Geschätzer Beisasse,
Ihre Anmerkung über das Siezen in Internetforen kann ich nur unterschreiben. Mit geht das zwangsweise Geduze durch Leute, die ich nicht näher kenne (und die ich teilweise auch gar nicht näher kennenlernen wollte!), einigermaßen auf die Nerven. Aber ist wohl ein Zug unserer Zeit …
Ihrer Anregung über Ps. 129 (oder, wie das jetzt post-V2-mäßig heißt — ja heißen muß! Wir dürfen um gottes Willen den armen Juden doch nicht ihre Psalmzählung umnummerieren
— Ps. 130) bin ich nachgekommen, gestehe jedoch, daß ich die von Ihnen gesehenen Vorzüge darin nicht erblicken kann. Ich stelle (auch auf die Gefahr hin, wegen der “Aufsatz-Länge” meiner Postings gerügt zu werden) drei Varianten untereinander:
Luther
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.
Herr, höre meine Stimme; laß deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!
So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?
Denn bei dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte.
Ich harre des Herrn; meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur andern.
Israel hoffe auf den Herrn; denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm;
und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.
Elberfelder
Aus den Tiefen rufe ich zu dir, JAHWE!
HERR, höre auf meine Stimme! laß deine Ohren aufmerksam sein auf die Stimme meines Flehens!
Wenn du, JAHWE merkst auf die Ungerechtigkeiten: HERR, wer wird bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung, damit du gefürchtet werdest.
Ich warte auf JAHWE, meine Seele wartet; und auf sein Wort harre ich.
Meine Seele harrt auf den HERRN, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen.
Harre, Israel, auf JAHWE! denn bei JAHWE ist die Güte, und viel Erlösung bei ihm.
Und er, er wird Israel erlösen von allen seinen Ungerechtigkeiten.
Einheitsübersetzung
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir:
Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!
Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten, Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen. Mehr als die Wächter auf den Morgen
soll Israel harren auf den Herrn. Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.
Die sind m.E. allesamt besser — sogar die Einheitsübersetzung, an der sich das alte Scherzwort, ein Kamel sei ein von einer Kommission entworfenes Pferd, bewahrheitet. Wer allerdings wirklich Qualität lesen will, wird um den guten alten Hieronymus nicht herumkommen. Daher — außer Konkurrenz natürlich — die gute alte
Vulgata
De profundis clamavi ad te Domine: Domine exaudi vocem meam.
Fiant aures tuæ intendentes in vocem deprecationis meæ
Si iniquitates observaberis Domine: Domine quis sustinebit
quia apud te propitiatio est propter legem tuam
Sustinui te Domine, sustinuit anima mea in verbum ejus
Speravit anima mea in Domino
A custodia matutina usque ad noctem speret Israhel in Domino
Quia apud Dominum misericordia et copiosa apud eum redemptio
Et ipse redimet Israël ex omnibus iniquitatibus ejus.
Hieronymus hatte es ja leichter. Er brauchte nicht einen Gender-Mainstreaming-Auschuß, ein Schwulen- und Lesbenkommitee, eine Ombudsfrau legasthenischer MigrantInnen, “ZARA”, die Antirassismusstelle der EU, etc. etc. gleichzeitig zufriedenzustellen versuchen, sondern mußte “nur” übersetzen. Aber, ganz unter uns: das ist auch genau das, wofür man einen Übersetzer eigentlich beschäftigt … ?
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