis [vgl. Joh 1,5].

Mit der Einschätzung, dass der Vergleich beider Formen in ihren Texten eine übergroße Ähnlichkeit zeige, bin ich hingegen einverstanden. Allerdings sehe ich mich auch nicht in der Lage, den Einwand zu entkräften, dass sich in den Unterschieden der Form auch und gerade die Unterschiede der zugrundeliegenden Theologie zeigen.

Und ganz unter uns: Irgendeinen Sinn und Zweck muss ja die Liturgiereform gehabt haben, oder?

Die Bibel lesen (und twittern)

Was hat es eigentlich mit diesem Twitter auf sich? Und was haben die Bibelstellen zu bedeuten?

Es war seinerzeit im Paulusjahr, als ich mir vornahm, die Paulusbriefe zu lesen. Ich begann auch damit, kam aber nicht so recht voran. Bald war das Paulusjahr vorbei, doch es dauerte noch einige Monate, bis ich mit den Paulusbriefen fertig war. Es folgten die Katholischen Briefe, danach die Offenbarung des Johannes, anschließend das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte, schließlich die übrigen Evangelien.

Als ich bei der Bergpredigt (bei Lukas ist es die Feldrede) war, begann ich spontan damit, meine Bibellektüre zu twittern. Nach kurzer Zeit hatte ich das richtige Format gefunden, hier erläutert am jüngsten Beispiel:

Gerade Jes 13 gelesen: Dann bestrafe ich den Erdkreis für seine Verbrechen und die Bösen für ihre Vergehen. http://bit.ly/a8GDhm

  1. Einleitung: das gerade gelesene Kapitel bzw. die Stelle
  2. Hauptteil: ein wichtiger Vers oder ein Teil davon, je nach Platz
  3. Schluss: Link zum jeweiligen Kapitel auf bibleserver.com

Manchmal ist es schwierig, einen Vers inkl. Einleitung und Link in 140 Zeichen unterzubringen. Dann wähle ich notfalls einen anderen aus oder kürze ihn.

Nachdem das Neue Testament abgeschlossen ist, habe ich nun mit Jesaja begonnen. Die übrigen Propheten werden folgen. Danach sehen wir weiter.

Schon der bloße Gedanke an Gott ist ein Skandal

Woher rührt die öffentliche Aufregung, die der Salzburger Weihbischof Andreas Laun mit seiner Klartext-Kolumne Love-Parade, Sünde und die Strafe Gottes hervorgerufen hat? Er selbst hat diesen Zusammenhang in just jener Kolumne treffend beschrieben:

So falsch die konkrete, moralische Verurteilung der Toten ist und bleibt, wäre es doch auch höchste Zeit zu fragen, warum viele Menschen heute auf den Begriff „Strafe“ wie von der Tarantel gebissen reagieren!

Natürlich, sie finden Strafe gut und fordern sie, wenn derjenige bestraft wird, der sie selbst geschädigt hat oder etwas tut, was sie verurteilen! Aber sie sind empört bei dem Gedanken, sie selbst verdienten Strafe, und erst recht: Gott könnte sie strafen!

Was aber die Loveparade betrifft und den Gedanken, das Unglück mit „Strafe Gottes“ in Verbindung zu bringen, empfindet man als empörend, weil und wenn man denkt: „Sünde? Wer? Wir doch nicht, wir amüsieren uns, wie wir wollen! Gott soll sich unterstehen, einen solchen Gott gibt es nicht!“

Mit anderen Worten: Man weigert sich anzuerkennen, dass die Loveparade, abgesehen von ihrem krankhaften Erscheinungsbild, auch mit Sünde zu tun haben könnte und darum, folgerichtig, auch mit dem richtenden und strafenden Gott!

Ähnlich auch in einem Aufsatz, den Laun Anfang der neunziger Jahre schrieb, und den ich hier bereits zitiert habe:

Wer von “Strafe” redet, hat natürlich an Sünde gedacht und damit an ein Tabu der Zeit gerührt! Prophetisch hat ja schon Pius XII. gesagt, “daß die Sünde des Jahrhunderts der Verlust des Bewußtseins von Sünde ist”.

Da aber weite Schichten unserer Gesellschaft den Gedanken, in ihrem Leben gebe es Sünde, kategorisch von sich weisen und darum auch dem Gedanken, Christus könnte sie von ihren Sünden erlöst haben, verständnislos gegenüberstehen, rührt die Rede von der Strafe an einen besonders empfindlichen Nerv: In dem Begriff der Strafe steckt logisch die Behauptung von der Sündigkeit des Menschen, ein Stück Anklage also – und wer läßt sich das schon ohne weiteres gefallen!

Es gibt aber noch einen weiteren Punkt, der unserer säkularisierten Mehrheitsgesellschaft sauer aufstößt. Das ist der Gedanke an einen Gott, der wirklich eingreift in unser Leben. Mehrheitsfähig ist bestenfalls noch ein deistischer Uhrmachergott, nicht aber der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sich selbst offenbart – und den man sich deshalb eben nicht so leicht passend machen kann.

Ein Skandal ist schon der bloße Gedanke an einen Gott, der sich nicht nach Abschluss seiner Schöpfung zur Ruhe gesetzt hat und den Dingen ihren Lauf lässt, sondern der innerhalb der Welt, an uns handelt und erfahrbar ist. Diesen Gott zu verkünden, ist den heutigen Neuheiden ein Ärgernis. Denn der Glaube an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs kann nicht ohne ganz konkrete Konsequenzen bleiben – und diese scheut die Mehrheit, die sich aufregt.

Abtei Mariawald und Muck Abbey

Ein kleines Fazit am Tag nach meiner Rückkehr.

In gewisser Weise ist Mariawald das passgenaue Gegenstück zu Muck Abbey, jener Abtei im fernen Irland, von der die hier schon erwähnte Erzählung von Brian Moore handelt. Die irischen Mönche halten als letzte an der alten, lateinischen Messe fest, bis sie schließlich ein Verbot aus Rom bekommen. Die Trappisten hingegen sind die ersten im deutschen Sprachraum, die wieder zur alten Messe zurückkehren, weil sie die entsprechende Erlaubnis aus Rom bekommen haben.

Abtei Mariawald

Die Realität dieser Abtei in der Eifel ist zum Glück erfreulicher als die Fiktion jener Abtei auf der irischen Insel. Dennoch ist die mutige Reform alles andere als ein Selbstläufer. Die Mönche von Mariawald brauchen unsere Unterstützung durch Gebet, durch Einkauf im Onlineshop oder auch durch direkte Spenden. Die Arbeit der Mitbrüder und die Einnahmen aus den klostereigenen Betrieben reichen nicht aus, um den Erhalt der Abtei zu sichern.

Wenn ich nach bis jetzt drei Klosteraufenthalten meine persönlichen Favoriten nennen sollte, dann wäre die Reihenfolge klar:

  1. Mariawald
  2. Gerleve
  3. Meschede

Nun ist die Reihe an Euch, liebe Leser. Welches Kloster sollte ich als nächstes besuchen? Vorschläge bitte in die Kommentare.

Ich harre der Vorschläge, die da kommen, und nehme jetzt noch einen kleinen Original Trappisten-Abtei-Tropfen (sehr zu empfehlen und hier zu erwerben!).

Was war noch gleich der Grund für die Liturgiereform?

Ein Thema hatte ich gestern ausgespart: die Hl. Messe. Die ersten drei Tage in Mariawald haben meinen Kontostand, was die Messe in der außerordentlichen Form angeht, glatt verdoppelt. Man sieht schon, ich bin noch Anfänger, auch wenn ich seit heute früh immerhin schon beide Hände zum Zählen brauche.


Seitenaltar in der Abteikirche Mariawald

Was ich aber immer weniger verstehe, ist der Sinn und Zweck der Liturgiereform, die ja um Haaresbreite zur Abschaffung der alten Messe geführt hätte. Ich könnte jetzt zwischen der vom Konzil intendierten Reform und der tatsächlich durchgeführten Revolution unterscheiden, aber das Thema erspare ich uns für heute.

Wie konnte man überhaupt auf die Idee kommen, etwas so wunderbares und geradezu überirdisch schönes wie die alte Messe reformieren oder gar abschaffen zu wollen? Und wozu sollte das gut sein? Warum nahezu alle Texte austauschen, alles kräftig umrühren und neu zusammenbauen? Wozu der Neubau auf der grünen Wiese? Hätte nicht eine anständige Renovierung genügt?

Ich werde wohl einschlägige Literatur hinzuziehen müssen, um das zu verstehen begreifen. Verstehen werde ich es wohl nicht mehr.

Wie der liturgische Kalender der Zisterzienser es so wollte, wurden alle drei Messen in weiß gefeiert, die vierte morgen früh dann auch. Gestern und heute kam zudem ein überaus wohlriechender Weihrauch zum nicht gerade kleinlichen Einsatz. Der Bruder Thuriferar legte sogar vor der Wandlung noch einmal in Eigeninitiative nach, auf dass sich die Abteikirche ordentlich in Nebel hülle. Der köstliche Duft hält sich trotz geöffneter Fenster den ganzen Tag.

Als kleine Konzession an den Zeitgeist oder auch um zu zeigen, dass hier keine Ideologen am Werk sind, werden Epistel und Evangelium auf Deutsch vorgetragen, während der zelebrierende Abt sie leise am Altar rezitiert. Das war es dann aber auch mit dem modernistischen Einschlag, soweit ich als blutiger Anfänger das erkennen kann.

Was soll ich sagen? Die Messe dauert, auch ohne Predigt, ungefähr eine Stunde. Ohne Weihrauch vielleicht etwas weniger. Hier lässt man sich Zeit. Dem Gebet ist nichts vorzuziehen. Der Messe erst recht nicht.

Möge sich der Chorraum in den nächsten Jahren stetig mit neuen Mönchen füllen und der Liturgie zu neuem Glanz verhelfen, ad majorem Dei gloriam.

Ist der Dalai Lama ein Liberaler oder ein Konservativer?

No one ever asks wether the Dalai Lama is a liberal or conservative Buddhist. Why? Because we instinctively understand that these are the wrong categories through which to grasp the nature and purpose of a venerable, subtle, and richly textured religious tradition. Shouldn’t the same self-discipline be applied to thinking about the Catholic Church?
George Weigel, The thruth of Catholicism (Kap. 3, S. 38)

Abtei Mariawald kurz nach der Wende

Seit zwei Tagen bin ich nun in Mariawald, zwei Nächte werden noch folgen. Es ist mein dritter Gastaufenthalt in einem Kloster, nach den beiden Benediktinerabteien Gerleve (2007) und Meschede (2009) nun also Trappisten. Bei denen ist alles etwas zisterziensisch-schlichter als bei den Benediktinern.

Es fängt beim Äußeren an. So hat die Abteikirche nur einen kleinen Dachreiter mit zwei Glocken, die per Hand und Seil aus dem Chorraum geläutet werden. Mariawald ist zwar eine große Klosteranlage, aber mit elf Mönchen nur eine sehr kleine Abtei, insbesondere im Vergleich zu Gerleve und Meschede. Das Chorgebet wird inzwischen fast vollständig im überlieferten zisterziensischen Ritus gesungen, nur die Vigilien (um 3.15 Uhr!) werden derzeit noch nach dem deutschen Mariawalder Psalter gefeiert.*

Allerdings tragen das Chorgebet in diesen Tagen im Wesentlichen nur vier Mönche, was keinen sehr mächtigen und prachtvollen Gesang ergibt, sondern eher ein stilles, inniges und zurückhaltendes Chorgebet. Ich brauchte etwas Zeit, mich einzuhören, doch inzwischen fühle ich mich darin schon fast zuhause. Zumal ich mit dem Breviarium Romanum ein eng verwandtes Stundengebet praktiziere.

Im Alltag fehlt mir die Zeit für ein vollständiges Breviergebet. So bleibt es meist bei Laudes und Vesper, an der Komplet arbeite ich noch. Umso mehr habe ich es mir aber angewöhnt, wenn ich denn mal im Kloster bin, dort möglichst keine Gebetszeit zu verpassen. Der Tag bekommt dadurch seinen ganz eigenen Rhythmus.

Mariawald ist nicht nur die einzige Trappistenabtei in Deutschland. Mariawald ist auch das erste und meines Wissens einzige Kloster hierzulande, dass sich entschieden hat, zur Liturgie und zur Observanz im Alten Usus zurückzukehren. Der junge Abt Josef Vollberg hat damit eine radikale Konsequenz aus dem Niedergang des Klosters und dem ausbleibenden Erfolg der nachkonziliaren Reformen gezogen.

Falls jemand einen großen Novizenansturm erwartet hatte, dann ist der bis jetzt ausgeblieben. Wie zu hören war, waren zwar schon eine Reihe Nachwuchskräfte im Kloster, von denen jedoch die wenigsten blieben. Mir scheint es aber für eine erste Bilanz noch reichlich früh, ist doch die Umstellung auf die tradierte Liturgie und Observanz nicht einmal abgeschlossen.

Der Nukleus für eine neue Blüte des Klosters ist ganz klar vorhanden. Mariawald hat jetzt ein einzigartiges Profil. Für neue Berufungen braucht es indes Zeit. Wie mit der Wiedereinbürgerung des Usus antiquior in der Universalkirche verhält es sich auch hier: Mit der überlieferten Liturgie steht nun eine kleine, aber wachsende Minderheit neben einer schrumpfenden Mehrheit.

Mittelfristig sind die Aussichten für wachsende Gruppen freilich besser als für schrumpfende. Schrumpfungsprozesse sind immer schmerzhaft und bergen die Gefahr einer Abwärtsdynamik, während Wachstumsprozesse eher mit positiver Dynamik und besserer Stimmung einhergehen. Beide Prozesse befeuern sich selbst, weshalb eine Schrumpfungsdynamik, einmal in Gang gekommen, nur schwer zu stoppen ist. Wachstum hingegen hat seine eigene Dynamik.

Mariawald ist ein denkbar starker Kontrast zu Meschede. Hier traditionelle Trappisten, dort moderne Benediktiner. Hier lateinische Liturgie im alten Usus, dort ein vorbildlich modernisiertes und entkerntes Stundengebet auf Deutsch. Hier eine 500 Jahre alte Klosteranlage, dort ein im vergangenen Jahrhundert erbautes Kloster mit einer in den sechziger Jahren errichteten Abteikirche.

Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich diese beiden Klöster in den kommenden Jahrzehnten fortentwickeln. Kann Meschede aus seiner Blütezeit in den achtziger Jahren genug Schwung und kritische Masse mitnehmen, um auch künftig zu bestehen? Wird Mariawald neuen Schwung bekommen und die kritische Masse aufbauen, die zum Überleben notwendig wäre? Zu wünschen wäre es beiden.

* Vgl. dazu auch Thomas sein Abendland (2008).

Das Problem der verschiedenen liturgischen Kalender

Ist es wirklich eines? Und wenn ja, ist es ein dringliches? Der von Elsa zitierte Kommentar von Guido Horst diskutiert ja ein anderes Thema, das der unterschiedlichen theologischen Grundströmungen in der heutigen Kirche. Die Kalenderfrage lässt sich kaum diesem Thema zuordnen.

Das Problem, wenn es denn eines ist, besteht in der Parallelexistenz zwei verschiedener liturgischer Kalender, nämlich des Kalenders von 1960 für die außerordentliche Form und des heutigen Kalenders für die ordentliche Form des römischen Ritus. Der Kalender nach der Liturgiereform unterscheidet sich in zahlreichen Details vom traditionellen Kalender, der seinerseits auch schon vor 1960 zum Teil erheblich verändert wurde.

Was genau ist das Problem? Verschiedene Feste und Gedenktage am gleichen Tag gibt es selbst innerhalb des neuen Kalenders, je nach Ort. Verschiedene liturgische Texte am gleichen Tag scheinen mir hingegen gerade der Sinn der Parallelexistenz von ordentlicher und außerordentlicher Form zu sein. Wären die beiden Formen identisch, wozu dann überhaupt zwei Formen?

In der Praxis folge ich mit meinem Brevier dem traditionellen Kalender (1960), gehe aber gewöhnlich, auch mangels Alternativen, zur Messe in der ordentlichen Form. Das Problem schien vor meinem Wechsel von der Liturgia Horarum zum Breviarium Romanum größer als es tatsächlich war. Nun war es allerdings gerade der traditionelle Kalender, der mich zum Wechsel bewegt hatte.

Eine Einheitsliturgie, wenn auch in verschiedenen Sprachen, mit einem weitgehend vereinheitlichten Kalender wie nach der Liturgiereform ist überhaupt ein recht junges Phänomen. Früher hatten alle großen Orden und sogar viele Bistümer eigene Formen des römischen Ritus, zum Teil gar eigene Riten (wie heute noch Mailand) und selbstverständlich eigene Kalender. Das Modell des Römischen Generalkalenders mit eingebetteten regionalen Eigenkalendern ist eine relativ neue Errungenschaft.

Wie hätte man sich eine erneute Kalenderreform vorzustellen? Würde nur der gröbste Unfug des neuen Kalenders abgestellt und die schwersten Verluste gegenüber dem alten Kalender rekonstruiert? Würden die Heiligengedenktage wiederhergestellt? Oder würde eine Kompromisslösung gebastelt? Wie könnte die aussehen?

Die Liturgiereform bestand ja gerade darin, praktisch keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Fast alle Orationen wurden ausgetauscht, die Leseordnung neugefasst, die Zählung der Sonntage umgestellt und die Heiligen anders sortiert. Und das ist längst nicht alles.

Es wäre durchaus möglich, die neuen liturgischen Bücher auf den traditionellen Kalender umzustellen. Dazu bedürfte es einer einzigen Tabelle für die Zuordnung der Sonntagstexte. Die fehlenden Heiligen können aus dem Commune gefeiert werden oder ausfallen. Umgekehrt geht es auch: Man kann auch mit dem neuen Kalender die traditionelle Liturgie feiern.

Wo ist das Problem?