Revision
Ausgangspunkt der jüngsten heißen Debatten war meine angesichts der theologischen Position von Matthias Kroeger aufgestellte These, der Protestantismus sei nach knapp fünfhundert Jahren endgültig erledigt:
Seine ursprünglichen Anliegen sind erfüllt, seine intellektuelle Kraft erschöpft. Was bleibt, ist nur noch Häresie. Wäre nicht 2017 ein guter Termin, die Reformation ad acta zu legen?
Bis 2017 ist noch genug Zeit zur Revision. Beginnen möchte ich mit dem Gründungsdokument der lutherischen Reformation, den 95 Thesen. An jeder einzelnen These müsste sich aufweisen lassen, ob ihr Anliegen erfüllt oder sie eindeutig dem Bereich der Häresie zuzuordnen ist. Diese Revision wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen, zumal ich ja auch noch eine andere Artikelserie in petto habe.
Der Thesentext beginnt mit einer programmatischen Aussage:
Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. [Hervorhebung von mir]
Also, disputieren wir!
Ich halte diese These – “der Protestantismus” sei erledigt – zu simplifizierend. Denn von welchem Protestantismus sprechen wir denn? Sind Evangelikale Protestanten? Katholisch sind sie jedenfalls nicht.
Für tatsächlich ausgezehrt und verbraucht halte ich hingegen das institutionelle Landes- und Staatschristentum. Die Ironie dabei: dass gerade jene Maßnahmen und gesellschaftlichen (Wert-)Haltungen, die diesen nichts nützten, was eine “Durchchristlichung” der Gesellschaft betrifft, der katholischen Kirche als Medizin und Heilmittel für deren Gebreste ans Herz gelegt werden. Das ist, als würden jene, denen das Wasser fast schon über dem Kopf zusammenschlägt, jenen, denen es “nur” bis zum Halse reicht, gute Ratschläge zur Errettung aus der Not gegen. Da sage ich: Arzt, heile Dich selbst.