Meinem Schöpfer zu danken halte ich durchaus für moralisch begründet; und nach viel Arbeit als Therapeut und Berater muß ich feststellen, daß eine Moral ohne die sexuellen Restriktionen ziemlich viele Menschenleben ruiniert.
1. Wenn es einen Schöpfer gibt, dürfen Sie ihm ruhig danken. Da Sie aber schwerlich beweisen können, daß es einen gibt, dürfen Sie andere, die dies glauben, auch nicht dazu zwingen. Und genau das wurde von Augustinus mit seiner abstrusen Interpretation des “compelle intrare” betrieben und war spätere Grundlage der Inquisition!
2. “Moral ohne sexuelle Restriktionen” – davon redet ja keiner! Das wäre das alte “Wer zweimal mit der gleichen pennt gehört schon zum Establishment” der 68er-Generation. Umgekehrt: sind Sie wirklich ganz sicher, daß gültig geschlossene Ehe nie (außer durch den Tod) geschieden werden dürfen? Auch wenn der Ehepartner mit einem neuen Partner auf und davon ist? (mich betrifft die Frage eher theoretisch, da ich seit vielen Jahren verheiratet bin und meine Frau bislang keine Fluchttendenzen gezeigt hat
Und sind Sie als Therapeut ganz sicher, daß eine Ehe, die von zwei sexuell völlig unerfahrenen Partnern eingegangen wird, das anzustrebende Ideal darstellt – nein, muß ja nach der katholischen Morallehre heißen: die selbstverständliche und notfalls durch gesellschaftlichen Druck herzustellende Norm! (Gott sei Dank spielt’s das heute nicht mehr, kann ich nur sagen …)
Den ungeborenen Kindern jedenfalls reicht das “im Prinzip” nicht.
Warum? Auf die Frage “würden Sie es begrüßen, wenn Ihre Eltern Sie abgetrieben hätten” wird wohl spontan in den meisten Fällen ein entschiedenes “Nein!” kommen. Also klassischer Fall von goldener Regel, würde ich sagen. Daß Eltern in bestimmten Fällen sich nicht daran halten ist natürlich richtig, aber das Problem kann keine Ethik der Welt lösen. Es ist ein Wesensmerkmal einer Sollensordnung, daß sie zwar gesollt, aber nicht notwendig verwikrlicht ist.
Daß US-Fundamentalismus nichts mit Christentum zu tun hat, auch wenn er «christliche Motive» zum Dekorieren verwendet, sollte mittlerweile bekannt sein.
Na, das sagen Sie einmal einem Bible-Belt-Protestanten der USA! Viel Spaß … Und das dahinterliegende Problem ist: wie beweisen Sie ihm, daß er nichts mit Christentum zu tun hat?
Sie gehen davon aus, aber entrechten die Sklaven nicht wie Aristoteles, sondern werten ihn als Menschen. Schon dort, und erst recht im NT, hat «servus res est» keine Chance.
Sicher, die Stellung von Sklaven im alten Israel war eine Spur besser, als in Griechenland. Aber es war – auch noch in Gleichnissen Jesu! – eine untergeordnete, völlig fremdbestimmte Stellung. (vgl. Lk 17, 7-9: “Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, daß er getan hat, was befohlen war?”). Nicht böse sein – eine Ethik sieht da für mich etwas anders aus.
Den Umgang des AT mit den Amalekitern zu deuten, überlasse ich lieber den Theologen. Aber das hat nichts mit ethischen Anweisungen für die Nachgeborenen zu tun.
Es waren nicht nur die Amalekiter … lesen Sie z.B. 4. Mose 21, 1-3; 4. Mose 21, 34-35; 4. Mose 31, 3.7.9-10.14-15.17-18; 4. Mose 33, 52.55; 5. Mose 7, 1-3; 5. Mose 31, 3-6; Josua 1, 16.18; Josua 6, 21; Josua 7, 24-26a; Josua 8, 22-28; Josua 11, 8-15; Saul fällt bei Gott in Ungnade, weil er nicht alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet hatte 1. Samuel 15, 7-9.33.3). Also – so etwas “überlasse ich nicht den Theologen”, sondern nenne es schlicht und ergreifend Greueltaten! Und was die Nachgeborenen betrifft: da die angebliche göttliche Anweisung regelmäßig lautete, restlos alles umzubringen, in milderen Fäällen auch nur die Männer und Knaben, wird es aus bekannten Gründen nicht zu viel “Nachkommen” gekommen sein …
Ich bin katholisch; auf eine Unterscheidung von Offenbarung und Glaubenstradition lasse ich mich nicht ein.
Gut gekontert! Aber auch dann können Sie nicht bestreiten, daß die schriftliche Offenbarung jedenfalls ethisch höchst zweifelhafte Werte vertritt (s.o.). Übrigens habe ich mit “Glaubenstradition” nicht den katholischen Terminus im Auge gehabt, welcher nach Ansicht der RKK als gleichberechtigter Teil der Offenbarung neben der Bibel steht. Ich meinte damit die Tradition, die sich in deutlich nachapostolischer Zeit in der faktischen Uminterpretation der überlieferten Glaubenslehre zutrug (wer Schriften aus der Zeit von Augustinus mit denen der Neuzeit und insbes. des 20. Jh. vergleicht weiß, wovon ich spreche).
Wenn selbst bei einem Aristoteles die Ethik so entscheidend «ein Kind ihrer Zeit» ist – wessen philosophisch begründetem Urteil könnte man da vertrauen?
Nun, da gäbe es genug. Kant fällt mir da z.B. mal ein. Weitere Hinweise finden Sie bei http://de.wikipedia.org/wiki/Ethik zuhauf. Daß ein “Philosoph der ersten Stunde” wie Aristoteles es (fast) noch ist, Unvollkommenheiten in seiner Philosophie aufweist, sollte uns nicht verwundern. Und so, wie wir in der Erkenntnistheorie etc. mittlerweile Aristoteles weit hinter uns gelassen haben, so auch in der Theorie der Ethik. Aber ich gebe Ihnen Recht insoweit, als Zeitgenossen die Fehler ihrer Zeit nicht erkennen. Ob also Habermas einmal in den Olymp der Ethiker aufgenommen werden wird, können wir Zeitgenossen schwerlich wissen.
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