Der genannte Bea-Psalter ist übrigens kein solcher, sondern vielmehr ein Pacelli-Psalter, vgl. Norbert Lohfink SJ hier:
http://www.sankt-georgen.de/leseraum/lohfink9.html
Um mit der Liturgie anzufangen: Er hatte, als Beichtvater und mehr, zweifellos ein enges Verhältnis zu Pius XII. Die kirchliche Übernahme der liturgischen Bewegung war keineswegs eine Konzilsneuheit, sondern begann schon durch Pius XII. Er hat die Osternacht zum erstenmal reformiert. Er hat einen neuen Psalter eingeführt. Ich habe keine Ahnung, wie weit Bea bei sonstigen liturgischen Neuerungen insgeheim beteiligt war, aber beim Psalter, der ja für das kirchliche Stundengebet zentral ist, ist seine Beteiligung aktenkundig. Allerdings ist sie auch wieder geringer, als die Titelblätter der Veröffentlichungen zu sagen scheinen. Pius XII. wollte, daß seine Priester, Mönche und Nonnen die Psalmen, die sie singen oder beten, auch verstehen. Deshalb ließ er das römische Bibelinstitut eine neue lateinische Übersetzung herstellen, und zwar mußte sie in jenem klassisch-ciceronianischen Latein sein, das die jungen Leute auf den humanistischen Gymnasien gelernt hatten. Das hat später das unter Beas Regie hergestellte Psalterium beißender Kritik ausgesetzt. Sie kam von den Fachmännern und Fachfrauen für das Latein der Väterzeit, das in dieser Übersetzung völlig ignoriert war. Bea muß unter dieser Kritik sehr gelitten haben, hat aber nie ein Wort gesagt. Wie die Dinge wirklich gelaufen sind, hat mir ein inzwischen schon lange verstorbener Mitarbeiter von damals erzählt, selbst Professor am Päpstlichen Bibelinstitut. Bea hatte eine Arbeitsgruppe gebildet, die Woche für Woche einen Psalm im Rohentwurf neu übersetzte. In jeder Sitzung las Bea am Anfang noch einmal das Ergebnis der vergangenen Sitzung vor und bat um weitere Bemerkungen. Fast jedesmal war es so, daß der Text, den er vorlas, kaum etwas gemeinsam hatte mit dem Text, den man in der vergangenen Woche verabschiedet hatte. Sprach man Bea darauf an, dann sagte er mit Nachdruck: “Sie irren sich, das ist der richtige Text.” Jeder wußte, was diese kryptische Aussage meinte und was immer wieder passiert war. Bea hatte den Text dem Papst vorgelegt, und dieser hatte ihn umgearbeitet. Aber Bea durfte das nicht sagen. Mein Gewährsmann ist irgendwann aus Protest gegen diese Prozeduren aus der Arbeitsgruppe ausgeschieden. Bea hat es auf sich genommen, daß dieser Text als seiner galt, hat die Kritik ausgehalten und hat später, als er Kardinal war, auf seine Weise Rache geübt. Er gehörte zu den Leuten, die nach dem Konzil darauf drängten, daß die gesamte alte lateinische Vulgataübersetzung leicht nach dem Urtext überarbeitet würde, und zwar ganz im Sinne des schönen Lateins der Kirchenväter, vor allem des heiligen Hieronymus selbst und mit ihr natürlich auch mit den anderen Büchern der Psalter. Heute ist nicht der Psalter Pius XII., sondern der Psalter der Neovulgata im lateinischen Stundengebet, und der Psalter Pius XII. ist längst vergessen. Bea hat das, was auch er von Anfang an mit Sicherheit für richtig gehalten hatte, am Ende doch durchgesetzt. Ob es gekommen wäre, wenn er damals gestreikt hätte, scheint mir nicht sicher. Die damalige neue Psalmenübersetzung, so fehlgeleitet sie in ihrem Ansatz war, hat zweifellos wesentlich dazu beigetragen, daß in der Welt der katholischen Priester und Ordensleute ein Gefühl dafür entstand, daß im Bereich der Liturgie auch Änderungen denkbar seien und daß man dort Unverständliches auch verständlich machen dürfe.
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