Medienpapst 2.0
Mit der ersten Enzyklika ist der Relaunch von Joseph Kardinal Ratzinger als Medienpapst Benedikt XVI. abgeschlossen. Das heutige Echo in den Kommentarspalten belegt das eindrucksvoll. “Diese Enzyklika wird alle enttäuschen, die sich darauf gefreut hatten, vom neuen Papst enttäuscht zu werden”, bringt es der Kommentar der Welt auf den Punkt.
“Bei seinen Reflexionen über die Liebe verblüfft der Gelehrte auf dem Stuhl Petri seine langjährig erprobten Gegner womöglich damit, dass er dem Eros sein Recht lässt”, schreibt die Rheinische Post. Und das Handelsblatt: “Viel interessanter ist, dass hier wirklich nicht mehr der Glaubenswächter Joseph Ratzinger zugange ist.” Ja, mehr noch:
“Davos hätte den Papst gut gebrauchen können. Global Thinking, Agenda-Setting, Visions – all das liefert Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika. Und zwar so frisch und unverbraucht, als hätten sich das ein paar Young Global Leaders vom Weltwirtschaftsforum ausgedacht. Der Theologe auf dem Stuhl Petri liefert nichts weniger als eine brillante Analyse der Defizite moderner Industriegesellschaften.”
Der Kölner Stadt-Anzeiger meint:
“Das Überraschende ist der Ton, nicht der Inhalt. Und der Stil des Papstes ist ein Teil seiner Botschaft. Im ersten Lehrschreiben Benedikts XVI. spricht nicht mehr der vatikanische Glaubenshüter, sondern der umfassend gebildete Intellektuelle, der souverän auf Denker von der Antike bis zur Aufklärung zugreift und wie selbstverständlich mit Religionskritikern vom Range Friedrich Nietzsches im Gespräch ist. Das ähnelt sehr den Essays des Theologen Joseph Ratzinger – wohltuend dialogisch, in hohem Maße ästhetisch, ohne doktrinäre Enge und Bevormundung. Wer vom früheren Chef der Glaubenskongregation ein Kompendium von Vorschriften, Verboten, Mahnungen und Weisungen erwartet hätte, wird überrascht – positiv oder negativ, je nach Standpunkt. [...] Einstweilen ist Benedikt dem Sechzehnten erneut gelungen, was in der Nachfolge Johannes Pauls des Zweiten schier unmöglich schien: einen eigenen Maßstab zu setzen.”
Und kundig wie so gut wie immer schreibt Heinz-Joachim Fischer in der FAZ:
“Benedikt verordnet in dieser programmatischen Enzyklika der Weltkirche nicht etwa eine neue Marketingstrategie, als ob man es nach dieser oder jener Kirchenreform (oder der Abwehr so mancher Veränderung), nach dem Eintreten für mehr Gerechtigkeit und Frieden, nach aus der Not geborenen Seelsorgeplänen oder jahrelangem Streit über Abtreibung, Verhütung und den Zölibat nun auch einmal wieder mit dem lieben Gott probieren sollte. Der Theologe auf dem Stuhl Petri setzt Gott an den Anfang, weil er in diesem einen Wort das Wohl des einzelnen Menschen und das heilende Ziel der Menschheit sieht, weil darin sein eigenes lebenslanges Bemühen zusammengefaßt ist.”
Mehr päpstliche Presseschau bei fono und beim Deutschlandfunk.


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