in Ecclesia, Haeretica

Agenda 2017

Ein Nachtrag.

SPIEGEL: Ist die evangelische Kirche nun aus Ihrer Sicht Kirche?

Zollitsch: Ja, sie ist eine Kirche, aber eine andere. Nach katholischem Verständnis ist sie nicht im vollumfassenden Sinne Kirche. Sie ist Kirche. Ich kann ihr das nicht absprechen.

Was wollen uns diese leicht kryptischen Sätze sagen? Wir haben uns daran gewöhnt, jede kirchliche Gemeinschaft, die sich selbst Kirche nennt, im landläufigem Sinne als solche zu bezeichnen und damit anzuerkennen. Mit einer signifikanten Ausnahme übrigens – Scientology.

Das katholische Verständnis von Kirche steht dem landläufigen Verständnis entgegen. Demnach ist Kirche im Singular der Leib Christi, in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen, die ihrerseits den örtlichen Kirchen im Plural vorstehen und ihre Priester in die zahllosen Gemeinden entsenden. Die Kirche lebt aus der Feier der Eucharistie, dem Sakrament des Leibes Christi.

Also nur ein semantischer Streit? Nicht nur, aber auch. Dahinter liegt ein Problem, dass sich die protestantischen Gemeinschaften in Deutschland mit ihrem Konzept der Ökumene selbst geschaffen haben. Wer jahrzehntelang das Einende betont und das Trennende marginalisiert und verdrängt hat, steht früher oder später vor der Frage, was eigentlich noch die Trennung von Rom rechtfertigt. Denn vom Trennenden darf ja nicht gesprochen werden.

Wolfgang Huber versucht, dieses Problem mit seiner Parole von der Ökumene der Profile zu lösen. Zu spät. Denn dazu fehlt es dem deutschen Protestantismus längst an Substanz, an theologischer wie materieller. Die demographischen Trends weisen auf protestantischer Seite sehr viel deutlicher nach unten als auf katholischer.

Ein Beispiel: Die hiesige Landeskirche will mittelfristig im Alten Land noch genau zwei von heute neun Kirchengebäuden erhalten und ebenfalls zwei (statt heute fünf, vor kurzem noch sechs) Pfarrstellen unterhalten. Rapide schwindende Kirchensteuereinnahmen und leere Kirchen zwingen dazu. Im Vergleich dazu nimmt sich das derzeit diskutierte Kirchenschließungsprogramm des Bistums Hildesheim harmlos aus.

Der deutsche Protestantismus kämpft inzwischen um seine Existenz. Sein Programm der vergangenen Jahrzehnte hat den Weg in die Marginalisierung nicht aufgehalten, sondern eher beschleunigt. Es wird Zeit, das Scheitern einzugestehen. 2017 wäre ein gutes Datum dafür.

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Kommentar

  1. @dilettantus in interrete:

    Wie sagt man so schön: Jede gute Häresie dauert 500 Jahre!

    Einspruch! Die gute „Häresie“ von Echnaton hat kaum länger als 20 Jahre gedauert.

    Andere gute „Häresien“ dauerten hingegen bedeutend länger als 500 Jahre. Die „Häresie“ des Arianismus gibt es (mit einer längeren Unterbrechung im Mittelalter, über die wir nicht viel wissen) seit Arius und (dank der Unitarier) bis heute.

    Die — aus orthodoxer Sicht — Häresien der römischen Kirche (päpstlicher Jurisdiktionsprimat etc.) dauern auch schon länger als 500 Jahre. Und bei den Museln ist die „Häresie“ der Schia quasi seit Beginn mit eingebaut.

    Ihrer beider Hoffnung auf eine Selbstauflösung der Evangelen im Jahr 2017 wird sich nicht erfüllen, denke ich. Und zwar nicht deshalb, weil sie doch mehr Substanz haben, als der werte Bloggist ihr zubilligen möchte, sondern v.a. deshalb, weil die RKK mittlerweile schon längst nicht mehr die Substanz hat, die sie zu einer erfolgreichen Absorption der ABs und HBs benötigen würde. Sonst geht es ihr nämlich so wie der BRD bei der deutschen Wiedervereinigung — wer die linke Politik der letzten Jahre mitverfolgt, hat den Eindruck, daß nicht die DDR der BRD, sondern umgekehrt die BRD der DDR angeschlossen wurde.

  2. LP,

    Ich glaube Sie verwechseln hier einen Ausspruch mit harten Fakten.

    Im übrigen:

    „Die “Häresie” des Arianismus gibt es (mit einer längeren Unterbrechung im Mittelalter, über die wir nicht viel wissen) seit Arius und (dank der Unitarier) bis heute.“

    Das ist Unfug. Die Häresie des Arius ist seit spätestens dem 7. Jahrhundert tot und begraben. Unitarier mögen sich irgendwo auf ihn berufen (wenn sie es denn tun), haben aber nichts mit Arius zu tun.

    „Ihrer beider Hoffnung auf eine Selbstauflösung der Evangelen im Jahr 2017 wird sich nicht erfüllen, denke ich. Und zwar nicht deshalb, weil sie doch mehr Substanz haben, als der werte Bloggist ihr zubilligen möchte, sondern v.a. deshalb, weil die RKK mittlerweile schon längst nicht mehr die Substanz hat, die sie zu einer erfolgreichen Absorption der ABs und HBs benötigen würde.“

    Das mögen Sie so sehen. Es kommt aber noch hinzu: der Protestantismus wird sich auch trotz seiner Substanzlosigkeit nicht auflösen, sondern einfach munter weitertransformieren … solange es nur etwas zu protestieren gibt.

    Was sind ABs und HBs? Aschaffenburger und Bremer?

    „Sonst geht es ihr nämlich so wie der BRD bei der deutschen Wiedervereinigung — wer die linke Politik der letzten Jahre mitverfolgt, hat den Eindruck, daß nicht die DDR der BRD, sondern umgekehrt die BRD der DDR angeschlossen wurde.“

    Die Gefahr bestünde natürlich, aber Übertritte werden ohnehin nur einzeln und nicht großkollektiv geschehen? Oder glauben Sie, die Hannoversche Landeskirche werde plötzlich der Katholischen Kirche beitreten? Zudem ist die Kirche (im Gegensatz zur Bundesrepublik) ja auch keine Demokratie … und das ist auch gut so.

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  • Legitimationsprobleme im Spätprotestantismus at Commentarium Catholicum 26. Februar 2008

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