Nicht unmittelbar zu Gott
Die Meinung, der Einzelne stehe unmittelbar zu Gott, irrt. So konnte man erst denken, als man vergessen hatte, was es heißt, unter der unmittelbaren Wucht des Heiligen Gottes zu stehen, und an Stelle dieser Erschütterung das “religiöse Erlebnis” getreten war. Da begann man zu behaupten, jeder könne und müsse es haben. In Wahrheit ist es dem Menschen nicht gemäß, unmittelbar zu Gott zu stehen. Gott ist heilig und redet durch seine Boten. Wer nicht bereit ist, den Boten anzunehmen, sondern den Herrn selbst hören will, zeigt damit, daß er nicht weiß – oder nicht wahr haben will – wer Gott ist, und wer er selbst. . Wir können das Gemeinte auch so ausdrücken: Gott hat das Wesen und das Heil des Menschen auf den Glauben gestellt. Dieser Glaube aber scheint mit seiner Reinheit und Härte erst herauszukommen, wenn er dem Boten gegenüber geleistet wird. Wer also Gott selbst zu hören verlangt, würde damit zeigen, daß er im Grunde nicht glauben, sondern wissen; nicht gehorchen, sondern auf eigener Erfahrung stehen will.
Romano Guardini: Der Herr, 4. VI.


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