@Matthias:
“Jetzt also die Sakramente. In der katholischen Kirche gibt es weitaus mehr als in der evangelischen (Landeskirche).”
Seufz… Schon wieder diese Unhistorizität… Du schreibst ja direkt so, als wären die katholische und sämtliche protestantischen Kirchen gestern und gleichzeitig vom Himmel gefallen. Als hätten nicht sämtliche Christen 1500 Jahre lang gemeint, dass es 7 Sakramente gibt…
Übrigens müssen wir ja auch nicht auf irgendwelche (Dir) suspekten “Traditionen”, sondern einfach in die Bibel schauen: dass Christus etwa die Ehe als etwas Besonderes sieht und auf ihrer Unauflöslichkeit besteht, ist allein schon aus den Evangelien (wie Mk 10.1-12) völlig klar. Und Paulus liefert dann in Eph 5.21-33 auch noch den theologischen Hintergrund dazu: weil Mann und Frau die Liebe zwischen Christus und Seiner Kirche nachbilden. So gesehen habe ich die Vermutung, dass die Abschaffung der Ehe als Sakrament im Protestantismus mehr damit zu tun hat, dass Luther es für ein “weltlich Ding” hielt (bzw. mit der Leibfeindlichkeit von Calvinismus und Puritanismus), und weniger mit dem, was die Bibel wirklich sagt.
Um es mal klarzustellen: uns geht es hier nicht darum, “die Amtskirche” zu verteidigen. Uns geht es darum, dass ebendieser katholischen Kirche (offenbar als einziger christlichen Kirche!) abgesprochen wird, ihren eigenen Glauben als Wahrheit zu sehen und zu verkünden. Doch wenn mal irgendeine Konfession oder Religion ihren Glauben nicht mehr als Wahrheit sieht, dann kann sie gleich zusperren…
Wie ich schon geschrieben habe: die katholische Kirche beruft sich auf das Versprechen Christi: “Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.” Das kann man jetzt glauben oder nicht; aber die Kirche sieht darin die Zusage, dass – egal, wieviel Schwäche, Korruption und Sündhaftigkeit in der Kirche vorherrschen – sie die Glaubenswahrheiten immer voll und ganz im Sinne Christi verkünden und nie in Irrtum und Häresie abirren wird. (Die viel diskutierte “Unfehlbarkeit des Papstes” bedeutet übrigens auch genau das.)
Ja, Jesus ist die Wahrheit: aber was bedeutet das? Wenn ein anderer Jesus nur als einen großen Weisheitslehrer sieht, aber nicht als den Sohn Gottes – ist dann das eine genauso wahr wie das andere? Wenn Jesus als ein Prophet gesehen wird, der aber gar nicht gekreuzigt wurde (Islam), ist das dann auch wahr? Läuft das dann schlussendlich darauf hinaus: was die Mehrheit meiner Gemeinde darüber denkt, das ist dann wahr? Oder was?
Übrigens hat ein (evangelischer) Leser meines Blogs vor einigen Wochen treffend vermerkt (im Zusammenhang mit dem österreichischen KirchenvolksBegehren von 1995): “Da habe ich mir gedacht: wird denn neuerdings über Glaubenswahrheiten abgestimmt?”
@anonymous:
Ja, das Auftreten Luthers hatte zweifellos eine positive Wirkung auf die katholische Kirche – so wurden ja die meisten von ihm kritisierten Missstände durch bzw. im Gefolge des Tridentinischen Konzils ausgeräumt, und die katholische Kirche erhielt einen starken Schub, sich zu erneuern und sich ihrer selbst wieder zu vergewissern.
Das Problem mit Luther war aber, dass er in vielen Bereichen 1500 Jahre Apostolische Tradition einfach auf den Müllhaufen der Geschichte warf und sich damit quasi zum unfehlbaren Interpreten von allem deklarierte, dem es egal sein konnte, was vorher Jahrhunderte lang darüber gedacht und gelehrt wurde. Und dabei waren Luther noch viele Traditionen der Kirche (etwa die Beichte oder die Marienverehrung) wichtig, die dann von seinen Nachfolgern ebenfalls beiseite geschoben wurden. Bei Calvin passierte all das noch viel radikaler. Die logische Konsequenz: es gibt heute tausende christliche Kirchen und Gruppierungen, die alle glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. Doch weil dort eben der Kontakt und die Nachprüfung gegenüber der überlieferten Tradition fehlt, läuft das schlussendlich auf einen völligen Wahrheitsrelativismus hinaus – wie von Matthias skizziert.
Ich sage damit nicht, dass sich jetzt alle Protestanten plötzlich “besinnen” und Katholiken werden sollen. Sondern dass ich es für etwas seltsam halte, wenn ausgerechnet einer Kirche, die 2000 Jahre Kontinuität im Glauben und der Verkündigung hinter sich hat, vorgeworfen wird, dass sie ebendiesen Glauben für wahr hält (während anderen, die halt nicht die katholische Kirche sind, das durchaus “erlaubt” wird).
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