@anonym:
Sie sprechen viele Punkte an, die man alle ausführlich beantworten müsste…
Die Frage nach der Tradition wurde hier schon öfter angesprochen, deshalb will ich noch einmal ein Missverständnis ausräumen: Nein, die Tradition wurde nicht von den Menschen eingesetzt. Die Tradition ist das, was die Apostel von Jesus Christus erhalten haben und zu deren unverfälschter Weitergabe sie berufen sind. 1 Kor 15:1-8 zeigt genau, was darunter zu verstehen ist: “Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe”. Paulus setzt dann fort, was dieses Evangelium bedeutet: “Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.”
Die Aufgabe der Kirche ist es, dieses Evangelium unverfälscht weiterzugeben. Sie ist deshalb nicht befugt, irgendetwas an der Apostolischen Tradition zu ändern – da diese ja von Gott kommt. Die Kirche hat zwar von Christus das Versprechen erhalten, dass die “Mächte der Unterwelt sie nicht überwältigen” würden (Mt 16:18) – also dass sie in Glaubensfragen nie in Irrtum abirren wird -, aber das bedeutet natürlich nicht, dass ihr bzw. ihrer Führung Menschliches, Allzumenschliches fremd wäre. Dies trifft auf viele der von Ihnen angesprochenen Dinge zu. Wobei ich bei den Kreuzzügen doch vorsichtig wäre, immerhin war dort die Intention, die heiligen Stätten im Heiligen Land vor dem Ansturm des Islam zu schützen…
Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger haben sich mehrmals sehr differenziert zu den dunklen Seiten der Kirchengeschichte geäußert. Ratzinger schreibt z. B. irgendwo (ich weiß leider das Buch nicht mehr), dass der Verlust der weltlichen Macht im 19. Jahrhundert eigentlich das Beste war, was der Kirche passieren konnte, weil sie sich dann besser auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen konnte…
Auch die Inquisition ist eine kompliziertere Frage: es ist z. B. festzuhalten, dass zur damaligen Zeit Häresie ein vom Staat verfolgtes Verbrechen war und die Prozesse in den meisten Fällen staatliche Prozesse waren (natürlich mit kirchlicher Unterstützung, denn immerhin ging es ja um die Religion). Ratzinger merkt zur Inquisition an, dass deren Verfahren zur damaligen Zeit eher positiv gesehen wurden – denn bei der Inquisition fand immerhin eine ausführliche Untersuchung (wie schon der Name sagt) der Fälle statt – bei normalen Kriminalprozessen der damaligen Zeit wurde viel weniger Federlesens gemacht…
Dass die von Ihnen erwähnten Dinge (von “Schismen” und “Machtkämpfen” habe ich ja noch gar nicht geredet) allerdings irgendwas mit dem katholischen (=christlichen) Glauben zu tun hätten, halte ich allerdings ungefähr für so logisch, als würde man die Hexenverbrennungen oder den Siebenjährigen Krieg als direkte Produkte des evangelischen Glaubens hinstellen…
“Die allein seligmachende”: Auch so ein missverstandenes Wort… Zuerst einmal ist Jesus Christus das Haupt der Kirche. Demgemäß ist natürlich die christliche Kirche die allein seligmachende.
Ich bin leider immer wieder verwundert über diese protestantische Sicht der Kirchengeschichte, wonach es ca. 1000 Jahre lang “die christliche Kirche” gegeben haben soll (über deren Ansichten – von der Apostolischen Sukzession bis zur Siebenzahl der Sakramente – man aber dann lieber kein Wort verliert), und dann plötzlich, irgendwann im Mittelalter, entstand die böse, böse “römische Kirche” (wann diese plötzliche Wandlung stattgefunden haben soll, ist aber irgendwie unklar), gegen die dann Luther ankämpfte und von der er sich mit seinen Anhängern abspaltete. Ab dem Zeitpunkt dieser Abspaltung ist die katholische Kirche dann plötzlich nur mehr eine “Konfession”, hat aber bedauerlicherweise von ihrer zweifachen Wesensverwandlung nichts mitgekriegt und besteht dummerweise bis heute auf den gleichen Dingen, die schon die Kirchenväter im 2. oder 3. Jahrhundert für wahr gehalten hatten – nur Luther wusste es halt eben besser….
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