Wahrheit vs. Überlieferung
Durch das Eintreten für die erkannte Wahrheit sind die Reformatoren gemeinsam in Gegensatz zu kirchlichen Überlieferungen jener Zeit geraten. Übereinstimmend haben sie deshalb bekannt, daß Leben und Lehre an der ursprünglichen und reinen Bezeugung des Evangeliums in der Schrift zu messen sei. Übereinstimmend haben sie die freie und bedingungslose Gnade Gottes im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für jeden, der dieser Verheißung glaubt, bezeugt. Übereinstimmend haben sie bekannt, daß Handeln und Gestalt der Kirche allein von dem Auftrag her zu bestimmen sind, dieses Zeugnis in der Welt aufzurichten, und daß das Wort des Herrn jeder menschlichen Gestaltung der christlichen Gemeinde überlegen bleibt.
Aus der Leuenburger Konkordie
Ich sehe das Hauptproblem des heutigen Mainline-Protestantismus darin, dass die eigenständigen Elemente der Theologie der Reformatoren sich hauptsächlich um die Frage nach Heil und Verdammnis des Menschen drehten. In einer modernen Welt, wo man sowieso glaubt, dass alle in den Himmel kommen, ist dieser ganze Fragenbereich nebensächlich geworden. Auch das sola-scriptura-Prinzip ist durch die Entwicklung der Naturwissenschaften und die historisch-kritische Methode arg in Misskredit geraten. So definieren sich heute die protestantischen Kirchen in Europa hauptsächlich ex negativo: “Das wollen wir nicht, das auch nicht, und das ist auch unwichtig.”
Was heute noch an positiven Elementen der protestantischer Theologie und Tradition da ist, ist von der katholischen kaum mehr zu unterscheiden – zumal jene Elemente der protestantischen Theologie und Praxis, die nicht direkt aus der Bibel ableitbar waren (Dreifaltigkeitslehre, Christologie, Feiertage, liturgische Elemente), sowieso immer ein “Wildern” in den Wäldern der christlichen (katholischen) Tradition darstellten.
Der Mainline-Protestantismus steht also vor einer Identitätskrise, die bisher vor allem dadurch überdeckt wird, dass man sich eben von außen (also von der katholischen Kirche) nichts sagen lassen will. Als theologische Herausforderung an den Katholizismus ist dieser Protestantismus bereits zu schwächlich; es geht ihm nun hauptsächlich darum, seine eigenen Strukturen und Institutionen zu verteidigen – während man den eigenen Wahrheitsanspruch, der früher noch die Rechtfertigung für diese Institutionen bedeutete, bereits aufgegeben hat.